16.09.2025

Charles Nguela

«Werbung ohne Mut ist wie Käse ohne Loch»

Der Stand-up-Comedian jongliert zwischen zwei Welten: Auf der Bühne darf er provozieren, in der Werbung muss er Rücksicht nehmen. Über den schmalen Grat zwischen Humor und Geschmacklosigkeit diskutiert Charles Nguela am Mittwoch beim Event «Direct!» von Post Advertising. Im Interview erklärt der 35-Jährige, warum ein Lacher kein Freipass für alles ist.
Charles Nguela: «Werbung ohne Mut ist wie Käse ohne Loch»
«Auf der Bühne bin ich Charles – in der Werbung spreche ich auch für eine Marke», so Stand-up-Comedian Charles Nguela. (Bild: zVg)

Charles Nguela, schauen Sie sich gerne Werbespots an?
Gerne ist vielleicht etwas übertrieben. Ich bin nicht der Typ, der freiwillig auf YouTube den «Werbung überspringen»-Button ignoriert. Aber wenn sie gut gemacht ist, why not. Besonders britische Werbung – die hat oft einen feinen, manchmal völlig absurden Humor, den ich mag. Wenn ich lache, vergesse ich sogar, dass mir gerade etwas verkauft wird.

Sie diskutieren am Mittwoch auf einem Podium über den schmalen Grat zwischen Humor, Kunst, Mut und Geschmacklosigkeit. Wo verläuft dieser Grat für Sie konkret, wenn Sie als Comedian in einer Werbekampagne auftreten?
Das ist wie bei Fondue: Zu wenig Würze – langweilig. Zu viel – dir brennt der Gaumen weg. Ich finde: Jede:r Comedian muss selbst entscheiden, wo die persönliche Grenze liegt. Ich arbeite gerne mit Firmen zusammen, die ein Bewusstsein dafür haben, wie ihre Marke auf Gesellschaft und Umwelt wirkt. Gesunder Menschenverstand hilft. Es geht darum, alle möglichst glücklich zu machen, und man sollte niemanden gezielt verletzen oder Hass schüren. Ein Lacher ist kein Freipass für alles.

«Du kannst nicht alle zum Lachen bringen»

In der Comedy gehört es fast dazu, Tabus zu brechen. Wo ziehen Sie in der Werbung persönlich die rote Linie?
Ich sag's mal so: Du kannst nicht alle zum Lachen bringen. Der Unterschied ist: Auf der Bühne bin ich Charles – in der Werbung spreche ich auch für eine Marke. Daher ziehen wir die rote Linie immer zusammen. Ich denke aber, dass meine persönliche rote Linie und die unserer Partner nahe beieinander liegen. Auch wenn ich ein wenig frecher sein kann, wenn ich nur für mich auf der Bühne spreche. Mein Motto: witzig ja – aber nicht auf Kosten von Menschlichkeit.

Wie viel Mitspracherecht haben Sie als Comedian bei der Gestaltung des Humors in Ihren Kampagnen? Kommen die Gags eher von Ihnen oder vom Kreativchef der Agentur?
Das ist eine spannende Dynamik. Es gibt klare Guidelines, also kein «Mach einfach irgendwas Lustiges». Aber am Set habe ich oft die künstlerische Freiheit, die Idee auf meine Art umzusetzen. Am Ende ist es Teamarbeit: Die Agentur weiss, was die Marke will, und ich kenne mich ein bisschen mit Humor aus. Im besten Fall ergibt das etwas, das funktioniert und unterhält.

Gab es Momente, in denen Sie einen Werbe-Gag abgelehnt haben, weil er Ihnen zu weit ging?
Ja klar, aber meistens nicht, weil er zu frech war, sondern weil er einfach wirklich seltsam war. Oder so unlogisch, dass man ihn mit dreifacher Ironie hätte erklären müssen. Und wenn man erklären muss, warum etwas lustig ist, ist es meistens nicht mehr lustig.

Welche Rolle spielt für Sie Mut in der Werbung?
Who dares, wins! Mut ist alles. Werbung ohne Mut ist wie Käse ohne Loch: geht schon, aber niemand spricht drüber. Mut heisst nicht nur, laut zu sein. Manchmal heisst Mut auch, ruhig zu sein, sich nicht aufzudrängen, oder sogar: Mut, nein zu sagen. Mut ist, wenn du den dritten Entwurf verwirfst, weil er billig wirkt, obwohl er laut schreit. Mut ist, etwas Subtiles zu machen in einer Welt, die dich anschreit. Mut heisst auch, in einem Interview eine viel zu lange Antwort zu geben … und darauf zu vertrauen, dass sie trotzdem gedruckt wird.

Wenn Sie an Ihre Engagements für Swissmilk, Wingo oder Amag denken: Gab es Reaktionen, die Sie überrascht haben und die den schmalen Grat zwischen Mut und Geschmacklosigkeit besonders deutlich gemacht haben?
Ich kann mit Sicherheit sagen: Ich war noch nie in einem Meeting, in dem jemand gesagt hat: «So, jetzt machen wir was richtig Geschmackloses!» Unsere Absicht war immer: informativ, ehrlich, humorvoll. Und wenn mal etwas falsch verstanden wurde, was vorkommen kann, dann klärt man das, entschuldigt sich und macht's beim nächsten Mal besser. Man kann's nie allen recht machen. Aber man kann mit Haltung reagieren, wenn man merkt: Da haben wir danebengelegen.

«Wenn ich in der Werbepause lache, bleibe ich dran»

Was glauben Sie: Kann Werbung ohne Humor heute überhaupt noch Aufmerksamkeit erreichen?
Klar, aber dann muss sie entweder schockieren, nerven oder mit einem Promi kommen, der so teuer war, dass kein Budget mehr fürs Skript übrig war. Humor ist ein Türöffner. Wenn ich in der Werbepause lache, bleibe ich dran.

Gibt es keine Überdosis an Gags?
Sagen wir's so: Man kann zu viel Salz ins Essen tun, aber ohne ist's halt fad. Wir leben im Algorithmus-Zeitalter. Alles wird übertrieben serviert. Aber Gags an sich? Schaden niemandem. Im Gegenteil: Wer lacht, lebt länger.

Zum Schluss dürfen Sie noch einen Werbespot in eigener Sache machen. Wie würde dieser aussehen?
Mein Traumspot? Ein Mix aus Ryan Reynolds' Aviation-Gin-Werbung – ironisch, hochwertig produziert, mit subtilen Gags – und dem Gefühl: «Warte … war das gerade echt oder Werbung?»



Charles Nguela
ist ein Schweizer Stand-up-Comedian, Gewinner der beiden Swiss Comedy Awards 2014 und 2022 – bester Comedy Act und Publikumsliebling. Er tourt aktuell mit seinem Programm «Timing» und ist auch aus Werbekampagnen für Swissmilk, Wingo und Amag bekannt.


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