22.09.2022

ZFF

«Wir sehen uns als Anwälte des Kinos»

Das Zurich Film Festival wird mit «The Swimmers» eröffnet. Artistic Director Christian Jungen sagt, weshalb Festivals keinen Bogen um Streamer wie Netflix machen sollten, wie das ZFF auf Trends im Filmjournalismus reagiert und was ihn bei der «Winnetou»-Debatte überrascht hat.
ZFF: «Wir sehen uns als Anwälte des Kinos»
«Im Kulturteil vieler Zeitungen hat es immer weniger Platz für den Film», sagt Christian Jungen, Artistic Director des Zurich Film Festival. (Bild: Keystone/Walter Bieri)
von Tim Frei

Herr Jungen, am 11. August waren Sie in einer Pizzeria, als Sie einen wegweisenden Telefonanruf für das Zurich Film Festival (ZFF)* 2022 erhielten. Was sind Ihre Erinnerungen daran?
Ich erhielt die Zusage, dass Eddie Redmayne für den Film «The Good Nurse» ans ZFF kommt. In diesem superb inszenierten Thriller im Stil der 70er-Jahre spielt er einen Krankenpfleger, der zum Massenmörder wird und 400 Patienten vergiftet. Wir mussten hart für diesen Film kämpfen – als die Zusage kam, wusste ich: «Das gibt eine tolle Ausgabe.» Danach folgten viele weitere Zusagen. Insgesamt muss man aber sagen, dass wir diese relativ spät erhalten haben.

Weshalb?
Bei vielen Filmen gab es in der Post-Production Verzögerungen aufgrund von Covid-19. Die Rückkehr von Redmayne, der bereits 2007 am ZFF war, ist eine schöne Geschichte: Damals war er ein Nobody, mittlerweile ist er ein Weltstar und Oscar-Preisträger. Das Interesse an ihm ist riesig – «The Good Nurse» ist jener Film, für den wir mit Abstand am meisten Tickets verkauft haben. Bereits als wir das Communiqué zum Golden Eye Award, den Redmayne erhalten wird, veröffentlicht haben, wollten viele von uns wissen, wie sie an Tickets kommen würden.

Sir Ben Kingsley, Liam Neeson, Charlotte Gainsbourg und viele mehr (persoenlich.com berichtete): Wie schafft es das ZFF, Jahr für Jahr Stars nach Zürich zu holen?
Man braucht ein gefülltes Adressbuch, muss die richtigen Leute kennen. Wenn man mit den grossen Hollywood-Studios und Firmen wie Netflix und Amazon zusammenarbeitet, dann muss man als Festival liefern und darf es nicht vermasseln. Die Film-Crews kommen jeweils vorbei, um den Saal, die Technik und vieles mehr zu begutachten. Ein grosser Vorteil ist, dass Zürich in Sachen Service international über einen sehr guten Standard verfügt: unkomplizierte Anreise mit Direktanbindung an Städte wie LA oder New York, hervorragende Gästebetreuung, einzigartige Hotels wie das Dolder Grand oder das Baur au Lac – oder, dass Stars hier ohne Bodyguard joggen gehen können. Der wichtigste Grund ist aber, dass die Filme davon profitieren, wenn sie am ZFF gezeigt werden.

«Die Filmschaffenden wissen, dass Zürich über ein generöses Publikum verfügt»

Konkret?
Das ZFF ist eine wichtige Etappe auf dem Weg zu den Oscars. Von den letzten zehn Filmen, die den Oscar als bester Film gewonnen haben, wurden sechs in Zürich gezeigt. Zum Beispiel im Jahr 2018 der Eröffnungsfilm «Green Book» als Europapremiere. Die Filmschaffenden wissen, dass Zürich über ein generöses Publikum verfügt – anders als in Cannes, wo man nie weiss, ob man am Schluss ausgepfiffen wird. Weiter wissen sie, dass Zürich eine super Kinostadt ist; auf 100'000 Einwohner hochgerechnet haben wir mehr Kinoleinwände als Paris oder New York. Am Sechseläutenplatz, wo wir unseren Home Turf haben, zeigt sich das symbolisch.

Wie meinen Sie das?
Hier stehen das Opernhaus sowie die Kinos «Le Paris» (das Flaggschiff im Arthouse-Bereich) und «Corso» (das Pendant im Mainstream-Bereich). Dass diese Kinos am Sechseläutenplatz auf Augenhöhe mit der Oper stehen, ist ein grosser Unterschied zu Deutschland, wo der Film oftmals am Kindertisch innerhalb der Künste sitzt. Dass der Film in der Schweiz einen grossen Stellenwert hat, zeigt sich auch daran, dass das ZFF jeweils vom Bundespräsidenten eröffnet wird, dieses Jahr von Ignazio Cassis.

