In den Siebzigerjahren, als ich aufwuchs, wollte so ziemlich jeder Jugendliche entweder Popmusiker oder Revolutionär werden – Mädchen vielleicht noch Schlagersängerinnen. In den Achtzigern kam die Zeit der Reporter, Journalisten, Schauspielerinnen; aber auch Bodenständiges wie Lokführer oder Feuerwehrmann war in. In den Neunzigern wollte der junge Mensch von Welt in die Formel 1 oder zu einem der Top-Fussballclubs, wo das grosse Geldverdienen begann; und die Mädchen sahen sich als Models und TV-Moderatorinnen.
In den Nullerjahren beginnt dann die Zeit der Nerds, also der einstigen Aussenseiter in Klassengemeinschaften, die plötzlich zu Stars werden, weil sie Computerspiele beherrschen oder überhaupt eine Website programmieren können. Aus manchen dieser Nerds sind mächtige Unternehmensführer geworden: Steve Jobs (Apple), Larry Page und Sergey Brin (Google), die Brüder Samwer in Berlin (Rocket Internet, Zalando), Mark Zuckerberg (Facebook) natürlich und die neuesten Beispiele für «Nerd wird Milliardär» Jan Koum und Brian Acton (Whatsapp).
Wer heute etwas auf sich hält als Digital Native, der will natürlich Start-up-Unternehmer werden. Aber was ist das, ein Start-up-Unternehmer? Wo ist der Unterschied zum Bäckergesellen, der seinen Meister macht und dann seine eigene Bäckerei hochzieht? Oder zum Sanitär, der ein entsprechendes Geschäft mit einigen Angestellten erfolgreich betreibt? Nun, es gibt keinen Unterschied. Nur die Start-up-Szene will das nicht wahrhaben. Die immer gleichen Beispiele (siehe oben) von erfolgreichen Digital-Unternehmern verführen junge Studierende dazu, anzunehmen, dass die Gründung eines Online-Hundefutter-Verkaufsshops etwas anderes sei als die Gründung eines stationären Hundefutterladens in Winterthur. Und sie meinen vielfach, deshalb die einfache Logik erfolgreichen Wirtschaftens – dass möglichst bald mehr reinkommen sollte, als ausgegeben wird – infrage stellen zu können. Sie schaffen keine unternehmerischen Strukturen, ihnen fehlt das professionelle Herangehen bei der Mitarbeitergewinnung wie auch eine vernünftige Kosten-Nutzen-Rechnung, und die Buchhaltung sieht meist aus wie bei Hempels unterm Sofa.
Ich war neulich auf der Insel Mainau bei Konstanz auf einer sogenannten Investorenkonferenz (Business Angels Bodensee), wo sich junge Start-ups vorstellten. Vorneweg: Es war keine einzige vernünftige, zukunftsfähige Idee dabei. Aber besonders schlimm fand ich einen jungen Mann (na, so jung war er nicht, etwas über dreissig), der allen Ernstes verkündete, er sei deswegen besonders geeignet für das Geld der Investoren, weil er schon mit drei Start-up-Unternehmen pleitegegangen sei. Und in Amerika würden ja Leute, die schon mal pleitegegangen seien, besonders geschätzt.
Bullshit. Investoren wollen Erfolg, und sie sollen auch Erfolg wollen. Aber noch mehr sollten sich die jungen Gründer nicht von vornherein mit dem Gedanken tragen: «Wenn es dann scheitert, war es trotzdem eine gute Erfahrung.» Scheitern ist scheisse.
Es hinterlässt Spuren. Zerbrochene Freundschaften, weil man ja meist zuerst Geld von Freunden und Familie erhält. Zerbrochenes Vertrauen der Investoren, weil diese eben auch ihr Geld wiedersehen wollen. Und ein latentes Versagensgefühl.
Also, setzt auf Sieg, wenn ihr neue Unternehmen gründet. Macht nur Dinge, die auch wirklich neu sind oder ein neues Herangehen an alte, überkommene Methoden bedeuten. Und noch ein Tipp eines alten Hasen: Dieses ganze Start-up- und Gründerzeug ist wahnsinnig mühsam und allermeist langwierig. Wenn noch andere Ideen im jungen Kopf herumschwirren, etwa eine solide Philosophieausbildung, eine mitreissende Mechanikerlehre, eine poetische Lehrerlaufbahn, eine geniale Kochkarriere: Macht das. Es ist nicht weniger wert, und es bringt meist mehr, als der jeweiligen Was-will-ich-wer- den-Mode nachzurennen.
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25.05.2016 14:59 Uhr
24.05.2016 08:59 Uhr



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