29.12.2021

Das war 2021

«Bleibt Hass unwidersprochen, gewinnt er»

Hassreden im Netz haben seit der Pandemie deutlich zugenommen. Experte Marko Kovic äussert sich über den kurzfristigen Twitter-Rückzug von Sandro Brotz, taugliche Rezepte gegen Onlinehass – und er sagt, inwiefern das Geschäftsmodell der Plattformbetreiber perfide ist.
Das war 2021: «Bleibt Hass unwidersprochen, gewinnt er»
«Ich glaube, dass es wichtig ist, bei diesem Thema auch öffentlich eine kritische Haltung zu zeigen und das Problem als solches zu benennen», sagt der Sozial- und Kommunikationswissenschaftler Marko Kovic. (Bild: Eda Gregr, Grafik: Corinne Lüthi)
von Tim Frei

Herr Kovic*, Sie haben sich eine Woche lang auf alternativen Techplattformen aufgehalten – und dabei Abgründe des Hasses erlebt. Woher haben Sie ein so dickes Fell?
Ganz so dick war mein Fell am Ende doch nicht. Ich wusste rein intellektuell zwar, auf was für ein Experiment ich mich einlasse, aber diese Woche auf den Alt-Tech-Plattformen hat mich dann so richtig zermürbt. Zunächst kam der grosse Schock ob des bestialischen Hasses, den ich antraf. Darauf folgte dann aber relativ rasch eine Art innere Abstumpfung: Der Hass wird rasch ganz «normal». Dieses Erlebnis der Abstumpfung hat mich beeindruckt. Oder mich besser gesagt erschüttert.

Inwiefern hat sich dieses Experiment dennoch gelohnt?
Aus dem Experiment ist ein Artikel für die Republik entstanden, der vielen Menschen aufgezeigt hat, wie schlimm es eigentlich im Internet zu- und hergeht. In diesem Sinn war das Experiment ein kleiner Beitrag zur grossen Debatte rund um Onlinehass und Onlineradikalisierung.

War dies der Auslöser für Ihr Buch über Onlinehass, das Sie derzeit schreiben?
Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ich befasse mich schon länger mit Hass, Extremismus und Radikalisierung im Internet. Die Hassspirale am eigenen Leib zu erfahren, hat mich zusätzlich motiviert, mich mit der Thematik vertieft auseinanderzusetzen.

Haben Sie sich vom prämierten Buch «Hass im Netz» der Bestsellerautorin Ingrid Brodnig inspirieren lassen?
Mit Schamesröte im Gesicht muss ich gestehen: Frau Brodnigs Buch kenne ich noch gar nicht. Das ist Pflichtlektüre, die ich unbedingt nachholen muss. In meinem Buch thematisiere ich aber stärker die Gründe, warum uns das Internet zu schlechteren Menschen macht. Dazu gehört massgeblich die Architektur von Social-Media-Plattformen.

«Wenn wir immer nur das Gleiche hören, radikalisieren wir uns in unserer Meinung»

SRF-Moderator Sandro Brotz hatte sich nach einer Masse von Hasskommentaren gegen ihn und seine Familie vorübergehend von Twitter zurückgezogen, um seine Psyche zu schützen. Wie beurteilen Sie seinen Entscheid?
Ich finde diesen Entscheid nachvollziehbar, aber auch tragisch. Nachvollziehbar, weil digitale Hasswellen wirklich an die Substanz gehen und psychische Belastung und Leid verursachen. Tragisch, weil es in einer zivilisierten Gesellschaft doch nicht sein darf, dass teils anonyme Hassmobs Menschen gezielt angreifen und sie damit aus der öffentlichen Debatte wegdrängen. Positiv an dieser Episode mit Herrn Brotz ist, dass daraus eine breitere Debatte über Hass im Netz angestossen werden konnte, auch durch den SRF-Journalisten selber.

Gemäss einer Studie der ETH Zürich und der Universität Zürich ist eine empathische Gegenrede am wirksamsten gegen Hass im Netz. Ich kann mir das nur schwer vorstellen, ist doch ein sachlicher Dialog mit solchen Social-Media-Usern kaum möglich …
Hass mit Empathie und Humor zu begegnen, ist tatsächlich nicht immer einfach. Aber ich mache auch die Erfahrung, dass Menschen, die mich mit Wut und Hass kontaktieren, plötzlich zwei Gänge runterschalten, wenn ich ihnen freundlich und offen antworte. Empathische Gegenrede ist hochwirksam, um hasserfüllten Menschen zu zeigen, dass man selber auch nur ein Mensch ist, der ihnen nichts Böses will.

