14.07.2020

Sommerserie über Podcasts

«Wir profitieren genauso wie die Zuhörerinnen»

Cheyenne Mackay ist Medienpädagogin und produziert für SRF den Eltern-Podcast «Pipifax». Im Interview spricht sie über fehlende Männerstimmen in dem Thema und sehr persönliche Statements. Zudem sagt sie, wie sie das Podcast-Angebot in der Schweiz einschätzt.
Sommerserie über Podcasts: «Wir profitieren genauso wie die Zuhörerinnen»
«Wir sprechen immer genau das an, was uns unter den Nägeln brennt»: Cheyenne Mackay produziert zusammen mit ihrem Mann Marcel Zulauf den Podcast «Pipifax». (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Cheyenne Mackay, Sie sagten einmal, die Podcastszene spriesse, ja, sie explodiere geradezu. Warum braucht es einen weiteren Podcast von Ihnen?
Cheyenne Mackay (lacht): Es braucht nicht zwingend einen Beitrag von mir. Seit ich ein Kind bekommen habe, ist einfach vieles neu und unbekannt. Mein Partner und ich haben unzählige Fragen, wir sind überfordert und beglückt, ratlos und neugierig, wir haben eigene Wünsche und ein schlechtes Gewissen. Ich wollte über mein Eltern- und Muttersein sprechen und mich mit anderen Menschen austauschen. Für mich ist der entscheidende Punkt die persönliche Betroffenheit. Ohne sie hätte ich keinen Podcast machen wollen. Dass es dieses Format ist, also ein akustisches, war von Anfang an klar. Mit meiner Stimme zu arbeiten, ist mein Ding, seit ich zwölf bin. Ausserdem haben Podcasts den Vorteil, dass man während des Hörens noch etwas erledigen kann und zeitlich frei ist, wann man sie hören will. Beides entscheidende Punkte für Eltern mit kleinen Kindern. Und dann gibt es noch einen zweiten Motivationsgrund.

Welchen denn?
Mir hat die kreative Betätigung gefehlt, die Arbeit. Und beim bestehenden Medienangebot für Eltern habe ich den Blickwinkel der Väter vermisst. In den Sozialen Medien existieren Mamagruppen in einer grossen Anzahl und thematischen Breite. Die Väter und ihre Stimmen fehlen dabei fast immer. Das wollte und will ich mit «Pipifax» ändern.

Gelingt es Ihnen?
Ich denke schon. Es melden sich jedenfalls regelmässig Männer und bringen sich ein. Aber es dürften durchaus noch mehr sein (lacht).

Sie hätten auch eine Radiosendung machen können.
Ja, das wäre denkbar gewesen. Nur muss man für eine Radiosendung zuerst irgendwo einen Sendeplatz erhalten und je nach Sender kommen unterschiedliche formale Vorlagen dazu. Eine Sendung im Radio ist zudem linear und damit an diverse Kriterien gebunden, zum Beispiel der Zeitpunkt der Ausstrahlung. Mit unserem Podcast können wir uns ausserhalb von starren Senderastern bewegen und wir sind flexibel, was die Dauer der Episoden und der Erscheinungsrhythmus angehen. Zudem können wir thematisch viel fokussierter sein, nerdig gar. Wir sprechen immer genau das an, was uns unter den Nägeln brennt.

Podcasts sind also das bessere Radio?
Im besten Fall können sich beide Formate gegenseitig befruchten.

«Unser Podcast ist kein Ratgeber»

In «Pipifax» diskutieren Ihr Mann und Sie über Eltern-Themen. Gleichzeitig rufen Sie zum Mitmachen auf und so äussern sich andere Eltern mit Sprachnachrichten und SMS. Der Podcast läuft nun in der zweiten Staffel. Was ist Ihre Haupterkenntnis?
Es sind eigentlich zwei. Zunächst, ganz simpel: Ich bin nicht alleine mit meinen Gedanken, Fragen und Erlebnissen rund ums Elternsein. Wichtig war von Anfang an: Unser Podcast ist kein Ratgeber, es gibt keine Statements von Fachleuten und keine Einordnung. Was wir tun, ist einander erzählen und zuhören. Daran halten wir fest, auch wenn wir uns natürlich immer wieder überlegt haben, das Format zu öffnen; zum Beispiel für Interviews mit Expertinnen und Experten. Wir haben uns aber dagegen entschieden. So, wie es ist, fühlt es sich richtig an.

