10.12.2019

Mediapulse

Neue Online-TV-Messung verzögert sich

Statt bereits im Januar 2020 startet die erweiterte TV-Forschung nun ein halbes Jahr später. Schuld sind die Fernsehsender. Nur wenige haben das dafür erforderliche Tagging bereits umgesetzt. Mediapulse räumt ein, zu optimistisch geplant zu haben.
Mediapulse: Neue Online-TV-Messung verzögert sich
«Wir machen keine Onlineforschung, wir machen Fernsehforschung online», so Mediapulse-Forschungsleiter Mirko Marr am Dienstag in Küsnacht. (Bilder: Oscar Alessio)
von Christian Beck

In der Einladung der IGEM Interessengemeinschaft elektronische Medien hiess es: «Mediapulse stellt die neue TV-Forschung vor und präsentiert die ersten Daten zur Nutzung von Online-TV.» Auch IGEM-Präsident Stephan Küng konnte es am Anlass vom Dienstag bei Goldbach in Küsnacht kaum erwarten: «Wir wissen alle, dass die TV-Nutzung Richtung Online geht. Wir sind sehr gespannt auf die ersten Daten.»

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Mediapulse-Forschungsleiter Mirko Marr bedankte sich «für das schon fast bedrohliche Interesse». Rund 100 Interessierte, vorwiegend Vertreter von Mediaagenturen, waren der Einladung gefolgt. Nach einigen einführenden Worten sagte Marr aber überraschend: «Wir können heute noch keine Zahlen präsentieren, damit ist die Präsentation hiermit beendet.» Es folgte ein grosses Gelächter im Raum. Zwar ging die Präsentation dennoch weiter, absolute Zahlen gab es aber tatsächlich keine.

«Radwechsel am fahrenden Auto»

Doch von Anfang an: Als im März dieses Jahres bekannt wurde, dass das Onlinewährungs-Projekt Swiss Media Data Hub eingestellt wird, kam Mediapulse laut eigenen Angaben unter Zugzwang. Bereits im September präsentierte das Forschungsunternehmen an einem eigenen Anlass in Bern zwei neue Weiterentwicklungs-Projekte: «Hi-Res TV Audience Measurement» und «Online-TV Audience Measurement» (OTV). Um Letzteres ging es am Dienstag in Küsnacht.

Ziel des OTV-Projektes ist es, die Nutzung von Online-TV-Angeboten zu messen und diese in die bestehende Erhebung der TV-Nutzung zu integrieren. Als Online-TV-Angebote gelten zum einen die herkömmlichen TV-Programme, die – live oder zeitversetzt – entweder auf TV-Plattformen oder über die Player und Mediatheken der TV-Sender zugänglich sind. Aber auch Bewegtbildangebote, die von den TV-Sendern exklusiv online angeboten werden, sollen berücksichtigt werden. Erhebungsbasis bildet dabei das bestehende TV-Panel von Mediapulse. Die rund 2000 Haushalte wurden ergänzend zur bereits fest installierten Infrastruktur mit einem zweiten Gerät, dem sogenannten Focal Meter, ausgerüstet. Dieses erlaubt, die TV-Nutzung auf PC, Laptops, Tablets und Smartphones zu erfassen.

Voraussetzung für die Erfassung ist, dass die TV-Sender die zu messenden Angebote taggen, also markieren. «Wir machen einen Radwechsel am fahrenden Auto – und mussten nun den Fuss vom Pedal nehmen», so Marr. Rund 70 TV-Sender wurden im Sommer angefragt, ob sie taggen würden, etwa 30 sicherten die Bereitschaft zu – darunter auch alle Sender von CH Media. Aktueller Stand: Nur die SRG-Sender SRF 1, SRF zwei, SRF info, RTS 1 und 2 sowie RSI 1 und 2 taggen – und als einziger Privatsender Telebasel.

«Es braucht länger Zeit, als wir uns als Mediapulse das eingebildet haben. Wir haben den Zeitplan zu ambitioniert gestrickt», bilanziert Marr im Gespräch mit persoenlich.com. Oder in anderen Worten: Mediapulse war bereit, die TV-Sender noch nicht. Die Gründe würden in rechtlichen und vor allem technischen Herausforderungen liegen. Tatsächlich heisst es bei diversen Sendern auf Anfrage, dass der Zeitplan für die Implementierung dieser komplizierten Technologie zu sportlich war.

«Twittert #taggingnow»

Die neuen OTV-Daten wollte Mediapulse ab Januar 2020 breit publizieren, wie es auf der Website heisst. Der offizielle Start wird nun um ein halbes Jahr nach hinten versetzt. In den nächsten Tagen gäbe es einen zweiten Aufruf an die TV-Sender, so Marr. Wer bis Ende April das Tagging abschliessen kann, wird ab Juli 2020 mit seinen OTV-Daten ausgewiesen. Wer früher bereit ist, kann auch früher publizieren.

Einen kleinen Einblick gab es in Daten, welche die SRG für den Infoanlass zur Verfügung stellte – aber eben ohne konkrete Zahlen. «Wenn ihr twittert: Twittert also keine Zahlen, twittert den Hashtag #taggingnow», forderte Marr die Anwesenden auf, um so noch mehr TV-Sender zum Mitmachen zu bewegen.

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Isabelle Waser, Projektleiterin bei Mediapulse, stellte denn auch einige eher unspektakuläre Grafiken vor. Die Haupterkenntnisse aus den SRG-Daten: «Knapp ein Drittel der Online-TV-Nutzung findet ausser Haus statt», so Waser. Die Messkurven seien stabil, Peaks nach oben bei der Online-Reichweite seien Männern zuzuordnen, die Sportsendungen schauen – dafür hätten Frauen eine etwas längere Sehdauer.

Durch die erweiterte TV-Forschung werden die einzelnen Sender etwas an Reichweite zulegen. «Wir gehen davon aus, dass vier bis fünf Prozent der klassischen Fernsehforschung durch online nochmals oben drauf kommt», so Marr zu persoenlich.com. Noch mehr könnte es werden, wenn auch Haushalte erfasst würden, in denen gar kein klassisches TV-Gerät mehr steht. Dies sei momentan aber noch nicht vorgesehen.



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Kommentare

  • Ehrler Roland, 11.12.2019 07:46 Uhr
    Worauf warten die TV-Sender? Eine Vertaggung und damit Messung der Onlinenutzung müsste doch auch in ihrem Interesse sein? Nur die SRG scheint das bisher erkannt zu haben. #taggingnow

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