Ist es nur Twitter, wo die Tonalität rauer geworden ist? Oder trifft es auch auf andere Plattformen zu?
Das Problem betrifft alle Plattformen, nicht nur Twitter. Plattformen wie Telegram zum Beispiel sind zudem auch problematischer als Twitter, weil sich Menschen auf ihnen in der Regel sehr gezielt nur mit Gleichgesinnten in Gruppen und Kanälen bewegen. Wenn wir immer nur das Gleiche hören, radikalisieren wir uns in unserer Meinung und in unserem Hass.

Gewisse journalistische Medien haben reagiert: Auf 20 Minuten sind Kommentare nur noch mit Login möglich, auf SRF können nur noch ausgewählte Beiträge kommentiert werden. Reicht das?
Es sind Versuche, das Problem halbwegs in den Griff zu kriegen. Damit allein ist es aber noch lange nicht getan. Zudem finde ich die Entscheidung von SRF, dass nur noch ausgewählte Beiträge kommentiert werden können, sehr schade. Ich bin für mehr Möglichkeiten der Teilhabe und Diskussion, nicht für weniger. Das Problem war bei SRF aber derart erdrückend, dass die Notbremse gezogen wurde.

«Wir brauchen klare und einfach zu bedienende Meldestellen direkt in den Social-Media-Apps selber»

In der Kritik stehen insbesondere die Plattformen, die gemäss Experten stärker reguliert werden müssten. Weshalb hinken wir dem Ausland diesbezüglich hinterher?
Wir hinken dem Ausland meines Erachtens nicht hinterher: Facebook, Twitter, TikTok usw. werden grundsätzlich kaum reguliert. Das muss sich unbedingt ändern. Die Regulierungsdebatte läuft aber langsam an; in den USA, der EU, aber auch in der Schweiz. Im November hat das Bundesamt für Kommunikation einen kritischen Bericht über Regulierung der Plattformen veröffentlicht. 

Der Bundesrat möchte damit die Regulierungsdebatte auch in der Schweiz ins Rollen bringen (persoenlich.com berichtete). Welche Auflagen wären betreffend Hass im Netz besonders wichtig?
Einerseits müssen die Plattformen endlich bei der Durchsetzung geltender Rechte kooperativer werden. Es müssen Meldestellen für Nutzerinnen und Nutzer eingerichtet werden, und die Plattformbetreiber müssen aktiv mit staatlichen Stellen, allen voran der Polizei, zusammenarbeiten. Der Bund hat zwar von sich aus diesen November eine Meldeplattform gegen Rassismus lanciert, aber die Plattform ist eine separate Webseite, die kaum jemand kennt. Wir brauchen klare und einfach zu bedienende Meldestellen direkt in den Social-Media-Apps selber.

Und andererseits?
Die Plattformen müssen auch schlicht dazu gezwungen werden, Inhalte stärker zu moderieren und ihre Algorithmen so anzupassen, dass sie nicht mehr Hass fördern.

Der Nährboden für die Covid-Wut wurde gemäss dem Psychiater Frank Urbaniok lange vor Corona gelegt, wie er der SonntagsZeitung sagte. Hat er recht?
Ich denke, ja. Die Coronapandemie ist nur ein Katalysator für Verschwörungsideologien und Hasspotenziale, die es vor der Pandemie gab – und die leider auch nach der Pandemie weiterexistieren werden.

«Wir haben die katastrophale Kehrseite dieser Medaille nicht antizipiert»

In der Forschung ist die Rede von Echokammern, in denen sich Gleichgesinnte radikalisieren würden. Haben wir dies als Gesellschaft unterschätzt?
Unterschätzt haben wir das Problem vielleicht nicht – wir waren einfach nicht darauf gefasst, dass das Problem so schnell so gross wird. Lange Zeit waren wir optimistisch und haben gehofft, dass die neuen Möglichkeiten des Internets, vor allem die Social-Media-Plattformen, ein neues Zeitalter der Demokratie einläuten, weil wir jetzt alle so einfach wie noch nie am öffentlichen Diskurs teilnehmen können. Die katastrophale Kehrseite dieser Medaille haben wir nicht antizipiert. Zu einem guten Teil nicht, weil wir nicht ahnen konnten, wie perfide das Geschäftsmodell der Plattformbetreiber sein würde.

