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Tells Geschoss

Matthias Ackeret

Es ist das Comeback des Jahres: nicht Roger Federer auf dem Tenniscourt oder Roger Schawinski auf Blue TV, sondern Wilhelm Tell im Dienste der Schweizer Verleger. Der bärtige Urschweizer soll nach dem Willen des Verlegerverbandes und der Agentur Farner als Testimonial das Medienpaket retten, über das am 13. Februar abgestimmt wird (persoenlich.com berichtete). Eine mutige Wahl, die jeglichem Zeitgeist widerspricht: Männlich, testosteronstrotzend und aus der Urschweiz stammend muss er die urbane Schweiz, die bei der Abstimmung spielentscheidend sein wird, von der Medienunterstützung überzeugen. Dass die Freiheitstrychler meist von einem Tell-Double angeführt werden, zeigt die Flexibilität unseres Freiheitshelden.

Bereits Henry Ford sagte, Werbung wirke immer zur Hälfte, die Frage sei nur, welche. Bei Testimonials verhält es sich ähnlich. Kommt das Medienpaket durch, so funktionierte Tells Geschoss. Schliesslich hat es schon einmal geklappt – vor 730 Jahren.

Wird es abgelehnt, war es ein werbetechnischer Fehlschuss. Dass es zu Tells Zeiten keine Zeitungen gab – vernachlässigbar. Dafür ist er berühmter als Federer, Hunziker und Köppel zusammen. Gagenforderungen gibt es keine, was der finanziell angeschlagenen Branche entgegenkommt.

Auf den Plakaten sieht man, wie Tell eine Mauer einreisst; kaum diejenige des Bundeshauses, schliesslich will man staatliche Unterstützungsgelder. Dafür steht auf dem Gemäuer «Fake News». Was von hoher Selbstironie zeugt, handelt es sich bei Tell doch auch nur um einen Fake, einen historischen.



Matthias Ackeret ist Verleger und Chefredaktor von persönlich und persoenlich.com.

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Kommentare

  • Victor Brunner, 15.12.2021 09:47 Uhr
    Das Sujet erimnert an die Anbauschlacht im 2. Weltkrieg, an James Schwarzenbach, Atomschutz Ja, des roten Büchlein (Zivilverteidigungsbuch 1969) und Plakate der SVP um die Jahrhundertwende. Tell zeigt dass die Medienförderung nichts mit Innovation, gutem Journalismus der Medienunternehmen zu tun hat. Sie machen weiter wie bisher, den Blick zurück gerichtet stolpern sie in die Zukunft die sie verpasst haben. Neu nur dass die SteuerzahlerInnen den Rückblick noch finanzieren sollen. Danke an Farner für das ehrliche Sujet!
  • Werner Schneider, 15.12.2021 08:01 Uhr
    Im Vergleich zu den Milliardärs-Verlegerfamilien (Bilanz), war der Wilhelm Tell ein armer Schlucker. Aber er war wenigstens - immer gem. Legende - frei und unabhängig. Da drängen sich Neid und Verschwendung als emotionale Argumente gegen das neue Mediengesetz und gegen die Millionen Steuergelder aus Bern geradezu auf. Etwa wenn die 270 Mio. aus der Swiss Market Place Group (SMG) Transaktion, die in Form von Dividenden an die Aktionäre von TX Group, Ringier und Co. ausbezahlt werden sollen.
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