Herr Riederle, Sie sind 17. Ich schlage vor, dass wir uns duzen.
Philipp Riederle: Sehr gute Idee! Finde ich persönlich auch natürlicher.
Also Philipp, ich hab hier eine CD dabei. Manchmal spiele ich diese sogar noch auf einem Discman, einem portablen CD-Player ab. Das alles ist Dir sehr fremd, oder?
Na ja, ich kenne das Format natürlich schon noch. Mir hat auch erst kürzlich ein guter Freund eine CD zum Geburtstag geschenkt. Von Jack Johnson, einem meiner Lieblingskünstler.
Wann hast Du Dir selber das letzte Mal eine CD gekauft?
Das ist Jahre her. Ich benutze normalerweise keine CDs mehr. Auch keine Rohlinge. Und eine DVD hatte ich das letzte Mal vor drei, vier Jahren in der Hand. Ich habe inzwischen selbst auch gar keine Abspielgeräte hierfür mehr. Medienkonsum läuft bei mir inzwischen komplett übers Internet. Musik, Filme, Bücher oder Fernsehsendungen. Filme speziell kaufe oder leihe ich meistens über iTunes.
Soso, Du willst mir also weismachen, dass das bei einem "Digital Native" wie Dir alles legal abläuft?
Nach Möglichkeit schon, ja. Wenn wir, also meine Generation, sehen, dass wir für einen fairen Preis etwas auf eine Art und Weise bekommen, wie wir es uns wünschen, sind wir durchaus auch bereit, hierfür zu zahlen. Falls die gewünschten Inhalte aber nicht digital zu erwerben sind, habe ich mal gehört, soll es da auch Möglichkeiten geben, sich diese auf andere Weise zu beschaffen.
In der Schweiz wurde kürzlich der Musikstreaming-Dienst Spotify eingeführt (persoenlich.com berichtete). Nutzt Du solche Angebote?
In Deutschland gibt es Spotify noch nicht. Ich nutze Simfy, einen vergleichbaren Dienst. Da hab ich Zugriff auf unendlich viel Musik und ich muss mich nicht drum kümmern, meine eigene Musiksammlung zu pflegen und mit meinem iPhone synchron zu halten. Das einzige Problem, was sich dabei ergibt, ist dass der Mobilfunk bei uns noch relativ schlecht ausgebaut ist. Deswegen macht Simfy unterwegs nicht den erwünschten Spass. Aber zuhause nutze ich das oft und gerne.

Philipp Riederle in seinem eigenen kleinen Fernsehstudio, in dem er Woche für Woche seinen Videopodcast "Mein iPhone und ich" aufzeichnet.
Wie konsumierst Du sonst Musik?
Normalerweise höre ich die Musik, die ich mir auf mein iPhone geladen habe. Radio höre ich ganz selten.
Wie viel Geld gibst Du fürs iPhone und digitale Inhalte aus?
Das ist schwierig zu sagen, da das je nach persönlichen Gegebenheiten immer variiert. Ich denke, das bewegt sich im Rahmen von 50 bis 100 Euro im Monat.
Als junger Teenager hat man früher die "Bravo" gelesen. In deinem Alter dann vielleicht eine Musikfachzeitschrift wie "Metal Hammer", "Juice" oder "Musikexpress Sounds" oder je nach Interessenslage ein Computer- oder Technikmagazin. Kaufst Du solche Zeitschriften?
Nein, ich zehre von den Informationen die meine Freunde auf Facebook und Twitter verbreiten. Seit ich allerdings so viel in der Businesswelt unterwegs bin, habe ich mir "Die Zeit", den "Spiegel", das "Handelsblatt" und "Brandeins" abonniert, um einen fundierten Überblick über die aktuelle Lage zu bekommen. Im digitalen Abo für iPad und Kindle versteht sich.
Facebook ist für Dich also quasi zum Tor zur digitalen Welt geworden?
Ja, das könnte man so sagen. Man loggt sich bei Facebook ein und surft von dort aus, kreuz und quer durch das Internet den Links und Posts seiner Online Community folgend. Auch mit Nachrichten läuft das häufig so. Ich klappere nicht die ganzen Nachrichtenportale ab. Wenn eine Nachricht interessant genug ist, wird die Nachricht mich finden.

