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Was es für ein "Schweizer Amazon" braucht

Klaus-Dieter Koch

Coop und Swisscom haben sich zusammengeschlossen, um mit Siroop den beliebtesten Onlinemarktplatz der Schweiz zu schaffen. Zurzeit noch im Beta-Stadium, soll es 2016 so richtig losgehen. Der Schachzug könnte geschickt sein, denn die Migros-Tochter Digitec-Galaxus hat sich noch nicht als Nummer eins etabliert. Doch was braucht es, um das neue "Schweizer Amazon“ zu werden? Wo haben Schweizer Geschäftsmodelle Nachholbedarf?

Was macht den Erfolg der digitalen Industrie aus? Was kann man von Amazon lernen? Warum werden analoge Geschäftsmodelle regelmässig in den Schatten gestellt und wohin geht die Reise aus Sicht der Markenstrategen?

Es geht nicht um Technologie, sondern um Kundennähe:
Digitale Geschäftsmodelle und auch Amazon zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich direkt auf die Schnittstelle zum Kunden setzen und sich dessen vollkommener Befriedigung verschrieben haben. Dem sind sie bereit alles unterzuordnen. Technologie ist dazu ein perfektes Hilfsmittel, aber nicht der Antrieb. Egal ob der Klassiker Amazon oder der höchstbewertete Newcomer Uber, es ist die kompromisslose Kundenorientierung, die den Erfolg generiert. Hier haben Schweizer Geschäftsmodelle noch erheblichen Nachholbedarf, da auch der Schweizer Mindset sich eher an Prozessen und Strukturen orientiert als an den Wünschen und Befindlichkeiten der Kunden.

Menschen wollen sich seit jeher verbinden und vernetzten – dies gilt es zu nutzen:
Früher im Dorf und in der Familie, heute in der Community und das am besten weltweit: Der Drang sein Leben zu verbessern, indem man sich mit anderen Menschen verbindet ist schon immer da und wird heute durch digitale Hilfsmittel erstmals für jeden einzelnen im globalen Massstab skalierbar. Darauf baut auch Amazon und stellt die Wahrnehmung und die Beurteilungsfähigkeit in den Mittelpunkt. Ganz gleich ob die Kundenrezensionen oder die legendäre Funktion "Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch…“, die Online-User vom Wissen und Geschmack der anderen profitieren lässt: Es geht nicht mehr darum, alles selbst bestimmen zu wollen, sondern die Kunden und ihre Sicht der Dinge für voll zu nehmen und geschickt zu nutzen.

Aus der "Economy of Money“ wird die "Economy of Love“:
Die grösste Veränderung, die soziale und digitale Applikationen beschleunigen, ist der Wandel von einer geldgetriebenen zu einer aufmerksamkeits-, beziehungs-, sozial- und im Endstadium liebesgetriebenen Wirtschaft. Follower, Likes, Rezensionen, Bewertungen, Empfehlungen, Loyalität, Interaktionen und das Teilen von Inhalten sind Derivate des grössten menschlichen Gefühls – der Liebe. Zukünftige digitale Geschäftsmodelle sollten Wege finden, diese Erfolgstreiber in ihre Tätigkeit zu integrieren. Geld und dessen Derivate wie Rabatte, Promotionsaktionen und verschiedene Boni werden zu einer Selbstverständlichkeit degradiert, die immer weniger kaufentscheidend sind.

Wenn Siroop gegen die Skaleneffekte von Amazon & Co. eine Chance haben will, müssen sie Kundennähe neu definieren, ihre Kunden als Menschen sehen und zu nutzen und lernen, ihre Kunden zu lieben.


Klaus Koch ist Managing Partner der Managementberatungsfirma Brand Trust und einer der führenden Markenexperten im deutschsprachigen Raum. Er berät Unternehmen, hält Referate und hat mehrere Sachbücher zum Thema Markenstrategie verfasst, zuletzt "No.1 Brands – Erfolgsgeheimnisse starker Marken".

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