23.09.2021

ZFF

«Die Kinos brauchen jetzt dringend Kassenschlager»

Das Zurich Film Festival wird am Donnerstag erstmals im Kongresshaus eröffnet. Direktor Christian Jungen äussert sich über die James-Bond-Premiere, seine Bewunderung für Sharon Stone – und er sagt, weshalb Michael Steiners kritisierter Film «Und morgen seid ihr tot» gezeigt wird.
ZFF: «Die Kinos brauchen jetzt dringend Kassenschlager»
«Mit dem Kongresshaus verfügen wir nun auch über einen Festivalpalast, vergleichbar mit jenen in Cannes oder Berlin», sagt Christian Jungen, Direktor des Zurich Film Festival. (Bild: Keystone/Walter Bieri)
von Matthias Ackeret

Herr Jungen, am Donnerstag startet das 17. Zurich Film Festival, das zweite unter Ihrer Führung. Erstmals findet die Eröffnung im neu renovierten Kongresshaus statt. Was ist anders gegenüber dem Corso?
Das Kongresshaus ist eine perfekte Ergänzung zu unserem Flaggschiff-Kino Corso. Es bietet Platz für 1300 Leute und wir haben dort eine Leinwand von über 16 Metern Breite eingebaut. Die Besucher können also den Eröffnungsfilm «Und morgen seid ihr tot» von Michael Steiner im grössten Kino der Schweiz erleben. Mit dem Kongresshaus verfügen wir nun auch über einen Festivalpalast, vergleichbar mit jenen in Cannes oder Berlin. Es eröffnet uns eine starke Wachstumsperspektive und dennoch bleibt das Festival im Herzen der Stadt kompakt. Das Kongresshaus ist ja nur einen Steinwurf vom Sechseläutenplatz entfernt, wo unser Festivalzentrum mit dem grünen Teppich bleibt.

Gibt es wegen der Pandemie viele Einschränkungen?
Wir setzen auf 3G: Wer bei uns einen Film schauen kommt, muss ein Zertifikat und einen Ausweis zeigen und so beweisen, dass er getestet, geimpft oder genesen ist. In den Kinos selber kann man dann den Film ohne Maske geniessen. Der Vorverkauf ist sehr gut angelaufen – wir spüren, dass die Leute wieder Lust haben, gemeinsam etwas zu unternehmen. 

Wie haben sich die letzten anderthalb Jahre auf die Filmbranche ausgewirkt?
Die Kinos waren über Monate geschlossen und brauchen jetzt dringend Kassenschlager. Wir vom Zurich Film Festival verstehen uns als Fürsprecher des Kinos: Wir wollen die Lust am Kino vermitteln und dafür sorgen, dass die Leute wieder in die Säle strömen. Dank grosser Filme wie «Und morgen seid ihr tot», «No Time to Die», «The French Dispatch» oder «The Last Duel» sollte das gelingen.

Spürten Sie dies auch, beispielsweise bei den Sponsoren?
Wir haben tatsächlich einige Partner verloren, weil diese durch die Pandemie in Not gerieten. Andererseits gab es auch Firmen, die unseren Mut, das Festival trotz garstigen Bedingungen als physischen Event durchzuziehen, honorieren wollten. Georges Kern, CEO von Breitling, zum Beispiel kam mit seiner Uhrenfirma last minute und völlig unkompliziert als Co-Partner an Board, weil er uns helfen wollte. Und mit Jelmoli und Moët & Chandon haben wir noch zwei weitere tolle Co-Partner gewonnen. Und gerade weil sich besuchermässig ein starker Jahrgang abzeichnet, bin ich für die Zukunft sehr optimistisch. 

