04.06.2013
Sacha Wigdorovits
Der Wechsel von Fussballtrainer Uli Forte vom Grasshopper Club Zürich zu den Berner Young Boys hat in den letzten Tagen beinahe ebenso viele Emotionen entfacht, wie das Steuerabkommen mit den USA. Um es vorwegzunehmen: Dass Uli Forte bei seiner ersten Pressekonferenz mit YB seinen bisherigen Arbeitgeber GC kritisiert hat, war nicht gut. So etwas macht man nicht. Aber das rechtfertigt noch lange nicht die Kritik, die er sich von Fans und gewissen Medien schon vor diesem missglückten Auftritt hatte gefallen lassen müssen. Diese Kritik ist undankbar von den Fans, denen er mit GC einen völlig unverhofften Cupsieg und den zweiten Rang in der Meisterschaft beschert hat. Und sie ist total scheinheilig von den Medien, wie zum Beispiel dem
Tages-Anzeiger, der ihm Opportunismus vorwirft. Opportunismus? Was genau soll verwerflich daran sein, wenn einer unter Einhaltung sämtlicher vertraglicher Verpflichtungen – und nachdem er, notabene, sehr gute Arbeit geleistet hat, also sein Geld wert war – ein Jobangebot annimmt, das besser ist als sein bisheriges? Opportunismus soll dies sein? Als seinerzeit das Ringier-Konzernleitungsmitglied Martin Kall die (Limmat-)Seiten wechselte und CEO von Tamedia wurde (auch nicht zum gleichen Tarif), stand solches jedenfalls nicht im Tages-Anzeiger zu lesen. Und Tagi-Journalist Thomas Schifferle, der jetzt selbstgerecht über Uli Forte herzieht, hat wohl auch vergessen, dass er seinerzeit genau das Gleiche tat, als er von der Blick- in die Tages-Anzeiger-Sportredaktion wechselte. Mit einem Unterschied: Er arbeitet in einer Branche, in der die Halbwertszeiten für eine Beschäftigung weitaus höher und die Stellen sicherer sind, als im Schweizer Fussball. Denn dieser kann für sich die traurige Ehre in Anspruch nehmen, dass in keinem anderen Land die Trainer so schnell entlassen werden wie in unserer Raiffeisen Super League. Und weshalb werden sie dies? Weil die meisten Klubführungen in hektischen Aktivismus geraten, wenn ein Trainer, dem es gerade nicht gut läuft, von den Medien kritisiert wird und diese bedenkenlos seinen Kopf fordern.
Wenn also ein Coach seine Stelle wechselt, weil er am neuen Arbeitsplatz doppelt so viel verdient und einen dreimal so langen Vertrag hat, wie jetzt Uli Forte bei YB, dann hat dies nicht zuletzt mit dem (Trainer-)Köpfe fordernden Opportunismus der Medien selber zu tun. Nicht mit seinem eigenen. Und wenn Medien wie der Tages-Anzeiger merken, dass solch bigotte Heuchelei ihren Leserinnen und Lesern auf die Nerven geht, wird es ihnen vielleicht sogar gelingen, gleich erfolgreich zu werden, wie es Uli Forte mit GC war.
Sacha Wigdorovits ist Kommunikationsberater. Als Journalist war er früher unter anderem Redaktor beim Tages-Anzeiger sowie Sportchef und Chefredaktor des Blick. Später war er Mitbegründer der Pendlerzeitungen 20minuten und .ch
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: Uli Forte und die Heuchelei der Medien