23.11.2016

Christoph Glauser

«ArgYou war viel genauer als alle Prognosen und Umfragen»

Zusammen mit der Uni Neuchâtel und der North Eastern University of Bosten untersuchte er den US-Wahlkampf systematisch mit Nachfragedaten von sämtlichen Suchmaschinen und Social-Media-«Suchen».
Christoph Glauser: «ArgYou war viel genauer als alle Prognosen und Umfragen»
Das heutige Produktangebot der ArgYou AG basiert auf 20-jähriger Forschung und Entwicklung: Christoph Glauser. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Glauser, Sie haben mit «ArgYou» bereits vor zwei Monaten die Wahl von Donald Trump vorausgesagt. Worauf beruhten Ihre Annahmen?
Es waren keine Annahmen, sondern wir haben zusammen mit der Uni Neuchâtel und der North Eastern University of Boston den Wahlkampf systematisch mit Nachfragedaten von sämtlichen Suchmaschinen und Social-Media-«Suchen» untersucht. Wir haben bereits im Februar 2016 gesehen, dass Donald Trump über rund einen Drittel mehr Nachfrage auf unseren Daten verfügt als Hillary Clinton und die anderen Kandidaten in den Vorwahlen. Dieser Trend hielt während des ganzen Wahlkampfes an und im September haben wir dann an einer Medienkonferenz die Ergebnisse vorgestellt. Die Find-Maschine war hier sehr viel genauer als alle Prognosen und Umfragen, die ich gesehen habe.

Das heisst, je mehr Artikel und Klicks desto höher die Wahlchancen?
Nicht die Klicks, diese werden nicht selten von den Anbietern mit beeinflusst, sondern gemessen haben wir das, was reale Menschen (in unserem Fall Internet-Nutzer) in den Suchfeldern so eintippen. Zum Vergleich haben wir in dem Projekt auch verglichen mit Kanada, England und weltweiten Daten ausserdem haben wir rund eineinhalbtausend Themen, die den Wahlkampf geprägt haben, zusätzlich auch noch analysiert und mit den Kandidaten korreliert.

Dann spielt Negativpropaganda langfristig keine Rolle mehr?
Doch, denn auch die Provokation ist ein probates Mittel, um Aufmerksamkeit zu erheischen. Präsenz ist heutzutage alles – wenn man in der Flut von den Informationen untergeht, hat man verloren, auch als Kandidat. Trump hat diese Karte unter anderem via Twitter hervorragend gespielt, wohl wissend, dass sich viele Journalisten heutzutage ihre ersten Infos via Twitter beschaffen. Der Multiplikator-Effekt von seinen Sprüchen auf Twitter war bisweilen beängstigend hoch.

Haben Sie mit Ihrer «Find-Maschine» auch andere umstrittene Abstimmungen wie beispielsweise den Brexit prophezeit?
Nein. Bei Brexit hatten wir leider keinen Forschungspartner vor Ort. Wir hatten zwar in den Tests auch anderslautende Resultate als die Prognosen und die Wettbüros publizierten, aber wir hatten das «wording» nicht systematisch und über längere Zeit mitgemessen so wie in den USA. Und wir konnten zu dem Zeitpunkt die Resultate noch nicht schlüssig interpretieren.

Haben Sie schon Angebote, um «ArgYou» anderweitig einzusetzen?
Ja. Die Umfragebranche muss sich dringend um alternative Methoden kümmern, welche zuverlässigere Resultate liefern, als dies in letzter Zeit der Fall war. Das Internet ist, als Quelle und richtig gemessen, eine solche Alternative. Aber man darf trotzdem nicht vergessen, dass hier nur die online aktiven Nutzer und diese noch dazu anonym gemessen werden können. Hier werden wir noch weiter viel Forschung machen müssen. Zu Ihrer Frage, ja wir wurden natürlich jetzt oft gefragt, in Frankreich und in Deutschland auch mitzumachen und erneut zu messen.

Wie kommt die Abstimmung über die Atomausstiegsinitative heraus?
Das wäre jetzt unseriös, hier so kurz vor der Abstimmung noch Resultate zu veröffentlichen. Ich kann nur soviel sagen: Im Internet sieht die Sache einiges klarer aus, als in den Umfragen. Hier zeichnet sich ja laut SRF ein eher knappes Ergebnis ab. Dazu muss man hier sagen, dass sich bei Wahlen die Kandidaten klarer auseinanderhalten lassen. Bei Abstimmungen können auch Nutzer sich für die Gegenargumente interessieren, um diese zu kontern. Hier besteht ein gewisses Verzerrungspotenzial auf den reinen Online-Daten.


Das Interview wurde schriftlich geführt.



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