«Gerade den Schweizer Film hat man ja weiss Gott lange dafür kritisiert, er sei zu harmlos»

Der Eröffnungsfilm «Und morgen seid ihr tot» von Michael Steiner über zwei Schweizer Taliban-Entführte hat erschreckende Aktualität und stiess deswegen auch auf Kritik. Wie reagieren Sie darauf?
Wir haben den Film früh gesehen und waren begeistert von der Spannung, die er aufbaut, und von der modernen Bildsprache. Und vor allem hat «Und morgen seid ihr tot» eine diskursive Kraft, weil er zum Beispiel die Rolle der Schweizer Medien hinterfragt, die in ihrer Berichterstattung zur Geiselaffäre auch Fake News produzierten. Hätten wir jetzt auf diesen Film verzichten sollen, weil die Taliban in Afghanistan die Macht übernahmen? Nein, natürlich nicht. Kino soll am Puls der Zeit sein. Gerade den Schweizer Film hat man ja weiss Gott lange dafür kritisiert, er sei zu harmlos. Jetzt muss man halt auch als Kurator den Mut haben, ein Wagnis einzugehen – auf die Gefahr hin, dass dies nicht allen gefällt.

Einer der Topstars, die nach Zürich kommen, ist Sharon Stone. War es schwierig, sie für Ihr Festival zu gewinnen?
Es ging erstaunlich einfach. Wir haben ihrem Management geschrieben, wir würden sie gerne mit unserem Golden Icon Award auszeichnen. Und Sharon hat mir dann gleich direkt zurückgemailt und sich für die Ehre bedankt. Sie wollte noch eine Begründung hören, warum wir auf sie kamen, und dann hat sie sich gefreut, dass sie die fünfte Frau in Serie ist, die – nach Glen Close, Judi Dench, Cate Blanchett und Juliette Binoche – diesen Preis bekommt. Ich bewundere Sharon Stone, seit ich als junger Mann mit erhöhtem Puls «Basic Instinct» im Kino Talgarten in Winterthur sah, was damals einer Mutprobe gleichkam. Sie hat Charisma und ist eine wahre Ikone der siebten Kunst. Und sie zierte bereits das Cover meiner Dissertation «Hollywood in Cannes», sie ist also eine Liebhaberwahl.

«Geholfen hat unter anderem, dass wir bereit waren, eine Retrospektive mit Daniel Craigs früheren Bond-Filmen zu zeigen»

Zu einem der Höhepunkte dürfte die Weltpremiere des neuen James-Bond-Films werden. Wie haben Sie dies geschafft?
Wir haben unser Interesse früh beim Verleiher Universal angemeldet. Dann kam es zu epischen Verhandlungen, bei denen auf beiden Seiten viele Leute involviert waren. Schliesslich bekamen wir den Zuschlag und können nun den Film nur 15 Minuten nach Beginn der Weltpremiere in London unserem Publikum zeigen. Zum einen hat es geholfen, dass wir bereit waren, eine Retrospektive mit Daniel Craigs früheren Bond-Filmen zu zeigen inklusive des neuen Dokumentarfilms «Being James Bond».

Und zum anderen?
Mit dem neuen Kongresshaus hatten wir einen starken Trumpf. Denn das Studio sagte immer, die Premiere könne nur in einer Location stattfinden, die Bond-like sei. Und im Kongresshaus könnte ja 007 auch tatsächlich wie in einem seiner Filme im Smoking auftauchen. Wir freuen uns übrigens sehr, dass mit Pamela Abdy die Studiobossin des legendären Produktionsstudios Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) und mit Michael De Luca auch noch der Präsident nach Zürich kommen. Abdy zeichnen wir mit dem Game-Changer-Award aus – sie hätte den Bond-Film für Hunderte von Millionen an einen Streamer verkaufen können, bringt ihn nun aber doch ins Kino und hilft damit, die Branche zu revitalisieren. 

Ganz persönlich: Worauf freuen Sie sich am meisten?
Ich freue mich ungemein auf die Weltpremiere von «Klammer» von Andreas Schmied. Dabei handelt es sich um einen Feel-Good-Movie über das österreichische Ski-Ass und seine ewige Rivalität mit unserem Bernhard Russi. Der Film gewährt auf unterhaltsame Weise einen Blick hinter die Kulissen des Profigeschäfts. Und sowohl Klammer als auch Russi werden dabei sein. Ich freue mich, ein Foto mit ihnen machen zu dürfen. Denn wegen ihnen bin ich als Kind jeweils samstags von der Schule nach Hause gerannt, um die Abfahrtsrennen im Fernsehen nicht zu verpassen.



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