«Persönlich» hat am Freitagabend in Zürich den «Suisse Podcast of the Year 2026» gewonnen. Doch nicht ein Talk des «persönlich»-Magazins, das Sie gerade lesen, räumte den Preis ab. Sondern eine 50 Jahre alte Radiosendung.
Eine grossartige Radiosendung, zweifelsohne. Aber eben eine Radiosendung. Seit 50 Jahren. Das World Wide Web ist jünger, Streaming sowieso.
Ist eine Radiosendung ein Podcast? Die Frage stellt sich vor der Preisverleihung an einem von Moderator Stephan Lendi klug geleiteten Panel. 50 Prozent des Publikums drückt der SRF-Nachrichtensendung «Echo der Zeit» den Stempel «Podcast» auf, 50 Prozent verweigert ihn. Das «Echo» ist 80 Jahre alt.
Meine These ist: Beide sind keine Podcasts, beide sind fürs lineare Radio produzierte Sendungen, die auf Podcast-Portalen zweitverwertet werden. Zu Recht: Beide finden auch da ihr Publikum, wahrscheinlich sogar viel Neues.
Aber sie sind nicht vom linearen Zeitalter entkoppelt und befreit – genau das aber macht einen Podcast aus! Sie sind vielmehr auf die Minute darin gefangen: Die Sendedauer von SRF Persönlich wie auch SRF Echo richtet sich an ihrem Mutterschiff aus, dem Radio. SRF Persönlich ist immer rund 50 Minuten, weil das Radioformat diesen Zeitrahmen zwingend vorgibt. Das gilt für alle «Pseudo»-Podcasts, die auf ein lineares Format ausgerichtet sind und auf Podcast-Plattformen lediglich eine zweite Heimat finden.
Im Gegensatz dazu «echte» Podcasts wie «Alles gesagt?» der deutschen «Zeit»: Die Gespräche dauern so lange, wie sie eben dauern, gerne auch mal drei Stunden.
Originär lineare Formate von Radio oder TV sind auch um ein Vielfaches aufwendiger produziert (weil man es muss) als Podcasts (weil man es nicht muss), unterliegen publizistischen Richtlinien, die weit über Podcasts hinausgehen, haben einen anderen finanziellen Rahmen als «echte» Podcasts, die möglicherweise noch immer am Küchentisch entstehen.
Ich will nicht romantisieren: Grassroots ist keine Bedingung. Die ersten RSS-Feeds waren Radio. Man kann also gerne die These vertreten, alles, was auf einer Podcast-Plattform parkiert ist, sei auch einer.
Aber möglicherweise kommen, wie Andrea Bleicher von der Agentur Panda & Pinguin auf einem der Panels am Freitag meinte, die aufregendsten, originären Podcasts nicht aus etablierten Medienhäusern. Wie auch der älteste Videopodcast der Schweiz, Tele Blocher, 2007 für die Onlineverbreitung ins Leben gerufen wurde und niemals eine SRF-Erfindung hätte sein dürfen.
Dem Team von SRF-«Persönlich» sei der Preis sehr gegönnt für eine wirklich herausragende Radiosendung, die auch auf Podcast-Portalen abrufbar ist.
Michael Perricone ist ehemaliger Journalist und selber Host von zwei Podcasts.
Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.
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31.03.2026 10:06 Uhr



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Swiss Podcast Awards: Was ist eigentlich ein Podcast?