Welche Inhalte verbreitest Du selber über Facebook und Twitter?
Alles Mögliche. Nachrichten, die ich als wichtig empfinde und auch am Mittagstisch mit meinen Freunden besprechen würde. Nicht nur aktuelle Meldungen, sondern auch Hintergrund-Stories. Artikel, Bilder, Filme oder Blogeinträge, die mir irgendwie von Nutzen oder Belang erscheinen - oder mich einfach selbst bewegt haben.
Seit dreieinhalb Jahren produzierst Du einen immens erfolgreichen Podcast namens "Mein iPhone und Ich". Wie kam es dazu?
Ich war schon immer sehr Technik interessiert. Als dann das iPhone 2007 auf den Markt kam, wollte ich unbedingt eins haben. Meine Grossmutter hat mir dann eins aus den USA mitgebracht. Ich hab dann mehr aus Jux die Videokamera angestellt und gefilmt, wie ich mein iPhone auspacke und hacke, um es auch außerhalb der USA tauglich zu machen. Ich hatte schon vorher versucht mich im Internet zu informieren. Aber ich hab die Informationen nicht in der Form und Fülle gefunden, wie ich das gerne gehabt hätte. Also hab ich den Podcast gestartet. Das war am 1. April 2008.
Ohne Vorwissen?
Wie gesagt: Ich bin schon immer sehr an Technik interessiert gewesen. Mit sechs Jahren hatte ich meine ersten Berührungspunkte mit Videokameras, mit neun habe ich meine erste HTML-Seite programmiert. Ich wollte schon immer wissen, was es an neuester Technik gibt und wie das genau funktioniert.
Wie schnell wurde die Community auf Dich aufmerksam?
Das ging eigentlich erstaunlich schnell. Ich hatte am ersten Tag direkt über 500 Abrufe, was ich mir gar nicht erklären konnte. Bei meiner ersten eigenen Homepage war ich noch mit zwei, drei Abrufen pro Monat überglücklich gewesen. Wahrscheinlich haben die Leute einfach "iPhone" auf iTunes eingegeben und sind so bei meinem Podcast gelandet. Zwischenzeitlich hat die Presse dann auch vermutet, dass das Ganze eine virale Kampagne von Apple sei. Inzwischen hab ich gut 50'000 Zuschauer pro Folge. 2009 wurden dann auch die grossen Unternehmen auf mich aufmerksam und engagierten mich als Berater und Referent. Der Auftritt am TV 2.0 Summit in Zürich war meine 49. Keynote Speech alleine im Jahr 2011. Ich referiere und berate zu den Themen Mediennutzung und Kommunikationsverhalten der Generation Y, Social Media Marketing und Digital Leadership. Also im Grunde wie sich Unternehmen entwickeln und aufstellen müssen, dass sich meine Generation überhaupt noch für sie als Kunde oder potenzieller Mitarbeiter interessiert.
Moment, aber eigentlich gehst Du doch auch noch zur Schule, oder nicht? Wie verklickerst Du das dem Rektor des Dossenberger-Gymnasiums Günzburg, dass Du mal eben schnell nach Zürich zu einem Medienkongress musst?
Ich war schon immer ein ganz guter Schüler, lernen ist mir nie schwer gefallen. Deswegen unterstützt mich mein Rektor bei meinen Tätigkeiten durch die Befreiung von einzelnen Schultagen, solange weiterhin die Noten stimmen.
Wie hat sich der Podcast entwickelt?
Er hat sich insofern entwickelt, als er um einiges professioneller geworden ist. Heute habe ich mein eigenes Studio und erwirtschafte mit dem Podcast einen kleinen Gewinn. Mittlerweile habe ich meine eigene Produktionsfirma "Phipz Media" gegründet und arbeite mit Werbekunden zusammen. Thematisch bin ich dem iPhone aber bisher noch treu geblieben.
Und was ist der nächste Schritt?
Dazu darf ich noch nicht allzu viel verraten. Ich bin momentan mit einer öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt in Gesprächen. Ich erarbeite für diese gerade verschiedene Konzepte für ein neuartiges Sendeformat. Ein Format, das junge Menschen durch eine für klassische TV-Verhältnisse unkonventionelle Art anspricht. Wenn das alles klappt und meine Ideen nicht zu abgefahren sind, werde ich mit meiner Firma ab Februar 2012 sowohl vor als auch hinter der Kamera im grossen Rahmen Content produzieren.
