20.07.2020

Sommerserie über Podcasts

«Hoi Papi»? «Hoi Noa»

Im Podcast «Familienbande», den es seit fünf Jahren gibt, stellt die Soziologin Noa Stemmer ihrem Vater, einem Kinderarzt, Fragen zu Erziehung und Familienalltag. Der Podcast lebt von Authentizität und alltagsnahen Fragen. 140 Folgen sind bisher erschienen.
Sommerserie über Podcasts: «Hoi Papi»? «Hoi Noa»
Noa Stemmer zu Hause mit ihren Kindern in Adliswil. «Familienbande» behandelt Themen rund ums Familie werden und Familie sein. (Bild: Keystone-SDA/Gaetan Bally)

«Hoi Papi.» Diese Begrüssung steht am Anfang jeder Folge des Podcasts «Familienbande». Danach beginnt das Gespräch immer mit einer Frage. Die Fragende ist Noa Stemmer, Mutter der drei Buben Thani, 5, Nave, 3, und Yuval, 1. Zusammen mit ihrem Mann Dan lebt sie in der Nähe von Zürich. Noa Stemmer arbeitet bei Pro Juventute. Sie hat Designforschung, Soziologie und Kommunikationswissenschaften studiert.  

Ihr Gesprächspartner im Podcast ist ihr Vater Sepp Holtz, Kinder- und Jugendarzt. Er leitet die Gruppenpraxis «Kind im Zentrum» in Zürich und ist Oberarzt der Entwicklungspädiatrie des Universitätskinderspitals Zürich. In jeder Folge des Audio-Podcasts geht es um ein bestimmtes Thema aus dem Eltern- und Familienalltag: «Wie gehe ich mit Trotzanfällen um?»,  «Wie vermeiden wir nasse Nächte?» oder «Wie verabschieden wir uns vom Nuggi?». Der kostenlose Podcast, der in Zusammenarbeit mit dem Kinderspital Zürich, Pro Juventute und Elternbildung CH entsteht, erscheint in loser Folge circa alle zwei bis drei Wochen. 

Die Idee für «Familienbande» sei vor ein paar Jahren entstanden, erzählt Noa Stemmer. «Ich war schwanger mit unserem ersten Kind. Mein Mann und ich verbrachten die Ferien mit meinen Eltern. Während eines Spaziergangs mit meinem Vater haben wir ihn mit Fragen zum noch ungeborenen Kind gelöchert.» Dan habe schliesslich die Idee gehabt, solche Gespräche aufzunehmen und daraus einen Podcast zu machen. «Wir wussten, dass wir bestimmt nicht die einzigen Eltern mit solchen Fragen waren. Und die Antworten meines Vaters sind einfühlsam, hilfreich, ehrlich und beruhen auf langer Erfahrung. Davon können viele profitieren.»

Mit Tabus brechen 

Noa Stemmer lässt ihre Zuhörerinnen und Zuhörer nah ran, ihre Fragen sind authentisch und nachvollziehbar. Dabei gibt sie viel von sich und ihrer Familie preis. Fiel ihr das am Anfang schwer? «Ich mache mir bei jedem Thema Gedanken darüber, wie dies für meine Kinder ist. Wird der Tag kommen, an dem es sie beschämen wird, dass ich darüber in der Öffentlichkeit gesprochen habe? Könnte ich ihnen damit schaden? Wenn dem so ist, dann stelle ich die Frage nicht.»

Gleichzeitig sei es aber wichtig, dass mit Tabus gebrochen werde und Betroffene merkten, dass sie mit schwierigen Themen nicht alleine seien. «Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Ted-Talk über das Elternsein, in dem ein Paar von ihrem Anfang als Eltern erzählte. Der Vater sagte, dass er keineswegs Liebe auf den ersten Blick verspürt hatte, als er sein Kind zum ersten Mal sah. Im Gegenteil, es dauerte lange, bis sich eine Beziehung entwickelt hatte.»

Die Benennung von solchen Themen und der Austausch darüber helfe, Ideen und Strategien mit deren Umgang zu entwickeln und die Last ein bisschen zu erleichtern. «Und mit diesem Gefühl kann ich auch heikle, private Fragen im Podcast stellen», sagt Noa Stemmer.

«Kurz und nebenbei konsumiert»

Auf jede Frage antwortet Sepp Holtz mit stoischer Ruhe und Herzlichkeit, ohne ein Arzt-Patienten-Gefälle entstehen zu lassen. Oft gehen seine Antworten erstmal nicht in die Richtung, die sich viele Jungeltern vielleicht wünschten. Das liegt aber nicht an Sepp Holtz, sondern an der Tatsache, dass es für fast nichts, was mit Kindern zu tun hat, ein allgemeingültiges Patentrezept gibt. 

Dafür ruft Sepp Holtz einem immer wieder die kindliche Sichtweise in Erinnerung. Erklärt, wie Kleinkinder die Welt um sich herum wahrnehmen und dass anstrengende Verhaltensweisen wie beispielsweise Trotzanfälle zur Entwicklung gehören. Dass Zweijährige noch keine Vorstellung davon haben, dass die Mutter oder der Vater etwas anderes wollen könnten als sie selber. 

Dieser wohltuende Perspektivenwechsel wirft bereits auf viele Probleme ein ganz neues Licht. Holtz plädiert auch immer wieder für Achtsamkeit – gegenüber dem Kind und gegenüber sich selber. Kinder spürten, wenn Eltern gestresst seien, unter Druck stünden oder nicht authentisch seien.

«Lese die Antworten vorher nie»

Bisher sind rund 140 Episoden von «Familienbande» erschienen, die erste im April 2015. Die Folgen sind eher kurz, die meisten dauern zwischen 3 und 10 Minuten. «So passen sie gut in den Familienalltag», sagt Noa Stemmer. «Als Eltern hat man selten lange Ruhe und immer etwas zu tun. Da eignet sich das Format, das kurz und nebenbei konsumiert werden kann, sehr gut.»

Tauche im Familienalltag eine Frage auf, schreibe sie sie auf und sende sie an ihren Vater, an die Elternbildung CH und an die Elternberatung von Pro Juventute. «Fachpersonen aus diesen Institutionen beantworten dann meine Fragen schriftlich aus der Perspektive der Elternberatung. Mein Vater ergänzt damit seine Antwort bei Bedarf.»

Sie selber lese die Antworten vorher nie, sagt Noa Stemmer. Damit im Gespräch, das jeweils in der Praxis von Sepp Holtz aufgenommen wird, die Spontanität nicht verloren gehe. «Anfangs brauchten wir manchmal zwei Anläufe, aber mittlerweile besprechen wir jede Frage nur einmal. Dann ist der Podcast im Kasten.»

Diese Serie wurde von Keystone-SDA realisiert. Sie ist mit finanzieller Unterstützung aus dem Kredit «Verständigungsmassnahmen» des Bundesamtes für Kultur zustande gekommen. Autorin dieser Folge ist Maria Künzli.

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Alle bisherigen Ausgaben der Serie finden Sie hier.



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