18.03.2019

Creative Week 2019

«Es braucht Hartnäckigkeit und ein Ziel»

David Bowie, Reed Hastings, Quentin Tarantino oder Vivienne Westwood: Sie alle beantworten in einem Dok-Film die Frage «Why are you creative?». Regisseur Hermann Vaske war am Montagabend in Zürich. Ein Gespräch über das, was möglich wird, wenn die Angst fehlt.
Creative Week 2019: «Es braucht Hartnäckigkeit und ein Ziel»
Regisseur Hermann Vaske vor seinem Auftritt an der «Creative Week» am Montagabend in Zürich. (Bild: persoenlich.com)
von Edith Hollenstein

Herr Vaske, was genau ist kreativ an Ihrem Film «Why Are We Creative?»?
(lacht). In 82 Minuten fasst der Film eine Reise von 30 Jahren zusammen – also die Narration, der «Narrative Arc» sozusagen, ist das kreative Momentum an diesem Film.

Der Film ist doch viel eher simpel: Sie reihen ganz einfach nur Statements aneinander.
Das wäre zu simpel. «Why are we creative» ist eine Story, die auf verschiedenen Schichten stattfindet: Voice over meine persönliche Sicht, dann Animationselemente, die ich mit Valerie Pierson aus dem Team von Michel Gondry realisiert habe, und es werden auf der Reise die verschiedenen Kategorien der kreativen Stimuli erklärt: Kindheit, Sexualität, Angst, Spiritualität und so weiter. Alles in allem: eine kreative Druckbetankung, die dem Venedig-Filmfestival eine Einladung wert war.

«Kreativität keinesfalls das Privileg einiger weniger»

Dann wäre auch Kochen kreativ, oder Fische füttern.
In der Tat ist die egalitäre Kreativität ein Gebiet, mit dem ich mich befasse. Letztlich haben wir Menschen alle unsere individuellen Probleme und wollen diese lösen – folglich haben wir alle Ideen. Und wenn sich die Kreativität beim Improvisieren in der Küche zeigt beim Erfinden einer Sauce, oder beim Ingenieur, wenn er Häuser auf neue Weise baut oder beim Fussballspieler, der eine clevere Bewegung ausführt, um einen Gegenspieler auszutricksen: All das ist kreativ. Damit ist Kreativität keinesfalls das Privileg einiger weniger.

Doch im Beruf kreativ zu sein, scheint doch eher etwas für die Privilegierten. Also für solche, die es sich leisten können, nicht primär für Geld arbeiten zu müssen, sondern zur Sinnerfüllung?
Nein, ich würde die Kreativen nicht zu hoch auf ein Podest stellen, denn auch ein Regisseur ist ein Handwerker, ein Maler braucht auch ein Handwerkszeug. Aber als Kreativer befasst man sich natürlich dann 24/7 mit Kreativität.

Was ist die Schlussfolgerung Ihres Films?
Die Konklusion kann ich genau wie im Film wiedergeben: «Es gibt so viele Antworten wie Kreative auf dem Planeten, aber etwas, haben sie gemeinsam. Sie sagen sich: Ich bin, wer ich bin und ich habe keine Angst, anders zu sein». Das ist letztlich die Essenz. Ich könnte hier höchstens noch hinzufügen: «Und ich frage nicht um Erlaubnis».

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Wie beeinflusst die Digitalisierung die Kreativität in der Gesellschaft?
Ab 2006 gab es auch Online immer mehr kreative Ideen – besonders in der Werbung. «The Subservient Chicken» war eigentlich der erste Viralfilm, aus historischer Perspektive betrachtet. Damals hatten die Werbeagenturen noch keine Ahnung von digitaler Kreativität, was unter anderem später zum Niedergang führte respektive die momentanen Verfassung der kreativen Werbung erklärt. Dazu kommt, dass ein Mehr an Posts und Bildern nicht zu einem Mehr an Kreativität beitragen, sondern entstanden ist einfach nur ein grosses Mehr an Zeugs.

«Ich will nicht auf dem Basketball-Feld sterben»

Wim Wenders, Reed Hastings, Björk, Quentin Tarantino, David Bowie oder Vivienne Westwood und so weiter: Für welche Interview-Anfrage mussten Sie selber besonders kreativ sein für eine Zusage?
Es braucht Hartnäckigkeit und ein Ziel. Reed Hasting war einfach, denn ich kenne jemanden, der für Netflix arbeitet. Ai Weiwei war schwieriger, denn er war am Reisen. Manchmal war der offizielle Weg nicht der beste, sondern es brauchte zwei oder drei Anläufe und unterschiedliche Leute, die mich persönlich bei meinem gewünschten Interviewpartner empfohlen hatten. Ich war also auf Hilfe von anderen angewiesen und ich habe die Creative Community diesbezüglich als sehr grosszügig erfahren.

Ist sie angeboren oder kann man die kreative Denkweise erlernen?
Hierbei ist die Umwelt sehr wichtig: die Mentoren, die Leute, die man trifft im Leben. Ich hatte das Glück, sehr gute zu treffen wie etwa Paul Arden, Dennis Hopper oder Marina Abramović. So kann ich natürlich auf sehr viele Ratschläge und Erlebnisse zurückgreifen, wenn ich Inspiration für ein kompliziertes Problem brauche. Wichtig ist es, dass jemand bereit ist, eine Extra-Meile zu gehen und sich nicht dauernd fragt, was andere davon denken.

Wenn Sie nun über Ihre eigene Kreativität reden, passt diese Abschlussfrage an Sie perfekt: «Why are YOU creative»?
Ich bin besessen davon. Meine Neugierde treibt mich an – da kann ich nichts dagegen tun. Ich will mitten drin, sozusagen auf dem Basketball-Feld sterben.






Hermann Vaske arbeitet als Regisseur, Autor und Produzent. Er ist Mitglied im German Art Directors Club, Professor an der Fachhochschule Trier und Mitglied der European Film Academy (EFA).

 

Im Jahr 2018 feierte sein neuer Film «Why Are We Creative? Das Tausendfüssler-Dilemma» seine Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Venedig im Rahmen der Venedig-Tage.

 



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