24.07.2023

Hinter den Kulissen

Die ganze Schweiz kennt seine Stimme

Markus Stadelmann ist seit acht Jahren die Werbestimme von Coop. Zudem singt der 41-Jährige den Bass beim populären Männerchor Heimweh und war seit Jahren Radiomoderator. Von ihm kennt man vor allem seine sonore Stimme. Doch was für ein Mensch steckt dahinter?
Hinter den Kulissen: Die ganze Schweiz kennt seine Stimme
Der professionelle Sprecher Markus Stadelmann in seiner Sprecherkabine zu Hause. (Bild: zVg)
von Christian Beck

«Coop. Für mich und dich.» Diesen Satz, am Ende eines jeden Coop-Werbespots, kennen vermutlich alle. Wöchentlich preist der Detailhändler aus Basel neue Aktionen an. In der Deutschschweiz stammt die Stimme vom professionellen Sprecher Markus Stadelmann – bereits seit 2015.


Wie häufig haben Sie den Satz «Für mich und dich.» schon gesagt?
(Lacht.) Offizielle Antwort: Keine Ahnung. Inoffizielle Antwort: Vermutlich etwa ein Dutzend Mal. Das Intro und das Outro werden der Effizienz halber einmal aufgezeichnet und immer wieder verwendet. Die professionelle Herausforderung ist es dann, mich über Monate hinweg bei jeder Aufnahme der neuen Angebote stimmlich diesem Intro und Outro anzupassen.

Die Angebote sind ja wöchentlich neu. Das heisst, Sie gehen jede Woche ins Tonstudio?
Nein, wir zeichnen einmal pro Monat auf. Der Vorteil dabei ist, dass ich schon lange zuvor weiss, wann was in Aktion sein wird (lacht).

Dann kaufen Sie tatsächlich auch bei Coop ein – oder sind Sie eigentlich ein Migros-Kind?
Da ich in Glarus aufwuchs, wo die Migros immer stärker präsent war, bin ich von Haus auf eigentlich ein Migros-Kind. Aber: An meinem aktuellen Wohnort wurde ich zum Coop-Kind. Dabei kommt es immer wieder zu lustigen Situationen, wenn ich mich an der Kasse mit Mitarbeitenden unterhalte. Durch die Instore-Kampagne, die sie täglich unzählige Male hören, werden sie durch meine Stimme getriggert. Sie schauen mich dann an, als ob sie mich kennen müssten, können aber das Gesicht nicht einordnen.


Professionelle Sprecher arbeiten im Hintergrund. Bei Werbekampagnen taucht ihr Name meist nicht mal in den Credits auf. Markus Stadelmann, der am Freitag seinen 41. Geburtstag feierte, reist für die Coop-Werbespots mittlerweile nicht mehr ins Basler Tonstudio von Cover Media. Er hat zu Hause ein voll ausgerüstetes Studio mit Sprecherkabine, Mikrofon, Kopfhörer, Text auf dem Bildschirm und direkter Verbindung nach Basel. «Ich bin de facto wie hinter der Studioscheibe, aber einfach bei mir zu Hause.»

Dass er im persönlichen Gespräch im breitesten Glarner Dialekt spricht, hört man der Coop-Werbung nicht an. Verwendet wird etwas Ähnliches wie der sogenannte Bahnhofbuffet-Olten-Dialekt – mit Färbungen in die eine oder andere Richtung. «Das Ziel ist, dass man den Glarner nicht raushört», so Stadelmann, der mittlerweile im Kanton Schwyz wohnt. So werde beispielsweise eine Grillkampagne «rauer und rustikaler» vertont, eine Weihnachtskampagne dafür etwas «wärmer».


Nach all den Jahren sind Markus Stadelmann und das Team von Cover Media eingespielt. «Mittlerweile sind wir sehr schnell und effizient geworden. Man kennt das Wording und manche Produkte, die immer wieder kommen.» Wenn Stadelmann bei sich im Studio die Aktionen einspricht, hören die Leute von Coop und der Werbeagentur mit. Die Vorgabe ist, dass jedes Angebot genau fünf Sekunden lang eingesprochen wird. Derselbe Werbespot wird gleichzeitig auch von anderen Sprechern in Französisch und Italienisch vertont.


Was ist der Reiz, die Stimme von Coop zu sein?
Ich finde es ganz grundsätzlich extrem spannend, mit der Stimme zu arbeiten. Die Stimme ist ein stark unterschätztes Organ oder Instrument. Und wenn ich dies mit meinem «Lehrerhut» betrachte, staune ich, dass in der Ausbildung nicht vermehrt Stimmbildung gemacht wird. Lehrpersonen arbeiten den ganzen Tag intensiv mit ihrer Stimme, man hat viel Macht mit diesem Instrument.