Und die zweite Erkenntnis?
Dass wir von unseren Sendungen genauso profitieren wie hoffentlich die Zuhörerinnen und Zuhörer. Ihre Nachrichten bringen uns in unserem persönlichen Eltern-Alltag weiter, inspirieren uns und regen zu Diskussionen an.

Ihr Eltern-Alltag ist privilegiert.
Wir sind uns dessen sehr bewusst. Als doppelverdienendes Paar mit guten Jobs und einer grossen Wohnung reden wir aus einer sehr privilegierten Lage heraus. Wir wissen, dass es nicht allen Eltern so geht und sie darum auch mit Schwierigkeiten und Fragestellungen zu tun haben, die wir nicht haben. Deshalb möchten wir diesem Umstand Rechnung tragen. Unser Podcast soll alle Eltern ansprechen und die Diversität und die unterschiedlichen Lebensweisen von Eltern in der Schweiz abbilden.

«Zwischen den beiden Staffeln hat uns etwas gefehlt»

Gibt es keine Angst vor dem leeren Kopf, die Angst, dass einmal alles gesagt ist?
Nein, ganz im Gegenteil. Zwischen den beiden Staffeln hat uns vielmehr etwas gefehlt. Wir haben die Momente vermisst, in denen wir zusammen am Küchentisch sassen, um den Podcast aufzunehmen. Und wir haben die Rückmeldungen der Eltern vermisst. die uns immer auch zu neuen Themen bringen.

Auch keine Angst davor, dass es die Rückmeldungen einmal ausbleiben könnten?
Wenn ich am Schluss einer Episode das neue Thema vorstelle, spreche ich das Publikum jeweils ganz direkt an: Meldet euch, erzählt, wie es euch geht mit diesem Thema. Und bisher ist noch nie nichts gekommen. Ganz offensichtlich lösen wir etwas aus.

Sie lösen nicht nur etwas aus. Die Hörerinnen und Hörer erzählen, dass ihnen mit dem Podcast geholfen wird. Was macht das mit Ihnen?
Das berührt mich sehr. Wir erleben aber auch die andere Seite: Dass die Erfahrungen von anderen Menschen uns helfen. Ein Beispiel: Unsere Tochter wollte eine Zeitlang nicht einschlafen. Mich begann das zu stressen. Als uns ein Hörer sagte, er sehe das Einschlafen mit dem Kind als kostbaren und intimen Moment und würde dabei nicht den Fokus auf den Stress legen, konnte ich besser damit umgehen. Das ist das Erfolgsrezept, wenn man es denn so nennen will, von «Pipifax»: Alle helfen mit, jede und jeder kann profitieren.

Ihr Podcast ist nahe bei den Menschen, er ist direkt und ehrlich. Es werden auch heikle und intime Bereiche angesprochen. Wie weit gehen Sie?
Die Frage der Verantwortung stellen wir uns sehr bewusst. Muss ich Menschen zum Beispiel vor sich selber schützen? Wir kennen das ja alle: Wir sagen etwas aus einer persönlichen Betroffenheit heraus und haben später Bedenken wegen der Formulierung. Wenn ich eine Aussage als sehr persönlich empfinde, dann kommt es schon mal vor, dass ich zurückfrage ob es wirklich in Ordnung ist, diese für den Podcast zu benutzen. Zu meiner grossen Überraschung hat noch nie jemand eine Aussage zurückgezogen.

«Zu meinem Erstaunen gab es bislang keine negativen Rückmeldungen»

Gab es negative Rückmeldungen?
Ich habe eigentlich damit gerechnet. Wir möchten ja durchaus – im positiven Sinne – provozieren. Aber: Zu meinem Erstaunen gab es bislang keine negativen Rückmeldungen.

