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Wenn Bilder plötzlich lügen

Marco Meroni

Am späten Abend des 13. August 2016 produzierten der Rod-Mitarbeiter Stefan Erdin und der Fotograf Bruno Augsburger ein Müll-Bild (siehe unten). Das Tanzvolk der Streetparade war in die Clubs der Stadt weitergezogen und hinterliess ihren Abfall. Viel Abfall. So viel Abfall, wie die SBB an einem einzigen Tag in der ganzen Schweiz entsorgt. Und genau das versuchten wir als damalige Werbeagentur der SBB bildlich zu veranschaulichen. Wir taten dies am Bahnhof Stadelhofen in Zürich und inszenierten das Bild mit dem Müll, der da liegengeblieben war.

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Soviel zum Ursprung eines Bildes, das vor drei Jahren «20 Minuten» publizierte als Nachweis der Leistungsfähigkeit der SBB im Bereich der Abfallentsorgung, und das hernach wieder verschwand. Das Bild hatte seinen Informationszweck erfüllt.

Nun ist das Bild wieder da. Und schlägt im Gegensatz zu seiner Erstverwendung geradezu tsunamische Wellen. Es zirkuliert, tausendfach geteilt, seit einigen Tagen in den sozialen Medien und will dort als Beweisfoto die Bigotterie von Klimademonstrierenden belegen. Will, versehen mit einem hämischen Kommentar, bezeugen, was an der letzten Klimademo zurückblieb von der leidenschaftlichen Forderung nach einer intakten Welt. Müll.

Aber es blieb mehr zurück. Bei all denen, die den Post teilten, blieb offenbar die Überzeugung haften, dass jene, die sich um die Zukunft des Klimas sorgen, scheinheilige Heuchler seien. Unredliches Volk. Und solches habe keinen legitimen Anspruch auf Protest.

Das darf nicht unwidersprochen bleiben.

Das Bild vor dem Bahnhof Stadelhofen in Zürich wurde damals in die Öffentlichkeit gestellt, um eine bestimmte Information zu gestalten. Die Erfahrung, ihm nun als Instrument der populistischen Empörungsmobilisierung wiederzubegegnen, hat fast etwas Paranormales. In allererster Linie aber etwas Lehrreiches.

Als Kommunikationsagenturen und als Medien tragen wir Verantwortung für die Bilder, die wir produzieren und für die Kontexte, in denen wir sie veröffentlichen. Diese Verantwortung ist heute aber kein linearer Prozess mehr, der mit der Publikation einer zuvor auf ihre Korrektheit überprüften Information endet.

Der Fall des Müll-Bildes am Bahnhof Stadelhofen zeigt eines ganz deutlich: Die Verantwortung gegenüber der Richtigkeit eines produzierten Kommunikationsinhalts tragen wir heute weit über seinen Publikationstermin hinaus.

Das erfordert zweierlei: stete Wachsamkeit und die Bereitschaft, unlautere Modifikationen und Verwendungen unserer Kommunikationsprodukte umgehend und wirkungsmächtig richtigzustellen – auch wenn das Nerven und Zeit kostet.



Marco Meroni ist PR-Berater und Mitglied der Geschäftsleitung von Rod Kommunikation in Zürich.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

 

 

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