22.07.2020

Sommerserie über Podcasts

Mehrsprachige Gespräche mit Historikern

Im Zentrum der Diskussion stehen nicht nur der Inhalt von Büchern, sondern auch der wissenschaftliche Anspruch des Autors, die Recherche, damit verbundene Schwierigkeiten, die Methode oder die Sprache. Dies ist die Formel von Cliocast.
Sommerserie über Podcasts: Mehrsprachige Gespräche mit Historikern
Jan-Friedrich Missfelder, Professor an der Universitaet Basel und Co-Gruender des Podcasts "Cliocast", portraitiert am 15. Juni 2020 in Zuerich. (Collage: persoenlich.com, Grafik: Corinne Lüthi, Bild: Keystone/Gaetan Bally)

«Die Hauptidee ist es, eine sehr offene und detaillierte Diskussion über die Arbeit von Historikern zu führen», sagt Jan-Friedrich Missfelder, Professor für Geschichte an der Universität Basel und Mitbegründer von Cliocast. Dies, ohne sich im Fachjargon zu verlieren und die Hörerschaft damit zurückzulassen. «Die Menschen müssen in der Lage sein, diese Gespräche zu hören, während sie Auto fahren oder kochen.»

«Die rund 30-minütigen Sendungen sind keine Buchbesprechungen oder Rezensionen im herkömmlichen Sinne», betont Missfelder. Das Gespräch betreffe die im Buch behandelten Themen, den Ansatz und die Überlegungen des Historikers. «Zum Beispiel können wir über den Stil sprechen oder den Autor fragen, warum er dieses oder jene Methode gewählt hat», sagte der Professor.

Das Aufkommen der digitalen Technologie, das Bestiarium des Papstes, historischer Tourismus und das Streben nach Authentizität – die Themen unterscheiden sich von Folge zu Folge. Jedes Mitglied der Cliocast-Redaktion ist auf eine historische Periode vom Mittelalter bis zur Gegenwart spezialisiert. Es kann die zu diskutierenden Bücher frei auswählen und die Interviews nach eigenem Gutdünken führen – die Arbeit ist schliesslich freiwillig.

Zweisprachig – oder mehr

Wie Jan-Friedrich Missfelder unterrichten auch die anderen Podcaster an der Universität oder sind Postdoktoranden. Zur Cliocast-Sitzung treffen sich nur zweimal im Jahr. Die fünf Redaktionsmitglieder – zwei Frauen und drei Männer – sind in Lausanne, Basel und Zürich tätig.

«Cliocast ist grundsätzlich zweisprachig», sagt Eliane Kurmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei infoclio.ch und Koordinatorin der Redaktion. «Sollten sich italienischsprachige Spezialisten melden, wären wir bereit, drei Sprachen abzudecken.» Spricht ein Gast weder deutsch noch französisch, wird eine Diskussion auch mal auf englisch geführt. Die Interviews erfolgen meistens im Rahmen internationaler Symposien und Konferenzen, an denen die Podcaster leichter in Kontakt mit spannenden Talk-Gästen kommen, als wenn sie sie zum Interview in die Schweiz einladen würden.

Hin und wieder werden aktuelle Geschehnisse ins Programm aufgenommen. Ein Beispiel: «Angesichts der jüngsten Proteste gegen rassistische Gewalt und Rassismus auf der ganzen Welt hat die Redaktion beschlossen, der Bürgerrechtsbewegung in den USA seit den 1960er Jahren eine Sonderproduktion zu widmen», sagt Missfelder.

Persönliche Diskussionen

In der Regel werden die Gespräche live aufgezeichnet. In seltenen Fällen über Skype oder andere Kommunikationsplattformen. Seit der Gründung von Cliocast stehen der Redaktion die Berner Räumlichkeiten des infoclio.ch-Portals zur Verfügung, das darüber hinaus auch die geringen Kosten für Reisen, Ausrüstung und Podcast-Unterbringung deckt.

Malik Mazbouri, Dozent und Forscher an der Universität Lausanne, hätte Mitte März in Bern sein neustes Interview aufzuzeichnen sollen. Der Lockdown machte einen Strich durch die Rechnung. Laut Eliane Kurmann sind derzeit jedoch fünf Shows in Vorbereitung. Die Redaktion hoffe, dass nun durchschnittlich alle sechs bis acht Wochen eine neue Folge veröffentlicht werden kann, sagte sie.

Diese wiederum werden über die sozialen Netzwerke Twitter und Facebook, über den Portal-Newsletter und auf den beliebtesten Audio-Sharing-Plattformen verbreitet. Um seine langfristige Existenz zu sichern, wird der Podcast ausserdem in der Schweizerischen Nationalphonotek archiviert.

Das Cliocast-Team blickt zuversichtlich in die Zukunft. «Die Feedbacks der Zuhörerinnen und Zuhörer sind zahlreich und sehr positiv», sagt Eliane Kurmann. Und auch Jan-Friedrich Missfelder ist stolz: «Wir haben immer mehr Übung.» Die befragten Autoren «erzählen uns oft, dass sie selten so intensiv über ihre Bücher und ihre Arbeitsweise gesprochen haben», so der Professor. (sda/lol)



Diese Sommerserie über Podcasts wurde von Keystone-SDA realisiert. Sie ist mit finanzieller Unterstützung aus dem Kredit «Verständigungsmassnahmen» des Bundesamtes für Kultur zustande gekommen. Autor dieser Folge ist Gilles d'Andrès.

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Alle bisherigen Ausgaben der Serie finden Sie hier.



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