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Switzerlands next Top Politician

Roger Schawinski

Das Szenario war gewaltiger denn je, weil die unter neuer Leitung operierende SRG ihr Meisterstuck abliefern wollte. Alles sollte grosser, besser und eindrücklicher werden als je zuvor. Unter dem Kampfruf Relevanz wurden während Wochen zum sichtbarsten Ort des Landes – dem Bundesplatz – Wagenladungen von Politikern hin gekarrt. Zudem wurde Publikum angelockt und unbeschreiblich viel Sendezeit gefüllt, um sich mit dem maximalen Einsatz von Mitteln und einem Höchstmass an Ernsthaftigkeit dem angeblichen Megathema Eidgenössische Wahlen zu widmen. Die Bilanz dieser aufwendigen Polit-Casting-Show-Serie ist jedoch ernüchternd. Alle Ziele wurden meilenweit verfehlt – und dies hat mehrere Gründe. Das gigantische Projekt wurde in Funk und Fernsehen in nur wenige Wochen gepresst. Dann trat man im hochtourig gefahrenen Wahlbus kreischend auf die Bremsen. Denn gemäss gültiger SRG-Regelung darf in den letzten Vorwahl-Wochen keine einzige der zuvor im Übermass angelieferten Personen, falls sie auf irgendeiner der unzähligen Wahllisten aufgeführt ist, auf dem Bildschirm erscheinen, selbst wenn sie sich zu einem ganz anderen Thema äussern wurde. Das Argument hinter dieser seltsamen Regel lautet, dass jeder Auftritt eine automatische Werbemoglichkeit darstelle, und die soll in der letzten, offenbar besonders heissen Phase verunmöglicht werden. Welches journalistische Selbstverständnis steckt aber hinter einer solchen Annahme? Sollte es nicht Aufgabe des nationalen Fernsehens sein, Politiker gerade dann zu hinterfragen, damit der Zuschauer/Wahler vor seiner Entscheidung möglichst umfassend informiert ist? Und was bietet sich da besser an als kritische Interviews, ausführliche Porträts und kontradiktorische Diskussionen? Nur wer davon ausgeht, dass jeder TV-Auftritt eine automatische Gratiswerbung darstellt, kommt zu einem anderen Schluss. Vielleicht wäre es deshalb sinnvoll, wenn man bei der SRG analysieren wurde, welche Sendgefässe von Politikern für reine Werbezwecke missbraucht werden, etwa die Kurzauftritte von Politiknovizen aus der dritten Reihe der Arena. Die sollte man grundsätzlich in Frage stellen – und dies nicht nur einige Wochen vor dem Wahltermin. Auch das Ziel der erhöhten Aufmerksamkeit wurde nicht erreicht. Die Bundesplatz-Diskussionen zur allerbesten Sendezeit erzielten je länger, desto tiefere Marktanteile. Am Schluss waren es gerade noch 11 Prozent für eine 20-Uhr-Sendung – eine eigentliche Ohrfeige der Zuschauer. Die hatten sich per Fernbedienung dagegen zur Wehr gesetzt, dass man ihre gelernten Sendeplätze, wie etwa den Dienstagskrimi, ohne Not durch eine Sendung ersetzte, die nicht aufgrund einer unaufschiebbaren Aktualität programmiert wurde. Darum war das Projekt Bundesplatz rein quantitativ wohl eher ein Beitrag zur weiteren Politikverdrossenheit als für das intendierte Gegenteil. Was lernt man daraus? In einer immer vielfaltigeren und sich selbst regulierenden Medienlandschaft, mit vielen Onlineangeboten und sehr lebendigen Sonntagszeitungen, sollte die SRG mit ihrem weitgehenden nationalen Inlandmonopol die Haltung in Sachen Wahlvorberichterstattung auf den Prüfstand stellen. Dies betrifft sowohl die Programmierung als auch die Art der Sendungen. Und die Sendungs-Guillotine kurz vor der Ziellinie sollte ebenfalls in Frage gestellt werden. Mit ihr verursacht man eine kontraproduktive Hektik in den Wochen zuvor und überlasst ganz zum Schluss den anderen Medien und der knallharten Wahlwerbung mit einem Primat der Geldsacke-Parteien und -Kandidaten allein das Feld. Das wohlgemeinte Angebot der SRG hat zu suboptimalen Resultaten geführt. Doch wenn man die richtigen Analysen macht und die notwendigen Lehren zieht, wird beim nächsten Mal alles viel, viel besser…
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