Ist es für andere Werbekunden kein Problem, dass Sie die Stimme von Coop sind – oder spielen Sie bei Coop einfach eine andere Geige?
Ich versuche, bei jedem Kunden eine andere Geige zu spielen. Jedes Produkt hat meiner Meinung nach Anrecht auf einen individuellen Stimmcharakter. Mein Job ist es dann, mich im Studio bezüglich Stimmfärbung, Sonorität, Dialekt und Sprechtempo dem jeweiligen Projekt und den Wünschen des Kunden anzupassen.


Eine echte Geige spielt Stadelmann sonst nicht. Dafür beherrscht er nebst seiner Stimme auch Gitarre, Bass, Schlagzeug, Klavier und Saxofon. Stadelmann hatte den Stimmbruch bereits in der sechsten Primarklasse. Am Langzeit-Gymnasium entdeckte der Musiklehrer seine Stimme. Stadelmann wurde durch ihn ausgebildet, im Gegenzug «musste» er im Kammerchor des Musiklehrers als Bass mitsingen.

Stadelmann hat mittlerweile selbst das Primarlehrer-Diplom und arbeitet seit über 20 Jahren als Musiklehrer, Theaterpädagoge und Fachlehrer an diversen Schulen. Das Gespräch mit persoenlich.com fand an einem Mittwochmittag an der Primarschule Herrliberg statt – auf viel zu tiefen Holzstühlen. Seine anschliessende Ausbildung in Theaterpädagogik an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) sei, so Stadelmann, «eine Basis gewesen, um die eigene Stimme zu entdecken».

Markus Stadelmann stand schon früh auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Seine erste Rolle war als Fünfjähriger im Kindergarten. Im Stück «Schneeweisschen und Rosenrot» spielte er einen Baum. 2001, im Alter von 18 Jahren, trat er bei «Art on Ice» im Hallenstadion Zürich als Backgroundsänger auf. Immer wieder moderiert er Events oder Festivals – beispielsweise diesen August das H2U Openair in Uster. Seit 2016 tourt Stadelmann als Gründungsmitglied und Bass-Stimme mit dem populären Männerchor Heimweh durch die Lande und räumt reihenweise Preise ab. Im Herbst wird er das Debütalbum seines Soloprojekts «Linther» aufnehmen.


Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Ihrer Rolle als Werbestimme und Ihrer Rolle als Sänger?
Im Endeffekt natürlich schon. Man muss bei beidem eine Emotion auf den Punkt bringen. Dafür steht einem einzig der akustische, stimmliche Kanal zur Verfügung.


Diese Emotionen bringt Stadelmann nicht nur für Coop auf den Punkt. Seine Stimme leiht er beispielsweise auch den TV-Spots von Zweifel Chips oder Knorr.


Seit
Markus Stadelmann diesen Frühling nach fast neun Jahren seinen Moderationsjob bei Radio Zürisee an den Nagel hing, darf er nun auch wieder Radiowerbung sprechen. Es habe Momente gegeben, in denen seine Stimme in Coop-Radiospots schweizweit zu hören war. Für den Spot, der auf Radio Zürisee lief, musste allerdings extra ein Sprecher-Double eingesetzt werden.


Viele Menschen finden ihre eigene Stimme ja schrecklich, wenn sie eine Aufnahme von sich anhören müssen. Woher kommt das?
Man ist schlicht nicht gewohnt, seine eigene Stimme zu hören. Dass man seine eigene Stimme als komisch empfindet, hat einen physischen Grund: Wenn man spricht, vibriert der Kopf mit. Dies hört man nicht gegen aussen, aber das Trommelfeld registriert das. Das bedeutet, dass man gegen innen eine tiefere, basslastigere Stimme hat als auf einer Aufnahme.

Welchen Tipp würden Sie ungeübten Sprecherinnen und Sprechern geben?
Man soll sich selbst so oft wie möglich aufzeichnen und abhören, um sich an die «echte Aussenstimme» zu gewöhnen und sich damit anzufreunden. Jeder Mensch hört dich nämlich exakt so – nur du dich selbst nicht (lacht).



In der Serie «Hinter den Kulissen» stellt persoenlich.com Personen aus den Bereichen Medien, Werbung und Marketing ins Rampenlicht, deren Arbeit für die Öffentlichkeit ansonsten wenig sichtbar ist.

Bereits erschienen ist:
Sofiya Miroshnyk, «Club»-Produzentin



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