02.02.2026

Jean Etienne Aebi

Abschied von einem Werbemonument

Er war ein Monument der Schweizer Werbegeschichte – mit ikonischen Kampagnen für Toni Joghurt, mit Charisma und einer Grandezza, die der Branche Glamour verlieh. Am Dienstag ist Jean Etienne Aebi im Alter von 80 Jahren gestorben. Ein Nachruf auf einen Mann, der die Kreativszene über Jahrzehnte prägte.
Jean Etienne Aebi: Abschied von einem Werbemonument
Jean Etienne Aebi: Der Werber war auch Musiker. (Bild: zVg)

Jean Etienne Aebi war einer der ganz Grossen der Schweizer Werbegeschichte. Was auch an seiner markanten Erscheinung, seiner sonoren Stimme und seinem Charisma lag. Ein Monument. Er verkörperte das, was wirklich gute Werbung auszeichnet und vor allem in den grossen Achtzigern und Neunzigern auszeichnete: immer ein bisschen farbiger, ein bisschen schriller und vor allem ein bisschen grösser als die meist graue Realität. Aebi – Sohn eines Predigers – lebte dies vor: Er hatte, so zumindest die Saga, eine der schönsten Villen an der höchsten Lage des Zürichbergs. Seinen – wohl auch finanziell bedingten – Auszug feierte er mit einer bombastischen Abschiedsparty, von der die Teilnehmenden heute noch erzählen. Und diejenigen, die nicht dabei waren, auch. So war es damals. Es wäre schön, wenn es wieder einmal so wäre.

Aebi war der Benchmark. Wie Trainerstar Carlo Ancelotti schaffte er es im Verlauf seines Lebens immer wieder, Kreative wie beispielsweise Markus Gut, Markus Ruf, Frank Bodin, Remy Fabrikant, Danielle Lanz, Philipp Skrabal, Reini Weber, René Sennhauser, Luigi Del Medico, Tom Zürcher, seinen Bruder Geri und viele andere um sich zu sammeln und zu Höchstleistungen zu bringen. Dass sein Agenturkonstrukt ASGS/BBDO im legendären Gebäude an der Zürcher Rotbuchstrasse das Mittelmass hiesiger Werbewirklichkeit sogar im grossspurigen Zürich übertraf, sei geschenkt. Dass dessen «Ende» hingegen ungeahnte Energien freisetzte, ist fast schon dialektisch: Mitpartner Martin Suter wandte sich von der Werbung ab und wurde einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Autoren, Aebi hingegen erlebte als Kreativchef der Publicis unter der Ägide seines kongenialen Partners und CEO Fredy Collioud ein grossartiges Comeback. Zusammen machten sie die Agentur am Stadelhofen zur schweizweit grössten.

Doch neben vielen Kampagnen für Migros, ZVV und UBS war es schlussendlich immer wieder die legendäre Toni-Joghurt-Kampagne aus den Achtzigern, die Aebis Ruf als Werbestar auch ausserhalb der Branche begründete. Sein Gesellenstück. Aebi und sein Team von Aebi und Partner schafften es mit ihren Anzeigen, dass man Toni Joghurt vor allem wegen seinem Glasbehälter und weniger wegen seinem Inhalt ass. Das ist das Höchste, was Werbung erreichen kann. Ich schnitt als Jugendlicher – und da werde ich nicht der Einzige gewesen sein – die Toni-Inserate aus dem Tagi-Magazin aus und sammelte sie. Ich war beseelt, als ich den «Schöpfer» dieser ikonischen Kampagne in einem Radiotalk mit Roger Schawinski erstmals live hörte. Es war noch zu Pizzo-Groppera-Zeiten. Am Ende der Sendung glaubte ich, eine radiophone Begegnung mit Picasso und Warhol in Personalunion gehabt zu haben. Das prägte auch bei den späteren Begegnungen mit Jean Etienne.

«persönlich» und Aebi hatten immer eine enge Verbindung. Aebi nannte uns immer die «Rapperswiler», selbst, als wir nach Zürich gezogen waren. So interviewte ihn mein Vorgänger Oliver Prange zusammen mit seinem jüngeren Bruder Geri, als dieser vor einem Vierteljahrhundert aus Wien nach Zürich zurückkam, um die finanziell angeschlagene Werbeagentur Wirz zu retten. Oder auch bei Aebis nicht ganz harmonischem Publicis-Abgang, wo er sich – rückblickend gesehen – ein höchst vergnügliches, zumindest aber spannendes mediales «Duell» mit seinem langjährigen Gesprächspartner Collioud lieferte, das in der Branche mit Argusaugen verfolgt wurde und unserer Publikation grosse Aufmerksamkeit einbrachte.

Der ADC, der in diesen Tagen seinen 50. Geburtstag feiert, beauftragte Aebi vor bald zwanzig Jahren mit einer Expertise zur Zukunft des Kreativclubs. Diese kam – wohl wenig überraschend – zum Schluss, dass Aebi an der Spitze der Richtige wäre. Was nicht ganz falsch war: Er gab der Branche damit das zurück, was sie eben auch auszeichnet: Grandezza mit einem Sprutz Glamour. Einmal lud mich Aebi überraschend in die «Kronenhalle» ein (wo denn sonst?). Er mache dies, meinte er dann in seiner charmanten, spitzbübischen und überzeugenden Art, weil ich ihn immer wieder vergeblich um ein Interview gebeten hätte. Seine Absagen hätten ihn selber geschmerzt. Jetzt aber, stilgerecht am richtigen Platz, könnten wir mit dem Interview sogleich loslegen. Das mit den Anfragen stimmte nicht ganz, das Interview, das ich dann spontan in der «Kronenhalle» – selbstredend in der Brasserie unter dem richtigen Picasso – führte, wurde aber grossartig.

