Über 100 Tage Trump-Präsidentschaft liegen hinter uns, und angesichts des Chaos, der Unsicherheit und des Zoll-Wahnsinns wirken sie wie eine Drohung ob der noch vor uns liegenden über 1300 Tage. Freilich hat es sich dieser Präsident nicht nehmen lassen, seine Sicht der Dinge bei einer Rede in Michigan darzulegen, und für den Mann, der nichts mehr liebt als Superlative, waren diese ersten 100 Tage selbstverständlich die erfolgreichsten in der Geschichte der USA. Die Wahrheit war das seine nie.
Im Wahlkampf zeichnete Trump das Bild der USA als «Failed State», als ein Land, das sich im Niedergang befinde, das von der Welt verlacht und ausgenutzt würde und dessen Retter nur er allein sein könne. Damals, zum Ende der Biden-Präsidentschaft, stand der Dow Jones bei rund 43'000 Punkten (den höchsten jemals gemessenen Stand von 43'260,66 Punkten hatte er kurz zuvor erreicht), die Arbeitslosigkeit lag bei 4,2 Prozent (also Vollbeschäftigung), und beinahe alle Wirtschaftsdaten zeugten von nachhaltigem Wachstum. Trump versprach, die Vereinigten Staaten in ein neues «Golden Age» zu führen – die ersten 100 Tage führte er sie allerdings in die entgegengesetzte Richtung.
Nachdem Trump am 2. April im Rosengarten des Weissen Hauses seine Tafel mit den geplanten Zöllen präsentiert hatte, kollabierten die Börsen weltweit, vor allem aber in den USA, und machten dort aus dem April den schlechtesten US-Börsenmonat seit der «Great Recession» 1929. Zwischenzeitlich wurde ein Börsenwert zwischen 6 und 9 Billionen Dollar vernichtet. Die Gründe waren ebenso bizarr wie bemerkenswert: Zum einen waren die sogenannten «reziproken Zölle» deutlich über jeder Erwartung gewesen (34 Prozent für China, 46 Prozent für Taiwan, 20 Prozent für die EU und 31 Prozent für die Schweiz), zum anderen basierten sie auf einer Formel, die jeglichen ökonomischen Sinnes entbehrt. Die angeblichen «Zölle», die zum Beispiel die Schweiz auf US-Waren erhebe, wurden mit 61 Prozent beziffert, wer könne also böse sein, wie Trump es sagte, wenn die USA je die Hälfte des Prozentsatzes als Gegenzölle verlangten. Das Problem: Die tatsächlichen Zölle, die die Schweiz auf US-Waren erhebt, belaufen sich im Schnitt gerade einmal auf 1,5 Prozent, während auf beinahe 99 Prozent aller US-Waren überhaupt keine Zölle erhoben werden. Woher also die Zahlen? Sie basieren auf einer kuriosen Formel, die das Handelsdefizit eines Landes mit den USA durch den Gesamtexport in die USA dividiert. Leider widerspricht das Ergebnis dem, was gemeinhin als Zölle verstanden wird, und die Gleichsetzung mit ihnen ist im Mindesten problematisch.
Des Weiteren wird das, was diese Zölle laut Trump angeblich leisten sollen – die unliebsamen Länder, die ein Handelsdefizit mit den USA aufweisen, zur Kasse zu bitten –, in der Praxis nicht aufgehen, da die Zölle üblicherweise dem Importeur, also dem amerikanischen Kunden, aufgeschlagen werden, nicht dem exportierenden Land. Der absonderliche Schluss, der daraus erfolgt, scheint zu sein, dass Trump das Prinzip von Zöllen gar nicht wirklich begreift.
Wenig hilfreich waren auch Kuriositäten wie der Fakt, dass Heard Island mit Zöllen bedacht wurde – eine Insel im Pazifik, die von Pinguinen und nicht von Menschen bewohnt wird – oder die zahlreichen widersprüchlichen Auftritte seiner angeblichen Zollexperten: darunter Handelsminister Howard Lutnick, der die Zölle als Druckmittel versteht; der von Trump aus dem Gefängnis geholte Peter Navarro, der am liebsten dauerhafte, noch höhere Zölle hätte; oder Finanzminister Scot Bessent, der mal das eine, mal das andere sagt – wodurch endgültig der Eindruck maximaler Verwirrung entstand.
Der Irrsinn, den das Trump-Lager anrichtet, scheint so wahnwitzig und offenbar, dass schnell die Vermutung laut wurde, es stecke ein ausgeklügelter Plan dahinter. Der Name «Mar-a-Lago Accord» machte die Runde – ein Papier aus der Feder von Stephen Miran (Vorsitzender des Council of Economic Advisers) und Scott Bessent, das eine Abwertung des Dollars zum Ziel hat und eine durch Zölle gesteuerte Restrukturierung des Welthandels zugunsten der USA. Das bisherige Vorgehen – allen voran Trumps eigene Aussagen – gibt jedoch wenig Anlass zur Hoffnung. Zu Recht macht sich die Sorge breit, einen nicht nur unberechenbaren, sondern inkompetenten Menschen an der Spitze des mächtigsten Landes der westlichen Welt zu haben.
Doch angenommen, es steckt tatsächlich ein Plan dahinter – ein durchtriebener Versuch, sich auch künftig die Macht zu sichern –, so muss insbesondere auf Trumps Streben geschaut werden. Denn eines ist klar: Bei allem Wahnsinn verfolgt Trump mit erschreckender Offenheit ein Ziel: die erneute Kandidatur 2028 (die entsprechende rote MAGA-Cap wurde bereits vorgestellt).
Und der beste – vielleicht einzige – Weg dorthin: ein überragender Sieg der Republikaner bei den Midterms am 3. Oktober 2026, um das Gesetz zu kippen, das Präsidenten auf zwei Amtszeiten beschränkt. Könnte der Plan also sein: Chaos durch Zölle → Schwächung des Dollars → Zinsen runter → Wirtschaft stärken → ab Winter den Wahnsinn zurückfahren → Handelsstreit beenden → Steuergeschenke → Deregulierung → allgemeines Wohlgefallen vor der Wahl erzeugen?
Ein perfider Plan – das Haus selbst anzünden und sich feiern lassen, wenn man die Bewohner rettet. Der Schaden am Haus? Interessiert Trump nicht.
Wir bewegen uns tief im Hypothetischen. Doch was wäre, wenn all das eintrifft? Dann könnte Trump erneut kandidieren – und ebenso die Demokraten.
Und so könnte es zum ultimativen politischen Showdownkommen: Donald J. Trump gegen Barack Obama.
Alles Traum und Fantasie natürlich. Aber dem Schriftsteller muss es erlaubt sein, zu träumen – was bleibt einem sonst übrig in diesen verrückten Zeiten? Und falls der absurde Traum Wirklichkeit wird: Dieser Autor wird vor Ort sein – zumindest, wenn ihn die trumpsche Border Patrol ins Land lässt.
Pablo Klemann ist Schriftsteller (Münster-Verlag) und Investor bei MK 27 Beteiligungen.
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USA: Trumps Endgegner