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Tragödienjournalismus ausser Rand und Band

Marlis Prinzing

Ermittlung mit Volkssportanmutung: Diesen Eindruck gewinnt man zurzeit rund um das Verschwinden der 15 Jahre alten Rebecca aus Berlin. Der «Blick» macht zumindest als Zaungast mit bei diesem Tragödienjournalismus ausser Rand und Band.

Stark bearbeitete Instagram-Fotos der Vermissten; Details über Details zu einem heiklen Zeitpunkt; Eltern, die Journalisten zur Homestory einladen; Medien, die allerlei Voyeurismus hochzüchten: Die Suche nach dem Teenager, der am 18. Februar verschwunden ist, wirft medienethisch vielerlei Fragen auf. Vier davon wiegen besonders schwer.

Erstens: Es ist nachvollziehbar, dass eine Familie auch emotional völlig durcheinander ist, wenn eine 15-Jährige über Wochen hinweg verschwunden bleibt und mit allem zu rechnen ist. Nachvollziehbar ist ferner, dass Menschen in solchen Extremsituationen überfordert und wenig rational reagieren. Nicht nachvollziehbar ist hingegen, wenn manche Medien diesen emotionalen Ausnahmezustand als Freibrief und als Einfallstor nutzen, um eine reichweitenträchtige Schicksalsstory rund um ein mutmassliches Verbrechen aus dem Wohnzimmer der Betroffenen zu erzählen und jedem, dem das gefällt, ermöglichen, sich aus der Nähe am Leid der anderen zu vergnügen. Denn Medienprofis, die verantwortungsbewusst Journalismus mit Qualität produzieren, orientieren sich an einem berufsethischen Kompass wie dem Pressekodex, um zu entscheiden, was privat ist und was von öffentlichem Interesse. Zudem sind sie in keiner emotionalen Sondersituation wie die betroffene Familie, sondern in einer normalen Berufssituation. Konkret: stapelweise Harmonie-Bilder aus dem Familienalbum von Rebecca Reusch zu einer fünf Seiten langen Story zu verarbeiten, wie dies aktuell die «Bunte» in ihrer Printausgabe macht und online ergänzt, hat keine öffentliche Relevanz, sondern dies illustriert lediglich einen tragischen Einzelfall und bedient die Sensationslust Nicht-Betroffener.

Zweitens. Im Rechtsstaat wie im verantwortungsbewussten Journalismus gilt die Unschuldsvermutung. Wir alle sind angehalten, Tatverdächtige nicht medial vorzuverurteilen. So ist zumindest fragwürdig wie oft der Schwager der Vermissten abgebildet wird; er ist in Untersuchungshaft und tatverdächtig, aber nicht als Täter verurteilt. Dass die Polizei die Bilder zur Verfügung stellte, rechtfertigt dies so wenig wie die Einladung der Familie, die hier zudem Opfer- und Täterfamilie sein könnte, in ihr Zuhause. Denn Journalisten bleiben selber in der Verantwortung für die Entscheidung, was sie öffentlich machen, sowie für absehbar daraus entstehende Folgen.

Drittens. Irritierend ist das auch in Medien (unter anderem im «Blick») wohl am häufigsten benutzte Bild, mit dem die Suche nach Rebecca illustriert wird: Ein stark bearbeitetes, auffälliges Instagram-Bild, das einen Subtext nahelegt zu einer möglichen Lolita-Geschichte und mit dem man die Vermisste niemals identifizieren könnte.

Viertens. Vollends verstörend wirkt, wie nun manche Medien offenbar Profit darin sehen, der Auseinandersetzung zwischen Familie und Polizei ein Forum zu liefern. Im Fadenkreuz: der in Untersuchungshaft sitzende Schwager, den die Familie aus der Schusslinie nehmen will. «Bunte» und «Berliner Morgenpost» beispielsweise geben Rebeccas Eltern Raum, um eine Art alternative Täterfigur aufzubauen, einen Bekannten, den die verschwundene Rebecca via Internet kennengelernt haben soll. «Focus Online» und «Bild» geben einem «Gefängnis-Insider» (wer auch zu diesem Kreis gehören mag) das Wort. Diese Person beschreibt die Zelle und den dort in Untersuchungshaft einsitzenden Schwager: Es habe einen offenen und freundlichen Blick und sehe nicht aus, «wie ein Mann unter Totschlagverdacht». Zynischer geht es kaum: Weshalb bedarf es überhaupt in irgendwelchen Kriminalfällen noch einer polizeilichen Ermittlung oder einer Gerichtsverhandlung, wenn Menschen Schuld und Unschuld ins Gesicht geschrieben steht? Und: In der Kommunikationsforschung kennt man den Begriff der «opportunen Zeugen». Er beschreibt das Phänomen, dass Experten als «Zeugen» in Berichten von manchen Journalisten so ausgewählt werden, dass diese Experten die Auffassung des Journalisten quasi stellvertretend kundtun. Eine derartige Parteinahme ist übertragen auf den Fall Rebecca erst recht fatal: Noch laufen die Ermittlungen, noch ist das Mädchen verschwunden. 

Die vier Punkte haben eines gemeinsam: Sie markieren eine tragödienjournalistische Aufbereitung einer tragischen Wirklichkeit. Das kann niemand mit Mitgefühl und Verantwortungsgefühl wirklich wollen.



Marlies Prinzing ist Professorin für Journalistik an der Hochschule Macromedia in Köln, Moderatorin, Kolumnistin («Der Tagesspiegel», «Der Standard»), Buchautorin und Herausgeberin diverser Fachbücher.

Unsere Blog-Autoren vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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