06.12.2021

Hass im Netz

Empathie ist das wirksamste Gegenmittel

Auf Empathie beruhende Gegenreden sind erfolgreicher, als wenn man Online-Feindseligkeiten mit Warnungen oder Humor entgegentritt. Dies zeigt eine Studie der ETH und der Universität Zürich mit über 1300 Twitter-Nutzern.
Hass im Netz: Empathie ist das wirksamste Gegenmittel
Wird auf Hassreden mehrmals mit empathischen Gegenreden reagiert, sei die Wirkung gemäss der Studie wohl noch grösser. (Bild: Keystone/DPA/Fabian Sommer)

In den sozialen Netzwerken verleitet Anonymität manche Menschen zu kommunikativen Entgleisungen. Um Hassreden einzudämmen, moderieren Social-Media-Unternehmen zunehmend die Inhalte auf ihren Plattformen ­– sie löschen Beiträge oder versehen diese mit Warnhinweisen. 

Allerdings kann dieses Vorgehen mit dem Recht auf freie Meinungsäusserung kollidieren. Anders als Inhaltsmoderation zielen sogenannte Counterspeech-Strategien darauf ab, den Hass durch direkte Konfrontation mit den Tätern zu verringern. Bisher wurde aber noch kaum wissenschaftlich untersucht, wie und ob sich mit dieser Methode Hetze im Internet entschärfen lässt. 

Zürcher Forschende und Studierende um Dominik Hangartner, Professor für Politikanalyse an der ETH Zürich, führten nun ein Experiment auf Twitter durch, um fremdenfeindliche und rassistische Hassreden zu bekämpfen. Öffentlich sichtbar antworteten sie Benutzerinnen und Benutzern, die xenophobe Tweets gepostet hatten.

Experiment mit vier Gruppen

Sie teilten die Stichprobe von 1350 Personen in vier Gruppen ein: Der ersten Gruppe antworteten sie mit einer Nachricht, die Empathie wecken sollte, beispielsweise mit «Afroamerikanern tut es wirklich weh, wenn Menschen solche Ausdrücke verwenden». Die zweite Gruppe warnten sie vor möglichen sozialen Konsequenzen ihres Tweets und der dritten Gruppe schickten sie ein humorvolles Meme. Darauf war etwa ein Vogel zu sehen, der einem Artgenossen den Schnabel zudrückte. Darunter stand der Satz: «Please stop tweeting» (auf Deutsch: «Hör bitte auf zu twittern».) Die vierte Gruppe diente als Kontrolle.

Es zeigte sich, dass einzig eine auf Empathie beruhende Konfrontation die Hassreden zu reduzieren vermochte, wenn auch in relativ geringem Ausmass, wie die Forschenden im Fachmagazin Pnas berichten. Diese Gruppe verschickte in den folgenden vier Wochen im Durchschnitt 1,3 weniger fremdenfeindliche Tweets als die Kontrollgruppe (minus 33 Prozent) und wies eine um 8,4 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit auf (plus 40 Prozent), den ursprünglichen fremdenfeindlichen Tweet zu löschen.

Antworten zumeist freundlich

Das Team erfasste auch, ob und wie die konfrontierten Nutzerinnen und Nutzer reagierten. Demnach antworteten rund 15 Prozent von ihnen auf die Nachrichten der Forschenden, «die meisten anständig, manche sogar entschuldigend», erläuterte Studienleiter Hangartner auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Nur ein winziger Bruchteil verwendete eine hasserfüllte Sprache in der Antwort.

Die Ergebnisse der Studien sprächen eine deutliche Sprache, welche Gegenrede am wirksamsten sei. Und, wie Hangartner hinzufügte, wäre die Wirkung mehrmaliger Konfrontation wohl noch grösser. Insbesondere, wenn diese Interventionen von verschiedenen Twitter-Konten stammen würden. (sda/tim)



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