Samstagabend, Spitzenspiel der Super League auf Blue Sport. Am Sonntag folgt das Eishockeyderby auf MySports. Und wer unter der Woche die Bundesliga oder LaLiga schauen will, braucht zusätzlich ein Abo von DAZN. Zusammen kosten die drei Abos rund 90 Franken im Monat. Das ergibt über 1000 Franken im Jahr. Bloss für das eine Spiel zu bezahlen, geht weder bei Blue Sport noch bei MySports.
Die günstigere Alternative ist ein paar Klicks entfernt. Illegale IPTV-Plattformen bieten Tausende Sender und praktisch alle Sportangebote. Manche verkaufen Abos und treten wie reguläre Streamingdienste auf. Die Gratisangebote sind mit Werbebannern und Pop-ups übersät.
Vor diesen Angeboten warnt seit dem 22. Oktober die Kampagne «Streamsafe», in Stadien, Programmen und Kinos (persoenlich.com berichtete). Dahinter steht die Swiss Alliance for Fair Entertainment, zu der unter anderem die Swiss Football League, die National League, Swisscom, Sunrise, Sky, DAZN und der Technologieanbieter Nagravision gehören.
Ein Mann sitzt im dunklen Zimmer
Im Visier hat «Streamsafe» die Fans, nicht die Anbieter. «Wusstest du, dass Streaming oft illegal ist und sogar kriminelle Organisationen finanziert?», fragt das Kampagnenvideo. Auf der Website streamsafe.ch sitzt ein Mann allein im dunklen Zimmer vor dem Laptop, den Kopf in die Hand gestützt, darüber steht «Schiess kein Eigentor!». Weiter unten streckt sich dem Betrachter eine Hand zur Stopp-Geste entgegen. «Du denkst, du schaust einfach nur einen Stream. Doch damit öffnest du Kriminellen die Tür», heisst es dazu. Zum Schluss folgt die Aufforderung «Choose legal. Choose safe.», also: Entscheide dich für ein legales, sicheres Angebot.
Auch wenn die Kampagne einen anderen Eindruck erweckt: Strafbar macht sich der Sportfan nicht, wenn er illegale Streams schaut. Das Urheberrecht erlaubt die Werkverwendung «im persönlichen Bereich und im Kreis von Personen, die unter sich eng verbunden sind, wie Verwandte oder Freunde» – auch aus illegalen Quellen. Verboten ist hingegen das Anbieten und Weiterverbreiten. Zur Rechtslage findet sich auf streamsafe.ch kein Wort. Auf Nachfrage von persoenlich.com bestätigt die Allianz, dass die private Nutzung nicht strafbar ist. Das heisse aber nicht, «dass sie folgenlos oder unproblematisch ist». Deshalb halte sie Prävention und Information für sinnvoll.
«Auch Massnahmen gegen Betreiber illegaler Angebote»
Ob sich die Allianz politisch dafür einsetzt, die Nutzung strafbar zu machen oder illegale Angebote zu sperren, lässt sie offen. Sie sehe auch Behörden als wichtige Zielgruppe und bringe das Thema verstärkt mit ihnen zur Sprache, schreibt sie. Es brauche einen breiten Ansatz, «auch mit wirksamen Massnahmen gegen die Betreiber illegaler Angebote». Für Urheberrechtsverletzungen sieht das schweizerische Recht keine Netzsperren vor; ein Provider kann nach der Rechtsprechung von 2019 dazu nicht verpflichtet werden. Anders bei ausländischen Online-Casinos: Diese werden seit 2019 blockiert.
Gemäss der Studie der Audiovisual Anti-Piracy Alliance (AAPA), auf die sich «Streamsafe» stützt, schauen in der Schweiz 634’000 Personen zwischen 16 und 74 Jahren Fernsehen aus nicht autorisierten Online-Quellen. Mitgezählt sind bezahlte IPTV-Abos ebenso wie Gratisstreams, und zwar für Fernsehprogramme aller Art, nicht nur für Sport. Auf der Website wird daraus: «634'000 Menschen in der Schweiz nutzen kostenpflichtige illegale Streams.» Die Faktenbasis dafür ist dünn. Die Zahl für die Schweiz hat die AAPA nicht erhoben, sondern hochgerechnet: Sie hat dazu einen Durchschnittswert für die EU-Länder auf die Schweizer Bevölkerung übertragen. Auf Nachfrage verweist die Allianz auf ein Monitoring von Nagravision, das ein «vergleichbares Bild» zeige. Daten legt sie keine vor.
Auch die geschätzten Verluste durch die Nutzung illegaler Streams beruhen lediglich auf einer Annahme. Die AAPA-Studie beziffert die Einbussen der Schweizer Pay-TV-Anbieter auf knapp 76 Millionen Euro im Jahr. Die Rechnung geht davon aus, dass jeder Haushalt, der heute für einen illegalen Dienst zahlt, stattdessen ein legales Abo lösen würde. Ob Fans bei einem besseren Angebot wechseln würden, lasse sich aus der Studie nicht ableiten, schreibt die Allianz. Die Schätzung hält sie dennoch für «plausibel». Illegale Gratisstreams und TV-Boxen seien darin nicht berücksichtigt.
Nicht näher genannte Untersuchungen
Noch schwächer belegt ist die Annahme, den Fans, die illegale Streams nutzen, fehle das Bewusstsein für die Risiken. Die Allianz verweist auf Erfahrungen ihrer Mitglieder im Ausland, auf nicht näher genannte Untersuchungen und auf Gespräche. Diese zeigten, dass vielen die Hintergründe und möglichen Folgen wenig bewusst seien. Welche Gespräche, ist nicht zu erfahren. Die AAPA-Studie untersucht keine Motive der Nutzenden. Eine Untersuchung des Europäischen Parlaments nennt dagegen Preisstruktur, Bequemlichkeit und die Fragmentierung legaler Angebote als Treiber der Nutzung illegaler Angebote.
Die Anbieter haben es selbst in der Hand, mit attraktiven Angeboten Kunden zurückzugewinnen. Das räumt auch die Allianz hinter «Streamsafe» ein. «Ein einfaches und preislich attraktives legales Angebot kann den Wechsel erleichtern», schreibt sie auf Anfrage. Die Nutzung illegaler Angebote bleibe aber «eine bewusste Entscheidung». Sie schade den Rechteinhabern und der Kreativbranche.