Ehrlich gesagt: Die Podcastserie «50 Jahre ADC» habe ich auch wegen einem letzten Gespräch mit Jean Etienne lanciert. Weil ich seinen Gesundheitszustand ahnte, wäre es wohl sein endgültiges geworden. Dazu ist es nicht mehr gekommen, die E-Mail, die ich genau vor einer Woche absandte, blieb unbeantwortet.


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KOMMENTARE

Geri Aebi
05.02.2026 19:53 Uhr
Lieber Max, darf ich dich da ganz sanft korrigieren: Willi Bühler war zwar der Erfinder zahlreicher grossartiger Toni Joghurt-Sujets (ich sage nur: April, April!), aber JEA hat die legendäre «Das im Glas»-Kampagne bereits zu seiner Zeit als Creastive Consultat für die damalige Agentur Schellenberg erfunden. 1982 gründete er dann mit dem Startkunden Toni die Agentur Aebi&Partner, zu der Willi nach 2-3 Jahren von Wirz wechselte. Herzlich: Geri. PS Matthias habe ich zu seiner wunderschönen Hommage an meinen verstorbenen Bruder natürlich schon direkt gedankt.
Max Weber
04.02.2026 14:45 Uhr
Gut geschrieben, lieber Matthias. Ja, Etienne war ohne Zweifel die Nr. 1 unter den Werbern der damaligen Zeit. Nur einen möchte ich doch noch erwähnen im Zusammenhang mit der Toni-Kampagne. Der Erfinder und Treiber dahinter, Willy Bühler.
Vico knebel:
03.02.2026 10:37 Uhr
Jea:n Pierre Aebi war der Leader unserer Hobby-Bluesband. So ein geistreicher und lieber Mensch. Ich vergesse Dich nie. Eti..
Hans Peter Riegel
02.02.2026 13:09 Uhr
Lieber Matthias. Die Nachricht, die du mir ja am Samstag im Kronehallen Pop-up übermittelt hast, hat mich sehr berührt. Jean Étienne war während drei Jahren mein VRP und Partner bei BBDO. Ich habe ihm viel zu verdanken. Nicht zuletzt den Freiraum den er mir gab, mich als 28jähriges Management Greenhorn und BBDO-Partner unternehmerisch entwickeln zu können. Rest in peace alter Freund.
Remy Fabrikant
02.02.2026 11:24 Uhr
Danke Matthias, vielleicht darf ich noch ergänzen: Jean Étienne Aebi habe ich nicht nur als Kollegen, sondern auch als prägenden Denker erlebt. Während unserer gemeinsamen Zeit lernte ich seine Unterscheidung der vier Grundformen der Werbung kennen – ein Gedanke, der meine eigene Arbeit nachhaltig veränderte. Besonders die von ihm beschriebene Werbung der vierten Art blieb mir in Erinnerung. In einer Welt zunehmend austauschbarer Produkte verstand er Werbung nicht länger als blosse Vermittlerin von Nutzen oder Suggestion, sondern als eigenständiges Ereignis. Unterhaltung, Emotion und Attraktivität wurden für ihn zu entscheidenden Faktoren der Markenwahl; die Werbung selbst wurde zum eigentlichen Produkt. Dieser Perspektivwechsel war für mich ein Schlüsselmoment. Er schärfte meinen Blick für Wahrnehmung, Bilder und Geschichten jenseits messbarer Leistung und prägte meine Haltung zur kreativen Arbeit bis heute. Jean Étienne Aebi verstand Werbung als Exploration neuer Territorien, anspruchsvoll, sorgfältig gedacht und niemals beliebig. Heute relevanter denn je. Für diesen Impuls, der weit über die gemeinsame Zeit hinauswirkt, bin ich ihm dankbar. Sein Denken bleibt Teil meiner Arbeit.
Piero Schäfer
02.02.2026 10:23 Uhr
Danke Matthias! Als ich werbetechnisch gesehen als Greenhorn die Redaktion der WerbeWoche übernahm, war Jean Etienne mein erster Gast im „Storchen getroffen“ . Als ich meine Anstellung kündigte und sich die Redaktion auflöste, machte JE eine gefakte Sondernummer mit dem dem Titel „Alle WerbeWoche Dissidenten zurück im Mutterschoss“. Dazu lud er die Redaktion zum Abschiedsdiner ein. JE war in der Tat ein aussergewöhnlicher Mann. Mit ihm stirbt auch ein Stück meiner Vergangenheit. Machs gut Jean Etienne!
Moreno Cavaliere
02.02.2026 08:48 Uhr
Grossartig Matthias. Wer hat sie nicht, die Sternstunde mit Jean-Etienne? Ich erinnere mich an den ersten ganz grossen Publimedia-Erfolg. Aebi/Strebel als Eisbrecher. Der Lunch zur Feier im Tübli mit Diana Strebel, Jean-Etienne Aebi und Otto Meier bleibt unvergessen.
Jean-Pierre E. Reinle
01.02.2026 15:10 Uhr
Hervorragend verfasst, lieber Matthias. Ein grosser Verlust! Und eine Reminiszenz auch für mich, welcher damals (noch vor dem Abgang von Martin Suter) die Tochter-Firma ASGS BBDO DIRECT neben GL Guido Wietlisbach textlich ausfüllte. "Wenn die Sonne des Lebens untergeht, leuchten die Sterne der Erinnerung" (Quelle unbekannt). "Dein" Buch-Rezensionist, jean-pierre
Andreas Jäggi
31.01.2026 16:28 Uhr
Wunderbar geschrieben, lieber Matthias. Einer wie Aebi hätte auch einen Nachruf-Sequel verdient. Was, gibt's nicht? Dann erfindet das persönlich vielleicht ;-)