28.04.2020

TX Markets

«Eine grössere Sorge war Google Jobs»

Christoph Brand ist noch bis Ende April CEO von TX Markets bevor er Geschäftsführer der Axpo Gruppe wird. Im Interview spricht er über den Wandel vom Medienhaus zum Tech-Unternehmen, den Wettbewerb mit Google und Facebook und sagt, was er seinem Nachfolger rät.
TX Markets: «Eine grössere Sorge war Google Jobs»
«Wer gestärkt aus der Krise herausgehen wird, sind keine Start-ups, sondern Google, Amazon, Facebook und Konsorte», sagt Brand über die Marktmacht der Tech-Giganten. (Bild: zVg.)
von Loric Lehmann

Herr Brand, als Sie vor acht Jahren zur TX Group – damals noch Tamedia – gestossen sind, hat das Unternehmen sechs Prozent des Gewinns (EBITDA) aus digitalen Themenfelder generiert. Im 2019 waren es nun 77 Prozent. Haben Sie sich gesagt, man soll dann gehen, wenn es am schönsten ist?
(Lacht) Nein, ich hatte eigentlich kein fixes Datum, wann ich gehen möchte. Damals habe ich mir als Ziel gesetzt, dass wir die Hälfte erreichen sollten, also Gewinn aus nichtpublizistischen Gebieten.

Das haben Sie mehr als erreicht. Wie stark haben sich Ihre Tätigkeiten seit 2012 verändert?
Das Unternehmen ist ein anderes. Als ich angefangen habe, gab es vor allem die Publizistik – insbesondere die Printpublizistik. Es gab damals keine wirkliche Struktur eines Digitalgeschäftes. Lediglich eine Handvoll von Leuten und kleinen Minderheitsbeteiligungen – mit Ausnahme von homegate.ch und search.ch.

Und heute?
Heute ist es völlig anders. Die neue Struktur, die im Januar in Kraft trat, hat die Unabhängigkeiten der einzelnen Subgruppen weiter gestärkt. Damit hat man diesem sehr unterschiedlichen Naturell der Subunternehmen mehr Rechnung getragen. Die Kernkompetenzen, die es braucht, um Goldbach zu führen, sind natürlich völlig anders als jene für die Bezahlmediensparte Tamedia und diese sind nochmals anders als für das Marktplatzgeschäft. Der Journalismus bleibt aber weiterhin sehr wichtig.

«Firmen wie Google und Facebook haben auch andere Geschäftsmodelle angegriffen. Aber da mache ich ihnen auch keinen Vorwurf»

Die Publizistik hat es trotzdem nicht einfach in diesen Tagen: Die Werbeeinahmen brechen immer mehr weg. Diese gehen vor allem zu den Tech-Giganten wie Google und Facebook. Beide haben nun schon Strukturen geschaffen, um auch noch in den Markt um freie Stellen, Kleinanzeigen und anderen Online-Marktplätzen vorzupreschen. Wie nehmen Sie diesen Wettbewerb wahr?
Es gibt dabei mehrere Dimensionen. Beide Unternehmen haben andere Geschäftsmodelle als wir. Facebook macht ihren Marketplace nicht, weil sie Freude am Marktplatzgeschäft haben, sondern weil es für sie ein naheliegender Bereich ist und sie dies am Schluss wieder durch Werbung finanzieren können. Ricardo.ch finanziert sich beispielsweise primär durch Transaktionsgebühren. Man kämpft also gegen jemanden, der in den Markt kommt, eine grosse Userbasis und viel Traffic hat, und so den Preispunkt auf null setzt. Diese Firmen haben auch andere Geschäftsmodelle angegriffen. Aber da mache ich ihnen auch keinen Vorwurf. Die Kunden rennen ja förmlich zu denen.

Was halten Sie von Facebook Marketplace?
Wenn man mal eine Immobilie auf Facebook gesucht hat und dies mit der User-Experience mit homegate.ch vergleicht, ist der Unterschied klar: Die Funktionstiefe und -breite ist viel grösser als bei Facebook. Und das ist einer der wesentlichsten Differenzierungsfaktoren, die es gilt aufrechtzuerhalten.

«Ausruhen darf man sich ohnehin nie»

Momentan mag das so ein. Wenn Facebook aber mehr Erfahrung in diesem Geschäftsfeld aufbaut, kann es für den User einfacher werden, seine Anzeige direkt auf der Plattform zu schalten, wo er ja sowieso unterwegs ist, statt bei einem Drittanbieter wie homegate.ch.
Das ist so. Letztendlich ist das die Diskussion um die Spezialisierung von Plattformen. Man geht ja auch nicht auf 20 Minuten, um etwas zu verkaufen, sondern um News zu konsumieren. Das hat man schon einige Male probiert. Nur, weil man auf Facebook unterwegs ist, will man sich nicht noch über Immobilien informieren. Aber es stimmt schon, diese Plattformen haben eine grosse Sogwirkung. Die grössere Sorge, die wir hatten, war Googles Eintreten ins Geschäft mit den offenen Stellen: Google Jobs.