Ein harter Vorwurf. Inwiefern agieren die Plattformbetreiber perfide?
Die internen Dokumente der Facebook-Leaks beispielsweise haben gezeigt, dass sich die Facebook-Betreiber bewusst sind, dass ihre Plattformen psychischen und gesellschaftlichen Schaden verursachen, sie diesen Schaden des Profites wegen aber in Kauf nehmen.

Sie selber werden auf Social Media mit Hass der Massnahmenkritiker eingedeckt. Hand aufs Herz: Wird Ihnen dies nie zu viel?
Die Situation betrübt mich. Der Hass an sich perlt mittlerweile zwar von mir ab. Aber der Umstand, dass es Menschen gibt, die so viel Energie und Lebenszeit darauf verwenden, mich mit Hassbotschaften einzudecken, bricht mir das Herz. Es gibt so viel Schöneres und Produktiveres im Leben als Groll und Hass.

Andererseits sind Sie dadurch zum Experten geworden, der von Medien immer öfter um Einschätzungen gebeten wird. Wie haben Sie dies erlebt?
Es ist ein Stück weit ein negativer Kreislauf: Äussere ich mich in den Medien zum Thema Hass, Extremismus und Radikalisierung, reagieren Leute mit Hass. Es gibt dann schon Momente, in denen ich mir denke: Macht das Sinn? Ich glaube aber, dass es wichtig ist, bei diesem Thema auch öffentlich eine kritische Haltung zu zeigen und das Problem als solches zu benennen. Bleibt Hass unwidersprochen, gewinnt er.

Zum Schluss: Wie werden Sie über die Festtage entspannen? Gönnen Sie sich eine Pause in den sozialen Medien?
Ich freue mich, mich über die Festtage wieder etwas intensiver dem Schreiben zu widmen. Ganz ohne Social Media dürfte es aber nicht klappen, denn die Plattformen sind für mich, trotz all ihrer Probleme, ein wichtiges Fenster in die Welt. Ich wünschte mir nur, das Fenster wäre besser konstruiert.


* Marko Kovic forscht und schreibt als Sozial- und Kommunikationswissenschaftler über Verschwörungstheorien und gesellschaftlichen Wandel. Zudem doziert der 35-Jährige an der Kalaidos Fachhochschule in Zürich. Interessanterweise war der Sohn kroatischer Gastarbeiter ursprünglich «empfänglich» für Verschwörungstheorien, wie er in einer Sendung von Radio SRF 3 sagte: «Ich bin mit solchen Theorien und Trash-TV aufgewachsen, bei 9/11 hat sich dies dann intensiviert – ich bewegte mich auf Foren, die Verschwörungstheorien verbreitet und mein Weltbild in diesem Kontext stark geprägt haben.» Zum Glück sei er mit Informationen in Kontakt gekommen, die hinterfragt hätten, woran er geglaubt habe. Das habe ihm dann eine andere Sicht aufgezeigt.


In der Serie «Das war 2021» greifen wir die grossen Themen des Jahres in kompakter Form nochmals auf. Hier finden Sie die Übersicht.



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Kommentare

  • Thomas Läubli, 23.12.2021 22:48 Uhr
    Einmal mehr fehlt im Interview der Hinweis, dass auch Politiker und Journalisten massgeblich am Hass beteiligt sind. Der verstorbene Kurt Imhof hat vom Empörungsjournalismus gesprochen. Aufgrund von Beobachtungen und gesammelten Belegen kann ich sagen, dass der Hass auch bei 20Minuten zum Geschäftsmodell gehört. Erinnern wir uns an Beiträge wie der über einen dunkelhäutigen Soziologen, dem Andreas Glarner geraten hat, Gestelle aufzufüllen. Welchen Zweck haben solche Artikel ausser dem, einem Wutpolitiker eine Plattform zu geben? Der rechte Flügel der SVP ist übrigens der Grund, warum ich auf Twitter anonym unterwegs bin. Es geht mir also nicht darum, dank der Anonymität Hass verbreiten zu können, sondern im Gegenteil darum, mich vor dem Stalking der SVP-Politiker zu schützen. Darum stösst es mir sauer auf, wenn immer nur vom Wutbürger die Rede ist.
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