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Tamedia: Endlich eine Demo in eigener Sache!

Als ich vor zweieinhalb Wochen mit rund 400 Gleichgesinnten vor dem Tamedia-Hauptsitz in Zürich stand, waren da plötzlich dieser empörte Widerstand und diese ansteckende Energie. Primär bei der betroffenen und fast vollständig versammelten Belegschaft. Aber auch zahlreiche Kolleginnen aus anderen Medienhäusern protestierten lautstark gegen das immer schnellere Ausbluten des Schweizer Journalismus. Die siebte Entlassungswelle innert sechs Jahren beim grössten Verlag des Landes brachte ein Fass zum Überlaufen, das sonst nach unten offen ist. Auf die Strasse gehen Journalistinnen nämlich erst, wenn es für sie persönlich oder für ihren Berufsstand wirklich existenziell wird.

In autoritären Staaten sind die Gründe dafür in der Regel politischer Natur (von Zensur über Repressionen bis zu physischer Gewalt), in Demokratien wie der Schweiz hingegen ökonomischer (von Profitmargen über Renditeerwartungen bis zu Verlegerjachten). Wie Watson kürzlich zeigte, arbeiteten im Jahr 2024 schweizweit 10'233 Personen in journalistischen Berufen. Das sind fast 2000 weniger als noch 2010, als das Geschäftsmodell der Medien auch schon stark unter Druck stand. Inzwischen dürften es unter 10'000 sein. Diese Dezimierung der vierten Gewalt ist alarmierend. Besonders in einem Land, dessen Bevölkerung alle paar Monate an die Urne geht und dafür auf verlässliche Informationen und moderierte Diskussionen angewiesen ist.

Deshalb dürfen wir die Kolleg*innen von Tamedia, SRF, NZZ, Ringier oder CH Media nicht allein lassen, wenn sie sich am 21. November in Bern erstmals gemeinsam (und endlich!) öffentlich gegen das immer absurdere Spardiktat ihrer Teppichetagen wehren (persoenlich.com berichtete). In der Pflicht sind hier zuerst jene, die mit ihren Aktivitäten eine ähnliche politische Wächterfunktion wahrnehmen wie der Journalismus. Konkret: Nichtregierungsorganisationen (NGO) und alle übrigen zivilgesellschaftlichen Kräfte, die ihre Informations- und Aufklärungsarbeit meist in Ergänzung, manchmal aber auch in Konkurrenz zu den etablierten Medien leisten.

Und um gleich noch mit einem in der Branche verbreiteten Missverständnis aufzuräumen: Selbst eine investigative NGO wie Public Eye, die über eigene Publikationskanäle verfügt, profitiert weit weniger von der Medienkrise, als sie darunter leidet. Denn wie alle politischen Akteure wollen und brauchen auch wir die kompetente und kritische Begleitung durch Tamedia, NZZ, SRF & Co. Deren ungebremster Verlust an Ressourcen, Reichweite und Relevanz trifft die gesamte Schweizer Zivilgesellschaft. Und damit auch die Bevölkerung, die nicht minder auf eine lebendige und vielstimmige Öffentlichkeit als Grundlage unserer direkten Demokratie angewiesen ist.

Also, hiermit solidarisiere ich mich offiziell mit all den engagierten Journalistinnen und ihren Gewerkschaften, die in den anstehenden Arbeitskämpfen an Bedeutung gewinnen. Und ich hoffe, dass sich in etwas über zwei Wochen eine grosse, bunte Menschenmenge auf dem Bundesplatz versammelt. In diesen zynischen Zeiten, in denen die Chefs den Redaktionen mit spitzem Rotstift in den Rücken fallen, brauchen die Kolleginnen dringend eine breite Sympathiebekundung, die ihnen Mut macht.


Oliver Classen ist seit über zehn Jahren Mediensprecher der NGO Public Eye. Davor arbeitete er als Medienredaktor für die Werbewoche und war Journalist bei Handelszeitung und Tages-Anzeiger.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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