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Zimi und das Elend der Branche

Roger Schawinski

Es ist eine Binse, dass der Journalismus in einer epochalen Krise steckt, und dies nicht allein aus wirtschaftlichen, sondern auch aus moralischen Gründen. Die Sicherung der wirtschaftlichen Basis ist das eine. Aber mindestens so relevant ist die Bewahrung der Glaubwürdigkeit – und dies in einer Zeit, in der weitherum der Kampfschrei «Lügenpresse» erklingt. Und tatsächlich belegen Umfragen, dass die Qualität und die Seriosität der Medien von immer mehr Menschen infrage gestellt werden. Wer kann da Abhilfe schaffen? Der Schweizer Presserat fristet bloss noch ein kümmerliches Dasein, fällt also weitgehend weg. Auch gibt es immer weniger qualifizierte Medienkritiker, die wegen der sinkenden Einnahmen als Erste von ihren Verlegern weggespart wurden. Daher fällt den wenigen Überlebenden dieses Genres (Medienwoche, NZZ, Edito) eine besonders gewichtige Rolle zu. Sie sollen mit ihren Analysen auf Schwächen und Fehlleistungen hinweisen, um so die Benchmarks für verantwortungsvollen und professionellen Journalismus festzulegen und zu überwachen. Dabei müssen sie mit ihren eigenen Beiträgen in besonderer Weise den Beweis erbringen, dass sie die Standards journalistischer Wertarbeit beachten.

Der vertiefende Medienjournalismus fand seit zehn Jahren aber vor allem an einem Ort statt, nämlich in der Zeitschrift Schweizer Journalist. Das Branchenmagazin konnte sich trotz vieler Unkenrufe über Wasser halten. Dies schafften ausgerechnet ein öster- reichischer Verleger und ein deutscher Chefredaktor, und zwar dank ihres qualitativ exzellenten Angebots. Was Markus Wiegand während vieler Jahren geleistet hat, ist aussergewöhnlich und verdient grösste Hochachtung. Er setzte über all die Jahre Massstäbe, die die Glaubwürdigkeit seines Magazins in bemerkenswerte Höhen führten.

Nachfolger von Markus Wiegand wurde überraschend Kurt W. Zimmermann, der seit Jahren eine wöchentliche Medienkolumne für die Weltwoche abliefert, was er trotz seines neuen Jobs als Chefredaktor weiterhin tut. Und seither ist beim Schweizer Journalisten sehr vieles anders. Dort findet man nun haufenweise die einschlägig bekannten, locker-flockigen und oft auch zynischen Zimi- Geschichten, nicht wenige davon mit einem penetranten Trend zu inhaltsleerem Klatsch.

Viel gravierender ist jedoch etwas Zweites, das aber bei der süffigen Zimi-Schreibe nur dann zu erkennen ist, wenn man die Hintergründe einer Geschichte kennt. So veröffentlichte er vor Kurzem unter dem faktenwidrigen Titel «Geschichte einer Männerfreundschaft» eine längliche Story über einen Konflikt zwischen mir und dem Chef von Radio Energy. Doch die Sache hatte einen Haken, und zwar einen tödlichen: Der Herr Chefredaktor des Branchenblattes hatte sich nur bei einer der beiden Hauptpersonen informiert, denn ich hatte keine Anfrage für eine Stellungnahme erhalten. Damit er- reichte Zimi zwei Dinge aufs Mal: Er ersparte sich viel Zeit und Mühe beim Recherchieren und konnte dank der einseitig eingeträufelten Version hemmungslos zuspitzen. Mit seriösem Journalismus hatte die Geschichte also nichts am Hut.

Da es sich bei diesem unprofessionellen Vorgehen nicht um einen Einzelfall, sondern um ein allgemeines Muster handeln dürfte, hat Kurt W. Zimmermann, der sich im Köppel-Blatt permanent als Scharfrichter des Schweizer Journalismus geriert, innerhalb von nur wenigen Monaten den Schweizer Journalisten eigenhändig qualitativ enthauptet. Und damit ist die wichtigste nationale Bastion seriöser Medienkritik gefallen. Die bisherige Wächterinstanz ist unter der neuen Führung fugenlos zum Vorreiter jener Form von Journalismus verkommen, die Markus Wiegand während eines Jahrzehnts seriös analysiert und kritisiert hat. Und damit ist das Elend unserer arg gebeutelten Branche leider um ein gehöriges Stück grösser geworden.

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