Eröffnet wird das ZFF mit dem Film «The Swimmers» (persoenlich.com berichtete). Ist es nicht ein eigenartiges Zeichen, dies ausgerechnet mit einer Netflix-Produktion zu tun?
Ich finde es ein super Signal, ist Netflix doch der neue Himmel für die Autorenfilmer, weil sie beim Streamingdienst weit mehr Freiheiten als bei den Hollywood-Studios haben. Zentral ist für uns, dass wir die Netflix-Filme auf einer Grossleinwand im Kino zeigen können. Jene Festivals, welche die Streamer links liegenlassen, manövrieren sich ins Offside. Wir sehen uns als Anwälte des Kinos und Fakt ist nun mal, dass Netflix, Amazon und Apple heute an Wichtigkeit gewonnen haben, weil sie viel mehr Filme produzieren als Studios und diese Filme für Filmfestivals auch noch besonders interessant sind. Wie es herauskommt, wenn man auf die Streamer verzichtet, sieht man in Cannes.

Wie denn?
Der Cannes-Direktor kann allerdings gar nichts dafür, schreibt das Gesetz in Frankreich doch vor, dass ein Film, der in Cannes läuft, erst nach einer gewissen Anzahl Monate im Streamingdienst verfügbar sein darf. Das schadet Cannes enorm, da nun viele Netflix-Filme auf das Festival in Venedig ausgewichen sind. Der Aufstieg von Venedig hängt deshalb nicht zuletzt mit diesem Mechanismus zusammen.

«Ich glaube, das Kino wird überleben, weil der Mensch ein ‹social Animal› ist»

Aber das Kino wird zweifellos stark von Netflix konkurrenziert.
Das stimmt. Netflix ist der «best Frenemy» des Kinos – Friend und Enemy zugleich. Enemy, weil Filme in der gleichen Zeit gestreamt werden, wenn die Leute ins Kino gehen sollten. Aber es ist ein Fakt, dass die Streamer wichtige Player der Filmbranche sind. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn das ZFF nicht mit einem Netflix-Film eröffnen würde. Andererseits gibt es auch Studien, die belegen, dass der Film bei Personen, die viel streamen, generell einen hohen Stellenwert hat und sie viel ins Kino gehen. Darunter auch Arthouse-Kinogänger. Man kann uns nicht vorwerfen, wir würden gegen das Kino arbeiten, denn wir sorgen dafür, dass die Kinosäle wieder einmal voll sind. Unser Ziel ist es, dass die Leute wieder auf den Geschmack des Kinos kommen.

Was stimmt Sie optimistisch, dass das Kinofieber in der Post-Coronazeit wieder ansteigt?
Die Lebenserfahrung. In meiner 25-jährigen Tätigkeit als Filmkritiker habe ich mehrmals vom baldigen Tod des Kinos gehört: anfangs der 90er-Jahre aufgrund der VHS-Kassette, später der DVD, jetzt Streaming. Jeder, der die Werke des Philosophen Marshall McLuhan gelesen hat, weiss: Ein Medium ersetzt nicht das andere. Als Beispiel: Das Aufkommen des Fernsehens war nicht das Ende des Radios, beide Medien bestehen seither ergänzend zueinander.

Die Kinos müssen bei diesem vielfältigen Medienangebot aber um die Aufmerksamkeit des Publikums kämpfen.
Absolut, aber die einzige Konstante im Leben ist der Wandel. Ich glaube, das Kino wird überleben, weil der Mensch ein «social Animal» ist. Er will immer etwas mit seinen Mitmenschen erleben, früher sass man ums Lagerfeuer und hat sich eine Geschichte erzählt, heute geht man ins Kino. Wenn gute Filme gezeigt werden, kommt das Publikum in Scharen – dies haben die Kassenschlager «James Bond: No Time to Die» und «Top Gun: Maverick» eindrücklich gezeigt.

«Filmschaffende haben Angst, dass sie mit ihrem Film zum nächsten Winnetou werden»

Das ZFF zeigt den Film «Der junge Häuptling Winnetou», um den zuletzt eine Debatte um kulturelle Aneignung entbrannt war. Sie haben von Filmschaffenden viele positive Feedbacks dafür erhalten, dass Sie sich dem öffentlichen Druck nicht beugen. Hat Sie das erstaunt?
Das hat mich total überrascht. Dass es Leute gibt, die wie ich von dieser angeblichen «kulturellen Aneignung» genug haben, war mir schon bewusst. Dass ich aber auch von vielen Filmschaffenden, die politisch eher links stehen, Zuspruch für unseren Entscheid erhalten habe, hat mich erstaunt. Erst in einem zweiten Schritt habe ich verstanden, weshalb sie so denken.

Und zwar?
Die Filmschaffenden haben Angst, dass sie mit ihrem Film zum nächsten «Winnetou» werden. Sie schreiben ein Drehbuch, investieren viel Kreativität, Herzblut und Zeit in ein Projekt – und plötzlich startet eine Debatte um den Film, weil irgendein Detail einer Person oder einer Gruppe nicht passt. Weil wir heute in einem Klima der Angst leben, kann es schnell mal vorkommen, dass ein Filmfestival, eine Kinokette oder ein Verleiher sich dann zurückzieht. Das schränkt langsam die Kunstfreiheit ein, was die Künstler merken. Dagegen setzen wir uns ein: Das ZFF ist ein Ort der Meinungs- und Kunstfreiheit sowie der Debatte – indem wir den «Winnetou»-Film zeigen, wollen wir der Cancel Culture die Stirn bieten.

