Herr Eichenberger*, machen Sie zurzeit noch etwas anderes als Filme schauen?
Wenn ich in allen Kategorien abstimmen würde, dann wäre ich tatsächlich ziemlich beschäftigt mit Filme schauen. Doch ich beschränke mich dieses Jahr auf die zwei Kategorien «Best Live Action Short Film» und «Best Foreign Language Film», weshalb sich mein Aufwand in Grenzen hält.
Wie viel Zeit investieren Sie für die Academy?
Es ist schwierig, den Zeitaufwand exakt abzuschätzen. Aber ich kann die Anzahl geschauter Filme angeben: zehn Kurzfilme für «Best Live Action Short Film» und zehn Langfilme für «Best Foreign Language Film».
Die Nominationsliste steht ja seit mehreren Wochen. Welche Filme fehlen Ihrer Meinung nach in den beiden Kategorien?
Von meinen fünf gewählten Filmen in der Kategorie «Live Action Short Film» schafften es nur deren zwei zu einer Nomination, wobei ich vor allem den Schweizer Beitrag «Facing Mecca» von Jan-Eric Mack vermisst habe. In der Kategorie «Best Foreign Language Film» kamen vier meiner fünf Favoriten durch, doch zu meinem Bedauern wurde der deutsche Film «Aus dem Nichts» von Fatih Akin nicht berücksichtig.
In diesem Jahr hat es kein Schweizer Film in die engere Auswahl geschafft. Die Schweizer Hoffnung «Die göttliche Ordnung» ist ja bereits in der Vorrunde ausgeschieden. Was glauben Sie warum?
Dass «Die göttliche Ordnung» so früh aus dem Rennen schied, hat mich ehrlich gesagt etwas überrascht, da er doch einige in Hollywood beliebte Elemente aufweist. Der Grund liegt aus meiner Sicht vor allem in den starken Konkurrenzfilmen, die dank ihrer Premieren in Cannes oder Berlin bereits bekannter waren.
Nebst Ihnen sind fünf weitere Schweizer Regisseurinnen und Regisseure neu in der Jury (persoenlich.com berichtete). Warum so viele auf einen Schlag?
Dass so viele Schweizer auf einen Streich aufgenommen wurden, ist Zufall – aber natürlich ein sehr schöner. Vereinfacht gesagt kann jemand in die Academy aufgenommen werden, wenn er entweder für einen Oscar nominiert war oder von zwei anderen Academy Members zur Aufnahme empfohlen wird.
Wie lange werden Sie in der Jury bleiben?
Das kann ich nicht selbst bestimmen, sprich das gibt das Reglement vor. Meines Wissens wird die Mitgliedschaft alle zehn Jahre neu überprüft.
In der Jury sitzen weltweit tausende Personen. Wie muss man sich das Bewertungsprozedere der Filme vorstellen?
Jeder bewertet die Filme individuell – da gibt es keine offiziellen Absprachen untereinander. Es ist wie Abstimmen oder Wählen in der Schweiz.
Haben Sie sich mit Ihren Schweizer Kollegen über Ihre Auswahl abgesprochen?
Nein, ich habe meine Entscheidungen alleine getroffen.
Letztes Jahr kam es zum Eklat, weil der falsche Sieger verkündet wurde. Das Couvert wurde vertauscht. Wie konnte das passieren?
Die Oscar-Gewinner sind das wohl bestgehütete Geheiminis der Welt. Bis zur Live-Verkündung am TV kennen nur gerade zwei Mitarbeiter von PWC die Sieger. Damit auch die Druckerei der Gewinnerkärtchen nicht vorher weiss, wer gewonnen hat, werden die Namen aller Oscar-Nominierten gedruckt – und genau so kam letztes Jahr auch der Eklat zustande: einer der beiden PWC-Mitarbeiter hatte den Laudatoren das falsche Couvert in die Hand gedrückt.
Wagen wir einen Blick voraus: Welcher Film wird in der Kategorie «Live Action Short Film» das Rennen machen?
Ich tippe auf den Beitrag aus Deutschland: «Watu Wote (All of us)».
Und wer in der Hauptkategorie «Bester Film»?
«Three Billboards Outside Ebbing, Missouri»...
...oder «The Shape of Water».
Die grosse Award-Gala findet am 4. März statt. Wo werden Sie die Show verfolgen?
Da ich einen eineinhalbjährigen Sohn habe, werde ich zum Zeitpunkt der Show hoffentlich schlafen.
*Stefan Eichenberger ist Mitglied der European Film Academy und der Schweizer Filmakademie sowie der Fachjury der Alfred Köchlin Stiftung. Seit 2014 ist er zusammen mit Ivan Madeo und Urs Frey Mitinhaber und Produzent der in Bern und Zürich ansässigen Produktionsfirma Contrast Film, welche unter anderem Kinofilme wie «Der Kreis» und «Heimatland» produziert hat. Im Jahr 2015 war er als Produzent mit dem Kurzfilm «Parvaneh» für einen Oscar nominiert und wurde anschliessend in die Academy of Motion Pictures Art & Sciences (AMPAS) aufgenommen.
Das Interview wurde schriftlich geführt.