Wie beurteilen Sie dieses neue Geschäftsfeld von Google?
Bis heute sieht es so aus, als würde Google dies auf ihr Kerngeschäft limitieren: Traffic verkaufen. Wenn es dabei bleibt, kann man damit leben.

Also kein Grund zur Sorge für TX Markets Jobgeschäft?
So weit würde ich nicht gehen. Der Punkt ist, wir wissen schlichtweg nicht, was Googles langfristige Strategie in diesem Geschäftsfeld ist. Google probiert viel aus. Und viele Projekte werden auch nicht weiterverfolgt. Aber bei den Jobs hätte man sich viel aggressivere Szenarien vorstellen können als das, was im Moment passiert. Das ändert aber nichts an der enormen Marktdominanz dieses Unternehmens. Und gerade in der jetzigen Krise bestätigt sich dies erneut: Wer gestärkt aus der Krise herausgehen wird, sind keine Start-ups, sondern Google, Amazon, Facebook und Konsorte. Das Grundthema dieser Marktdominanz bleibt bestehen, auch wenn das im Jobbereich nicht so dramatisch aussieht. Ausruhen darf man sich aber ohnehin nie.

Einfach nichts zu machen, nicht mal eine Debatte zu führen, ist ein Fehler.

Würden Sie regulatorische Massnahmen gegenüber Tech-Firmen begrüssen?
Ich bin immer sehr skeptisch, wenn der Staat Regulierungen in der freien Wirtschaft vorantreibt. Aber es gibt nun mal dieses Konzept der Marktbeherrschung, und davor darf man nicht die Augen verschliessen. Weltweit nimmt der Wettbewerb bereits ab. Dies ist nicht im Interesse der Kunden und auch nicht die Definition eines funktionierenden Marktes. Ich würde sagen, man müsste sich dies kritischer anschauen und eine Debatte führen, was man überhaupt will. Viele andere Unternehmen werden ja auch reguliert und einfach nichts zu machen, nicht mal eine Debatte zu führen, ist ein Fehler.

Also mehr Dialog in diesem Thema?
Man muss darüber diskutieren, ob wir eine Marktmachtkonzentration oder allenfalls sogar einen Marktmachtmissbrauch haben. Und wenn ja, was die geeigneten Massnahmen dagegen wären – sofern man welche will. Aber eine strukturierte Führung des Diskurses passiert schon mal nicht. Es ist ja schön und gut, wenn sich die Weko die Übernahme der Basler Zeitung durch die TX Group anschaut und auch bewilligt. Aber die gesellschaftliche Relevanz von Google und Facebook ist definitiv grösser als die Übernahme der BaZ.

«Der Schweizer Markt ist aber letztlich einfach wahnsinnig klein»

Sie haben schon mal geäussert, dass TX Markets verstärkter im Ausland auftreten sollte, um neue Absatzmärkte zu erschliessen. Welche Strategien sind dabei geplant?
Darüber reden Sie besser mit meinem Nachfolger. Aber ich habe mich immer dafür stark gemacht, dass man sich nicht nur auf die Schweiz beschränkt. Wenn man eine Immobilienplattform für ein kleines Land baut, hat man nicht viel weniger Aufwand als für ein grosses, die Funktionalitäten müssen ja sowieso da sein. Und jeder Markt ist anders, aber da gibt es gewisse Skaleneffekte. Der Schweizer Markt ist aber letztlich einfach wahnsinnig klein. Das Wachstumspotenzial ist logischerweise begrenzt. Deshalb müsste man im Ausland aktiver sein. Und letztlich passiert auch die Rekrutierung von Toptalenten in bestimmten Bereichen sowieso schon mehrheitlich im Ausland, weil der Schweizer Markt schlicht zu wenig hergibt. Besonders was die Erfahrung in Subsegmenten von Leuten aus dem Marktplatzbereich betrifft. Und viele gute Leute erwarten auch eine internationale Perspektive in der Karriere.

Ihr Nachfolger heisst Oliver Rihs. Was geben Sie ihm für einen Ratschlag für die Zukunft von TX Markets?
Man sagt ja, jeder Ratschlag ist auch ein Schlag (lacht). Letztendlich denke ich, bei TX Markets gibt es sehr viele gute und erfahrene Leute, und es lohnt sich, auf diese zu hören. Aber das weiss er bereits.

Auf jene Leute, die Sie ins Unternehmen geholt und aufgebaut haben?
Ja, aber nicht deswegen (lacht). Aber es stimmt, ich durfte bei der TX Group viel aufbauen und das hat mir extrem viel Freude gemacht.



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