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«Dialog»: Überholt Peter Thiel das WEF auf der rechten Spur?

Herausgefordert durch «Dialog», eine Art Bilderberg-Klub des Silicon Valley, wird nicht nur das jährliche Gipfeltreffen in Davoser, sondern auch die neoliberale WEF-Agenda. Denn der «Dialog»-Initiant heisst Peter Thiel und ist offen demokratiefeindlich. Damit erhalten auch die alten Fragen nach Transparenz und Legitimität neue Brisanz.

Thiel ist ein Tausendsassa: Der Big-Tech-Pionier und milliardenschwere Investor finanziert neben Trumps Maga-Bewegung und Plattformen wie dem kürzlich lancierten KI-Tribunal gegen investigative Medien auch geheime Netzwerktreffen der globalen Polit- und Wirtschaftselite. Letzteres schon seit 20 Jahren! Richtig ans Licht der Weltöffentlichkeit kam sein «Dialog»-Zirkel aus Minister*innen, Milliardär*innen und Meinungsmacher*innen aber erst Mitte Juni durch einen inzwischen tausendfach geteilten BlueSky-Post. Dieser stammt von Maia Arson Crimew, die Cyberpunk-Kolumnen für das Onlinemagazin «Das Lamm» schreibt und sich in den USA schon 2023 unbeliebt machte, als sie die behördliche «No-Fly-Liste» aller mit einem Einreiseverbot belegten Personen veröffentlichte. Ihr Post enthält die Namen von 113 Teilnehmenden dieses «Bilderberg des Silicon Valley» (Forbes), das alljährlich in Nobelhotels rund um die Welt stattfindet.

Im Heimatland der Luzerner Hackerin ist ihr neuerlicher Scoop bislang fast unbemerkt geblieben. Einzig Politaktivistin Sanija Ameti wundert sich auf LinkedIn. Aber nicht über das Schweigen der Schweizer Medien. Für die Ex-GLP-Frau ist der «eigentliche Skandal» an der explosiven Liste, dass darauf auch linksliberale Prominenz wie Ezra Klein, Kolumnist der New York Times, oder die EU-Vizepräsidentin Kaja Kallas steht. Auch andere Spitzenpolitiker*innen, Wirtschaftsführer*innen und Top-Wissenschaftler*innen sind offenbar Thiels Einladung «to discuss geopolitical and economical topics off-the-record» (O-Ton Website) gefolgt, darunter auffallend viele Big-Tech-Topshots und US-Abgeordnete, aber auch Konzernchefs wie Vas Narasimhan. Während deutsche Medien den ebenfalls auf der Liste firmierenden Ex-Gesundheitsminister und CDU-Fraktionschef Jens Spahn sofort zur Stellungnahme nötigten, lässt die Teilnahme des Novartis-CEOs die hiesigen Redaktionen mit Ausnahme der WOZ Wochenzeitung offenbar kalt.

Dabei gäbe es neben dem Pharmaboss, der Cyberpunkerin und Thiels kürzlicher Zürcher Gerichtspleite mit Palantir aus Schweizer Sicht noch einen gewichtigen Grund mehr, dem obskuren «Dialog»-Klub journalistisch auf den Zahn zu fühlen. Denn der Zulauf, den Thiels Treffen auch aus bislang unverdächtigen Ecken des gesellschaftspolitischen Spektrums haben, ist Ausdruck jenes ideologischen «Vibe Shift» (von linksliberal zu rechtslibertär), der nach den Grenzen des Sagbaren offenkundig auch die Grenzen des Teilnehmbaren deutlich verschoben hat. Und dieser global beobachtbare Stimmungswechsel trifft das WEF in einer Phase von Umbruch und Neuorientierung. «Bleibt das Forum eine von einer Mission getragene Institution oder wird es schrittweise zu einem markengetriebenen Konferenz- und Netzwerkunternehmen?» fragte dessen Gründer Klaus Schwab letzte Woche sorgenvoll in der NZZ. Und machte damit den seit seinem ruhmlosen Abgang noch heftiger tobenden Richtungsstreit öffentlich.

Schwab richtete sein Fähnchen zwar immer nach dem Wind, aus dem der Zeitgeist gerade blies. Zuletzt verbannte er alles auch nur entfernt woke Wirkende von der Davoser Agenda und hofierte dafür Donald Trump und andere Autokraten. Doch nun droht sein neoliberales Lebenswerk rechts überholt zu werden von Kreisen, für die globaler Freihandel ein Graus ist und denen gesetzliche Deregulierung viel zu wenig weit geht. Thiel hält «Freiheit und Demokratie» schon lange für «nicht mehr kompatibel» und würde Staat, Medien und Zivilgesellschaft am liebsten gleich ganz abschaffen. Oder zu Serviceprovidern der Konzernwelt umbauen. Während Schwab «bloss» für den Primat der Wirtschaft über die Politik einstand, arbeiten die radikallibertären Big-Tech-Bros an einer Diktatur der Wirtschaft. Und: Laut Thiel ist «Wettbewerb für Verlierer». Sollte er also Ernst machen mit seinem «Dialog», könnte es so weit kommen, dass wir uns noch das gute alte WEF zurückwünschen.

PS: Achtung, Roger Köppel, Guy Parmelin oder Magdalena Martullo-Blocher, der Zutritt zu dem illustren Zirkel ist bislang «on invitation only», Schweizer Bewerbungen sind also zwecklos.


Oliver Classen ist seit über zehn Jahren Mediensprecher der NGO Public Eye. Davor arbeitete er als Medienredaktor für die Werbewoche und war Journalist bei Handelszeitung und Tages-Anzeiger.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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