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Wolodymyr Selenskyj brilliert als Rhetoriker

Marcus Knill

Wolodymyr Selenskyj überzeugt mit seinen Reden während des Angriffskrieges der Russen. Weshalb? Er spielt kein Theater, obschon er Bühnenauftritte beherrscht. 

Mit seiner Rhetorik bewirkt er viel, weil er sich stets auf das Publikum einstellt und weil er selbst von dem überzeugt ist, was er sagt. Bei jeder Rede formuliert er konkrete Botschaften an die entsprechenden Staaten. Die westliche Welt bittet er immer um Unterstützung. Er weiss, ohne humanitäre Hilfe, Waffen und nachhaltige Sanktionen gegen das übermächtige Russland hat er schlechte Karten. Jeden Tag, den die Widerstandskämpfer länger durchzustehen vermögen, steigt die Chance bei Verhandlungen zu punkten. Selenskyj ist glaubwürdig, weil er Vorbild ist und die Situation vor Ort kennt. Seine bildhaften Schilderungen der Situation sind realistisch. Er argumentiert mit Emotionen.

Für mich lebt er das EEEEE-Prinzip: Engagement (zeigt sich in der Stimme, im freien Sprechen), Emotionen (wir spüren die echte Betroffenheit), Energie (er ist fit bei jedem Auftritt, ausdruckstark), Erscheinung (situationsgerechte Kleidung), Einfache Sprache (Verständlichkeit).  

Selenskyj investiert viel Zeit und Energie, um den Westen zu Hilfsaktionen zu zwingen. Erstaunlich, was er mit seinen Reden alles erreicht hat: Umfangreiche Waffenlieferungen und Finanzhilfen – bei der Koordination der Flüchtlingsaufnahme, aber auch hinsichtlich Unterstützung der Staatschefs auf diplomatischer Ebene. Die Reden haben dazu beigetragen, dass die Sanktionen gegen Russland enorm verschärft worden sind. Wolodymyr Selenskyj verkörpert den Widerstandswillen gegen Putins überraschenden Angriffskrieg.

Ich hatte die ganze Rede Selenskyjs in Bern auf dem Monitor verfolgt. Der Auftritt wirkte glaubwürdig, nicht einstudiert. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Kritik spricht er offen aus. In der Schweiz tadelt er das Verhalten von Nestlé.

Seine Gestik ist natürlich. Die Mimik lebt. Zum Augenkontakt: Ich fühlte mich angesprochen. Er ist immer bescheiden gekleidet. Er spricht mit kraftvoller Stimme.

Für mich ist die Rede ein Musterbeispiel, wie man mit wenig Worten eine grosse Wirkung erzielen kann. Er fordert zwar mehr, als er bittet. Und hat das Glück, dass der Zeitgeist und die USA gegen Russland sind.

Die beruflichen Erfahrungen kommen dem Redner gewiss zugute. Ob er sich jedoch langfristig als Führer bewährt, wird sich erst noch zeigen.


Marcus Knill ist Experte für Medienrhetorik, Coach, Dozent und Autor von rhetorik.ch.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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