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Warum Journalismus jetzt nicht schweigen darf

«Was hat Journalismus mit Demokratie zu tun?» Diese Frage diskutierte ich vor zwei Wochen mit rund 200 Lernenden an einer Berufsschule in St. Gallen. Eine Generation, die kaum lineares Fernsehen schaut und wenig Radio hört, dafür Podcasts und digitale News-Formate nutzt – und in der Debatte um die Halbierungsinitiative bisher kaum vorkam. Umso klarer war ihr Bild: Demokratie und Journalismus gehören zusammen. 

«Die Medien sind die vierte Gewalt.» Klartext auf bunten Post-its. Die Lernenden sagten, wozu Medien da sind: den Mächtigen auf die Finger schauen, Aussagen von Politiker:innen prüfen, Skandale aufdecken, Informationen verbreiten. Auf einem gelben Zettel stand ein Satz, der hängen blieb: «Journalismus ist der Sauerstoff der Demokratie.»

Wie viel Sauerstoff braucht eine Demokratie? Reicht die Hälfte? Oder ist sie längst in Schnappatmung? In der Medienwelt wird die Luft spürbar dünner. Die WOZ sprach kürzlich von einem «fatalen Schweigen» in der Branche, gestützt auf eine Umfrage von Tsüri.ch. Viele Medienschaffende äussern sich lieber gar nicht zur Halbierungsinitiative, als öffentlich etwas Falsches zu sagen.

Die Gründe sind bekannt. Rückzug im Namen der Neutralität. Angst, anzuecken oder den Job zu riskieren. Beides real. Trotzdem bleibt die Frage: Ist es nicht gerade jetzt unsere Aufgabe als Journalist:innen, Falschaussagen zu korrigieren und Fakten entgegenzuhalten, wenn Kampagnen mit Nebel arbeiten?

Denn was hier passiert, ist ein Kampf mit ungleichen Spiessen. Auf der einen Seite steht die wählerstärkste Partei. Auf der anderen eine SRG, die zur Zurückhaltung verpflichtet ist. Die einen dürfen laut trommeln, die anderen müssen sachlich bleiben. Allein das zu benennen, gehört zur journalistischen Sorgfalt.

Wenn wir die Rolle ernst nehmen wollen, in der uns die Lernenden aus St. Gallen sehen, braucht es jetzt Mut zur Klarheit. Dazu gehört auch, Fakten einzuordnen. Etwa, dass Journalist:innen bei der SRG persönlich vielleicht eher links-liberal denken – sich das aber, wie Studien zeigen, nicht in der Berichterstattung niederschlägt.

Wie wir uns als Journalist:innen und eben auch als Bürger:innen gegen den gezielten Angriff auf das Mediensystem wehren können, bespreche ich mit Werner van Gent in der ersten Folge des Podcasts «Rendez-vous am Küchentisch» (persoenlich.com berichtete). Allein ist dieser Mut schwer aufzubringen. Darum setze ich auf Gespräche. Vielleicht entsteht daraus eine Kettenreaktion. Dass Medienschaffende auch als Bürger:innen Klartext sprechen. 

Und zum Schluss etwas, das mir wichtig ist: Mein Respekt gilt ausdrücklich auch all jenen Kolleg:innen, die zu einer anderen Einschätzung kommen. Unterschiedliche Meinungen gehören zur direkten Demokratie. Und genau deshalb brauchen wir diese Debatte – auch unter uns Journalist:innen.


Pascal Nufer ist Journalismus-Dozent an der ZHAW und freier Journalist. Er arbeitet mit Schulen zu Themen der Nachrichtenkompetenz und engagiert sich im Kampagnenteam der Stiftung für direkte Demokratie gegen die Halbierungsinitiative. Von 2004 bis 2019 war er Korrespondent in Asien, zuletzt für SRF. Bis Dezember 2025 war er in Teilzeit bei der SRG tätig.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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KOMMENTARE

Peter Eberhard
20.01.2026 10:06 Uhr
Erstens: Ungleiche Spiesse? 70% der Wähler (unter anderen ich) wählen nicht die wählerstärkste Partei. Diese sind nicht zur Zurückhaltung verpflichtet. Zweitens: "Ein Journalist sollte sich nie mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten" (Hans-Joachim Friedrichs). Drittens: Danke für den letzten Absatz