18.03.2020

Neue Zürcher Zeitung

«Es gibt immer noch zu viel Mittelmässiges»

Schweizer Filme werden immer besser. Noch besser wären sie, wenn das Fördersystem revolutiert würde, sagt NZZ-Filmkritikerin Denise Bucher. Durch die Coronakrise werde einem ausserdem bewusst, wie wichtig Film als kollektives Erlebnis sei. Der neue Newsletter erscheint nun häufiger.
Neue Zürcher Zeitung: «Es gibt immer noch zu viel Mittelmässiges»
«Die Filmberichterstattung wird wegen Sparmassnahmen immer schmaler», so Denise Bucher, verantwortliche Redaktorin des NZZ-Filmnewsletters. (Bild: zVg.)
von Christian Beck

Frau Bucher, welche Serie schauen Sie aktuell?
«The Morning Show», aber im zweiten Anlauf. Die Inszenierung ist so pathetisch und Jennifer Aniston eine so schlechte Schauspielerin, dass ich die Serie nur auf Anraten einer Kollegin nochmals in Angriff nahm. Sie meinte, es lohne sich wegen der multiperspektivischen Sicht auf MeToo. Sie hatte Recht.

Und warum hatte Sie Recht? Was ist gut an «The Morning Show»?
So pathetisch das alles daherkommt, die Serie durchleuchtet trotzdem unsere klischierten Vorstellungen davon, wie und warum jemand zum Opfer oder Täter wird. Sie zeigt auch, wie fatal einerseits Vorverurteilungen und andererseits kollektives Schweigen zu Missbrauch und Sexismus am Arbeitsplatz sein können.

Für welchen Film gingen Sie zuletzt ins Kino?
Ich glaube, es war «The Farewell» von Lulu Wang. Es ist ein grosser Unterschied, ob man einen Film mit Publikum oder in einer Pressevisionierung sieht.

«Da spürt man, was für eine Bedeutung das Kino hat»

Dann lassen Sie sich durch das Publikum beeinflussen?
Nein. Aber es ist interessant mitzuerleben, wie das Publikum auf Filme reagiert. Da spürt man, was für eine Bedeutung das Kino hat. Jetzt, wo wegen Corona nur noch Video on Demand in Frage kommt, wird einem noch viel deutlicher bewusst, wie wichtig Film als kollektives Erlebnis ist.

Kino oder TV – was bevorzugen Sie?
Diese Frage wird immer schwieriger zu beantworten. Natürlich ist das Kino der Ort, wo Filme hingehören. Nur dort kann ich mich ihnen richtig hingeben. Aber weil wegen der immer mächtiger werdenden Streamingdienste manche Filme nur noch online laufen, und weil es immer wieder sehr gute Serien gibt, möchte ich auch Video on Demand nicht missen. Nur das lineare Fernsehen habe ich schon vor Jahren aufgegeben.

Dann interessieren Sie folglich TV-Unterhaltungsformate wie «The Voice of Switzerland» oder «Sing meinen Song» nicht?
Nein.

Gibt es gesellschaftliche Entwicklungen, die sich derzeit in grossen Werken spiegeln?
«Parasite» setzt sich mit Humor mit den Gräben zwischen Arm und Reich auseinander. Werke von afroamerikanischen Regisseurinnen und Regisseuren wie «Queen & Slim», «Just Mercy» oder «When They See Us» erzählen vom Leben in Angst vor rassistisch motivierter Gewalt. Man kann nur hoffen, dass durch die Erzählung solcher Lebensrealitäten Ängste und Vorurteile abgebaut werden.

«Der Dokumentarfilm war und ist stark»

Was sind Ihrer Meinung nach die grossen Schweizer Filme der letzten drei Jahre?
Dazu zähle ich «Chris the Swiss» von Anja Kofmel, «Der Unschuldige» von Simon Jaquemet oder «Platzspitzbaby» von Pierre Monnard. Ich mochte auch «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» von Natacha Beller sehr.

Wie beurteilen Sie den aktuellen Zustand der Schweizer Filmbranche?
Der Dokumentarfilm war und ist stark. Beim Spielfilm: Es bessert. Aber es gibt immer noch zu viel Mittelmässiges, das niemandem weh tut. Das würde sich vermutlich schnell ändern, wenn man endlich das Fördersystem revolutionierte, über das so viele schimpfen. Manchmal habe ich den Eindruck, man schimpfe lieber darüber, statt die Initiative zu ergreifen. 

Und wie steht es um die Schweizer Serien? Sind die heute aus Ihrer Sicht besser oder schlechter als «Fascht e Familie» aus den 1990er-Jahren?
Das ist kein Vergleich. «Wilder» ist für unsere Verhältnisse schon sehr gut. Aber es gibt noch Luft nach oben.

Es gibt seit 26. Februar einen neuen NZZ-Filmnewsletter: Wie bauen Sie den Abonnentenstamm auf?
Der Newsletter wurde mit den früheren Leserinnen und Lesern von Frame gespiesen, die darauf sehr gut angesprochen haben. Jetzt, wo er gestartet ist, kommen jede Woche Hunderte von Leserinnen und Lesern dazu. Da der Bundesrat am Montag wegen Corona die «ausserordentliche Lage» erklärt hat, wird der Newsletter ab dieser Woche zweimal erscheinen. Wir wollen helfen, mit einem filmischen Notvorrat allfällige Langeweile zu vertreiben.

Wie erfolgt die Kooperation mit dem Zurich Film Festival?
Wir verlinken auf Artikel von zff.com, die einen Bezug zur Aktualität haben. Wenn vorhanden, binden wir Videos ein, die am ZFF gemacht wurden, zum Beispiel von Masterclasses oder Interviews mit Gästen.

«Wir wollen so schnell wie möglich einen Podcast aufziehen»

Und was planen Sie im Bereich Audio und Video im NZZ-Filmnewsletter? Beides boomt.
Wir wollen so schnell wie möglich einen Podcast aufziehen. Und in Zusammenarbeit mit der Fachrichtung Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) sind Videoessays im Entstehen begriffen, mit denen wir den Newsletter ergänzen werden.

Die letzte Klappe für das Filmmagazin Frame ist im November 2019 gefallen (persoenlich.com berichtete). Kommt der Name «Frame» weiterhin vor oder wird diese Marke nicht mehr benötigt?
Benötigt werden Produkte wie «Frame» nach wie vor. Die Filmberichterstattung wird wegen Sparmassnahmen immer schmaler, obwohl es immer mehr Filme und Serien gibt und dieses Medium beim Publikum sehr beliebt ist. Zum Glück hat der Film bei der NZZ am Sonntag noch so viel Platz.

Sie als Filmkritikerin: Wo lesen Sie selber gerne gute Rezensionen?
Variety und Hollywood Reporter sind quasi Pflicht. Ausserdem schätze ich zum Beispiel The Guardian sehr. Die haben Kritiker – Kritikerinnen sind leider überall selten –, die nicht nur sehr kundig, sondern auch mal mit Humor rezensieren.



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