Was ist Dein Schlüssel zum Erfolg? Die Authentizität?
Ganz klar. Ich interessiere mich für die digitale Welt und die Entwicklungen der Menschen durch die neuartigen Medien, und das spürt man. Viele Werbebotschaften, viele Fernsehformate kranken heute an einem Authentizitätsmangel. Wir haben in der klassischen Werbung ganz viel flachgebügelte Markenbotschaften. Das wirkt heute nicht mehr. Pro Tag prasseln vier- bis fünftausend Werbeeindrücke auf uns ein. Wir können uns aber am Ende des Tages nur noch an fünf bis zehn davon erinnern. Da muss man doch schon schauen, dass man die Botschaft möglichst gut rüberbringt. Und gut heisst eben zeitgemäss. Man darf sich nicht an Schema F halten und man muss Leute finden, welche die Markenbotschaft wirklich verkörpern.

In Deinem Referat am TV 2.0 Summit letzte Woche in Zürich sprachst Du vom Tod des klassischen Fernsehens. Ist dem wirklich so?
Die Art wie Fernsehen heute hauptsächlich noch funktioniert, nämlich als lineares Ausstrahlungsprogramm, stammt meiner Meinung nach von der Ausgangssituation, dass es damals, in den Geburtsstunden des Fernsehens, keine andere Möglichkeit gegeben hat, Bewegtbildinhalte im grossen Masse zu verbreiten. Wäre es damals schon möglich gewesen, diese Inhalte abrufbar bereitzustellen, wie es ja jetzt über VOD und Mediathek-Angebote funktioniert, hätte sich vermutlich das lineare Fernsehen kaum so entwickelt. Jetzt gibt es diese Möglichkeiten, welche auch immer mehr Anklang finde. Ich denke zwar, dass das lineare Fernsehen vorerst für die Übertragung von Live-Events relevant bleibt, der Konsum von eher zeitlosen Sendungen, Serien und Filme wird sich aber innerhalb der nächsten Jahre ganz drastisch in Richtung Internet bewegen. Vorteile wie Individualität und zeitliche und örtliche Unabhängigkeit liegen hierbei ganz klar auf der Hand. Ich sage immer: Die Generationen vor uns haben ihr Leben an die Medien angepasst, für meine Generation müssen sich die Medien an unser Leben anpassen.
TV-Koryphäe Helmut Thoma zerpflückte Deine Schlussfolgerungen mit den Worten: "Sie machen den gleichen Fehler wie alle. Sie schliessen von sich auf andere." Was sagst Du zu dem Vorwurf?
Dass Herr Thoma mich mit einer solchen Aussage persönlich angreift, empfand ich als eine der wohl stärksten Bestätigungen meiner Thesen in letzter Zeit. Er, als Urgestein des klassischen Fernsehens, weiss wohl inzwischen der unmittelbar bevorstehenden TV-Revolution sachlich nichts mehr entgegenzubringen. Zum Vorwurf an sich kann ich getrost entgegnen, dass die Aussagen und Thesen in meinen Vorträgen nicht nur lustige Ideen eines verrückten Teenagers sind, sondern diese meist wissenschaftlich gestützt und von allgemein anerkannten Studien bestätigt werden.
Du sprachst gerade von einer TV-Revolution. Glaubst Du, uns steht da noch mehr bevor? Wie geht es Deiner Meinung nach in Zukunft weiter?
Inzwischen bezeichnen schon anerkannte Forscher das was aktuell passiert, als den grössten Umschwung seit der Industriellen Revolution. Ich denke aber, die vollkommene Vernetztheit und die damit verbundenen neuen Kommunikationsmöglichkeiten werden das Leben auf unserem Planeten viel nachhaltiger verändern, als wir das momentan einschätzen können. In Wirtschaft, menschlichem Zusammenleben, Kultur und Politik. Spätestens in 50 bis 100 Jahren werden wir beispielsweise darüber lachen, was wir heute noch Demokratie nennen.
Interview: Adrian Schräder

