Mein Ziel in Cannes ist jedes Jahr dasselbe: Ich will möglichst viel nach Hause nehmen. Also ich meine nicht Löwen – obwohl man davon ja auch nie genug kriegen kann. Nein: Cannes steht in meiner Agenda für maximale Inspiration, intensiven Austausch, spannende Einblicke und vielfältige Anstösse.

Nur: 7 Tage und 7 Nächte reichen kaum aus, um 35'000 eingereichte Arbeiten anzusehen. Oder 150 Stunden Live-Content in Form von Seminaren, Workshops, Techtalks und Masterclasses aufzunehmen. Ganz zu schweigen von all den Bars und Parties. Schliesslich kennt man mit den Jahren doch den einen oder anderen der 12'000 Festival-Besucher.
Der Stress wurde eher grösser, seit alles mit jedem vernetzt ist. Mit "Cannes Connect" kann ich jeden Besucher per Web oder Mobile ansprechen. Verpasste Seminare lassen sich online anschauen. Und alle sozialen Vorgänge an der Croisette werden auf Twitter und Facebook verarbeitet. Da wirkt die allmorgendliche Festivalzeitschrift schon fast beruhigend.
Jeder Tag beginnt mit den gleichen Fragen: Was muss ich sehen? Wo habe ich Vorteile des Live-Konsums? Welchen Content streame ich? Was nehme ich aus einer "Highlight"-Zusammenfassung? Und was lasse ich ganz bleiben? Wie fasse ich was für mich zusammen? (Plus dieses Jahr zusätzlich: Wo schaue ich Fussball?)
Cannes verkörpert für mich auf sehr konzentrierte Weise die (Medien-)Welt, in der wir leben. Eine Welt des kommunikativen Überangebots. Und des Zwangs, stets auszuwählen. Der Overkill der Einflüsse und Eindrücke wird jedes Jahr ein wenig grösser. Und damit mein Stress, das Richtige mit (nach Hause) zu nehmen.
Genau das macht aber Cannes so relevant. Ich werde mich der Herausforderung auch nächstes Jahr wieder stellen.
Roman Hirsbrunner ist Geschäftsführer von Jung von Matt/Limmat.