An der Programm-Medienkonferenz haben Sie moniert, dass es der Filmjournalismus immer schwerer habe. Wie haben Sie das gemeint?
Im Kulturteil vieler Zeitungen hat es immer weniger Platz für den Film. Die Textsorte Rezension ist weniger gewünscht als früher, weil sie zu wenig Klicks bringt. Die meisten Medien wollen nur noch Debatten machen. Wir wären froh, es würde auch Kritiken über Filme geben, zum Beispiel über diejenigen, die das Goldene Auge am ZFF gewinnen. Wir als Festival müssen uns überlegen, wie wir mit diesen Entwicklungen umgehen.

Und zwar?
Wenn klassische Medien immer weniger auf Filmkritik setzen, müssen wir unser Engagement erhöhen – aus diesem Grund haben wir unsere Social-Media-Tätigkeiten ausgeweitet, der Stellenetat im PR-Bereich wurde damit im Vergleich zum Vorjahr vergrössert. Zudem vergeben wir in Zusammenarbeit mit Pathé Schweiz und Pathé Films den «Prix Pathé», ein mit 10'000 Franken dotierter Preis, der gute Filmkritik auszeichnet. Dieses Jahr ging die Auszeichnung an den Westschweizer Emilien Gür für seine Besprechung des Films «Wet Sands». Uns schaden diese Trends bei den Medien weniger direkt, es trifft vielmehr die Filmschaffenden, die auf mediale Resonanz angewiesen sind. Immerhin nimmt die Filmkritik bei Medien in anderen Ländern wie Frankreich oder den USA weiterhin eine grosse Rolle ein. Bei Schweizer Leitmedien frage ich mich allerdings, ob es sinnvoll ist, dieses Genre herunterzufahren, gibt es doch auch hierzulande ein Publikum dafür.

«Natürlich würde mich freuen, wenn die NZZ mehr über das ZFF berichten würde»

Müsste nicht auch die NZZ, die am ZFF beteiligt ist, mehr für die Kinos machen – zum Beispiel das Kinoprogramm für die Stadt Zürich wieder abdrucken?
Klar, wenn es nach mir gehen würde, könnte dies wieder publiziert werden. Wenn ich noch Kulturchef der NZZ wäre, würde ich die Filmseite sofort wieder einführen. Aber dies zeigt letztlich, dass die Gewaltentrennung zwischen dem ZFF und der NZZ funktioniert. Immerhin haben sie mit Andreas Scheiner einen Filmkritiker eingestellt, der viel schreibt und engagiert ist. Aber natürlich würde mich auch freuen, wenn die NZZ mehr über das ZFF berichten würde.

Sie müssen natürlich neutral sein, aber auf welchen Film freuen Sie sich besonders?
Ein Film, der mich begeistert hat, ist «The Son» von Florian Zeller, der Genfer Wurzeln hat. Er war bereits vor zwei Jahren am ZFF mit dem Film «The Father», mit dem er und Anthony Hopkins einen Oscar gewonnen haben. «The Son» handelt von einer Familiengeschichte eines Jugendlichen mit geschiedenen Eltern. Zuerst lebt er bei seiner Mutter – gespielt von Laura Dern – später zieht er zu seinem Vater, der von Hugh Jackman brillant verkörpert wird. Er hat eine junge Freundin, die von Vanessa Kirby gespielt wird. Es ist ein sehr emotionaler Film über einen Jugendlichen mit psychischen Problemen. Der Film zeigt, wie wichtig die Familie ist. Nachdem ich «The Son» zum ersten Mal gesehen habe, habe ich gedacht: Das ist ein Film, nach dem man seine Liebsten anrufen und sie fragen möchte, wie es ihnen geht. Ebenso gross ist meine Vorfreude auf «Dreamin’ Wild».

Weshalb?
Dieser handelt von zwei Landeiern, die Ende der 70er-Jahre ein Album aufgenommen haben. Niemand hat davon Kenntnis genommen, bis ein Record Producer aus New York Jahrzehnte später die Scheibe gefunden und sie veröffentlicht hat. Das Album ging durch die Decke, sodass die zwei Musiker zu Stars wurden. Das Schöne an «Dreamin’ Wild» ist: Der Film wurde von Karl Spoerri produziert, dem ZFF-Co-Gründer und meinem Vorgänger. Ich freue mich sehr, dass er, der das ZFF zusammen mit Nadja Schildknecht gross gemacht hat, ein Heimspiel erhält.



*Das ZFF findet vom 22. September bis 2. Oktober 2022 statt.



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