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Wenn die Bildung ruht

René Zeyer

Über die grossartige, von Apple abgeschaute neue Werbekampagne «Wir werden nicht ruhen» der UBS haben wir uns schon lustig gemacht. Jetzt kommt es aber wieder knüppeldick für die Bank. Als eines der Sujets wählte sie den bekannten Schweizer Architekten Le Corbusier (eigentlich Charles-Édouard Jeanneret-Gris). In bester Werberschaumschlägerei textet die Bank: «Bis Le Corbusier seine eigene, klare Formensprache gefunden hatte, wollte er nicht ruhen.» Das passt ja prima zur Ansage, dass auch die UBS einen klaren Strich (unter die Vergangenheit) gezogen habe, den Architekten mit der runden, schwarzen Brille kennt ja nun jeder, super Typ, passt. Ist ja schliesslich auch auf der 10-Franken-Note verewigt, kann nichts schiefgehen. Soweit alles im grünen Bereich, wie ein Banker sagen würde. Leider sind aber sowohl Bank wie die verantwortliche Werbeagentur offensichtlich völlig frei von Bildung oder historischen Kenntnissen. Braucht man im Banking ja auch nicht wirklich, wo es bei einem Haus im Wesentlichen darauf ankommt, wieviel es Wert ist und ob man ein hübsches Hypothekarschrott-Derivategebastel drüberstülpen kann. Nun ist aber Le Corbusier nicht nur für seine klare Formensprache, sondern auch für sein antisemitistisches Gedankengut und seine klare Nähe zu Diktatoren bekannt, seine Vorliebe für das Vichy-Regime; bei diesen Nazi-Kollaborateuren war er Verantwortlicher für den Städtebau in den besetzten Gebieten Frankreichs. Auch die Kriegsführung Hitlers begrüsste er, und gerne hätte er auch für Mussolini oder Stalin gebaut. Zitat gefällig? Bitte sehr, Originalton Le Corbusier aus einem Brief an seine Mutter: «Wenn es ihm mit seinen Ankündigungen ernst ist, kann Hitler sein Leben mit einem grossartigen Werk krönen: der Neugestaltung Europas.» Ein zynischer Schelm, der da denkt: Na, passt doch irgendwie zur Neugestaltung der UBS. Autsch. Nach kurzer Gegenwehr gegen Proteste vor allem aus jüdischen Kreisen zog die Bank nun dieses Inserate-Sujet zurück, mit der tapferen Erklärung: «Wir wollen mit unserer Werbung eine Botschaft an unsere Kunden senden und wir möchten nicht, dass diese in einer Kontroverse um Le Corbusier untergeht.» Bleiben zwei Fragen und eine Anregung. Welche Botschaft wollte die UBS denn eigentlich senden? Vielleicht: Wir haben weder von der Geschichte Europas, le Corbusiers oder unserer eigenen eine Ahnung. Und: Wieso feuert sie nicht ihre offensichtlich genauso ungebildete wie unfähige Werbeagentur? Die Anregung: Wieso dann nicht gleich mit Hitler, Stalin oder Mussolini werben? Nein, ich hab’s, am besten ersetzt man einen Architekten durch einen anderen. Da drängt sich Albert Speer nun wirklich auf.
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