Welche Themen empfanden Sie denn als kontrovers?
Wenn es ums Elternsein geht, sind ja grundsätzlich alle Eltern Expertinnen und Experten. Da kann man schnell provozieren. Zum Beispiel beim Thema Kita. Da hatten wir eine Aussage einer Hörerin, die sagte, es sei nicht gut, ein Kleinkind in die Kita zu bringen, weil es dem Kind schade, wenn es mehr als drei Bezugspersonen habe. Das ist nicht unsere Meinung, wir haben sie diskutiert und im Anschluss haben auch andere Hörerinnen darauf reagiert. Oder wir haben über Alkohol und Kinder gesprochen: Darf man trinken, wenn das Kind dabei ist? Doch selbst bei solchen Themen haben wir einen reichen und konstruktiven Austausch erlebt und kein Entsetzen.

Woran liegt das?
Es könnte der bekannte Effekt sein: Menschen, die sich an uns und unserer Haltung stören könnten, hören unseren Podcast erst gar nicht an – oder schalten schnell wieder ab. Es gibt ja praktisch für jede Haltung einen Eltern-Podcasts. Man sucht sich als Hörerin also tendenziell jene Sendung, bei der man sich bestätigt fühlt.

Rund 300 Podcasts werden momentan in der Schweiz produziert, nicht wenige davon kennen Sie. Was ist Ihr ganz allgemeiner Eindruck?
Meiner Meinung nach entstehen viele kreative Sachen. Eine spannende Frage ist, wie journalistisch die Sendungen sind. Da vermischen sich Grenzen und Formen. Es gibt stark abgestützte, gut recherchierte, professionell aufbereitete und aufwändig gestaltete Podcasts – aber auch das Gegenteil: Solche, die mehr auf Meinung basieren und persönliche Ansichten diskutieren oder mit weniger Elementen arbeiten. Das muss nicht schlecht sein. In meinen Augen ist «einfach mal bisschen über etwas reden» kein Journalismus, aber durchaus eine spannende Form für Podcasts.

Bei «Pipifax» wird Mundart gesprochen. Damit verbauen Sie sich automatisch Reichweite.
Das stimmt. Mehr als fünf Millionen potenzielle Hörerinnen und Hörer werden wir also nie haben. Aber: Würden wir die Geschichten auf Hochdeutsch bringen, würde die Authentizität fehlen. Vor allem, wenn es um die Beiträge unserer Hörerinnen und Hörer geht. Man spricht nie so frei wie in der Muttersprache.

Musik ist wichtig in Ihrem Leben. Eines der Themen, das immer wieder diskutiert wird, ist die Frage, ob man sich als Eltern den Punkrock im Leben erhalten kann. Im engen Wortsinn, aber auch auf einer Metaebene. Und, geht das?
Ja. Wenn man es will, kann man sich ziemlich viel davon erhalten. Man wird auch immer wieder überrascht. Ich habe zum Beispiel erfahren: Podcast ist Punkrock. Das Schneiden der Beiträge ist wie Komponieren oder Musik machen und da hat man ja auch seinen eigenen Stil. Grundsätzlich geht es darum, herauszufinden, wie man mit dem Spannungsfeld zwischen Verantwortungsbewusstsein und Selbstverwirklichung umgeht, wie man die Balance findet zwischen persönlichen Bedürfnissen und Zeit mit dem Kind und wie man es schafft, aus all dem etwas Kreatives zu machen, das alle Beteiligten einigermassen erfüllt und glücklich macht. Ein Kind zu haben und damit zwangsläufig weniger spontan sein zu können, schliesst Punkrock also nicht aus.


Diese Serie wurde von Keystone-SDA realisiert. Sie ist mit finanzieller Unterstützung aus dem Kredit «Verständigungsmassnahmen» des Bundesamtes für Kultur zustande gekommen. Autor dieser Folge ist Raphael Amstutz.

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Alle bisherigen Ausgaben der Serie finden Sie hier.






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