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Wenn sich der Redaktor hinter dem Kürzel versteckt

Edith Hollenstein

Nehmen Sie noch den Lift? Die Tamedia-Zeitungen suchen derzeit Antworten auf diese Frage. Die Leserinnen und Leser können aus dreien wählen: «Ja, klar», «nur alleine» oder «nein, nicht mehr». Diese Lift-Umfrage ist hier natürlich nicht das Hauptthema, viel interessanter ist der zugehörige Artikel mit dem Titel «Superspreader in China: Frau steckt durch Liftfahren 71 Personen an».

Gleich mehrere Personen aus meinem Umfeld haben diesen am Wochenende erwähnt: «Hast du von diesem Lift gelesen? 71 Personen haben sich darin mit dem Coronavirus angesteckt!» Dass dieser auf tagesanzeiger.ch oder derbund.ch erschienene Text ohne Autorenangabe, sondern nur mit dem Kürzel «red.» wie «Redaktion» gezeichnet wurde, ist niemandem aufgefallen. Das ist zwar vielleicht ein Detail und im Einzelfall nicht weiter tragisch, doch wenn Autoren ihre Texte häufig hinter dem «red»-Kürzel verstecken, schadet das der Qualität und der Glaubwürdigkeit einer Zeitung. Wenn Redaktorinnen nicht mehr wagen, ihren Namen mindestens mit dem Autorenkürzel über oder unter einen Text zu setzen, ist die Grenze zu erfundenen Geschichten ohne klaren Absender, wie man sie auf Whatsapp, Twitter oder Facebook häufig lesen kann, nicht mehr weit.

Im besagten Fall des Superspreader-Lift-Artikels handle es sich um eine Zusammenfassung aus Studien und anderen Artikeln darüber, daher das Kürzel «red.» für «Redaktion» begründet Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser. Ich hatte ihn gefragt, denn «red.» als Urheber würde ich eher für Interna oder für Nachrichten «in eigener Sache» erwarten als bei einem derzeit hochrelevanten Wissensartikel über die Gefährlichkeit von Liften als Übertragungsort für Covid-19. Es sei tatsächlich nicht so, dass immer, wenn Redaktoren nicht selber schreiben, sondern vor allem Studien und Artikel zusammenfassen, das red.-Kürzel zum Einsatz komme. «Ausser wenn die Eigenleistung nur sehr klein ist», so Rutishauser weiter.

 


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Der Autor des Superspreader-Lift-Artikels war also der Ansicht, dass hier schlicht und einfach zu wenig Eigenrecherche drin ist für eine eigene Autorenzeile oder das eigene Kürzel. Aber, so stellt Rutishauser schliesslich fest: «Das hätte man anders sehen können, ist ein Grenzfall». 

Damit hat der Chefredaktor recht. Denn sollte er dereinst eine Umfrage intern in seiner Redaktion durchführen zur Frage: «Zeichnen Sie Ihre Artikel noch mit dem eigenen Namen?», sollte die Antwort möglichst häufig heissen: «Ja, klar!»


Edith Hollenstein ist Redaktionsleiterin von persoenlich.com

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Kommentare

  • Dieter Fahrer, 15.07.2020 21:06 Uhr
    Interessant wäre in diesem Zusammenhang, ob der Bericht aus der ehemaligen "News-Express-Redaktion" von Tamedia stammt, die seit 2017 zur 20-minuten-Redaktion gehört, und: Ob da immer noch Bonuszahlungen nach Anzahl Klicks gemacht werden? Der erwähnte Artikel würde genau dazu passen: Schlecht fundierte Quellenlage, reisserische Aufmachung, kaum relevante Einordnung.
  • Ueli Custer, 15.07.2020 15:36 Uhr
    Herr Steiger: Nicht jede Websitze, die seriös aussieht, ist es auch. Womit ich nicht behaupten will, dass Ihr Link auf eine unseriöse Website führt. Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, endlose englische Texte zu lesen. Genau das ist die Aufgabe einer Redaktion.
  • Martin Steiger, 15.07.2020 11:56 Uhr
    Herr Custer, Ihr Geruchssinn hat Sie im Stich gelassen, wie zum Beispiel unter https://wwwnc.cdc.gov/eid/article/26/9/20-1798_article nachlesen können.
  • Victor Brunner, 15.07.2020 09:06 Uhr
    red. steht für zusammenschustern von Informationen wo niemand wirklich etwas versteht und daher auch niemand Verantwortung übernehmen will. Folge dass bei TA und den anderen Hauszeitungen Kompeten in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft abgabaut wurde, dafür in Rollkoffer- und SUP-Kompetenz investiert wurde!
  • Ueli Custer, 15.07.2020 08:20 Uhr
    Von einer Zeitung wie dem Tagi hätte ich früher auch erwartet, dass er diese Information der 71 Angesteckten seriös überprüft. Denn sie riecht auf Kilometer gegen den Wind nach einer typischen Social-Media-Fake-News. Aber eben, das wäre früher so gewesen.
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