05.02.2002

Ruf Lanz

Geri Weibel für NZZ Folio ans ADC-Fest geschickt

Martin Suter nimmt die Branche auf die Schippe.

Martin Suter, einst Werber und heute erfolgreicher Schriftsteller (sein neuster Roman "Ein perfekter Freund" ist soeben erschienen), schrieb noch einmal exklusiv für die Werbezunft. In einer Anzeige des NZZ Folio in der ADC-Festzeitung "Der Beachter" lässt er seine Kultfigur Geri Weibel am ADC-Fest auftauchen. Und nimmt die Branche mit feiner Ironie auf die Schippe. Das Insiderwissen von Suter erstaunt nicht: Er war bis 1993 Präsident des Art Directors Club. Die Idee zur einmaligen Anzeige stammt von der Werbeagentur Ruf Lanz.

Der Anzeigentext für Leser: 'Motto Geri'

Susi Schläfli nimmt Geri im Steel diskret beiseite und fragt, ob er sie ans ADC-Fest begleiten würde. Es reiche, wenn sie sich kurz blicken liessen. Sie habe zwei Karten von einem alten Onkel geschenkt bekommen, er sei dort in leitender Stellung im Festkomitee tätig. Als Geri zögert, sagt sie: «Von der Hair-&-Style-Gala zum ADC-Fest ist es wirklich nur ein kleiner Schritt.» Kein sehr gutes Argument. Dass damals seine Teilnahme an der Hair-&-Style-Gala durch ein paar Schnappschüsse auf der People-Seite von «Frisur heute» publik wurde, ist ja gerade der Grund für sein Zögern. Die Werbebranche verfügt bestimmt über ähnliche Fachzeitschriften wie die Coiffeurbranche. Wenn er jetzt als Gast am ADC-Fest aufflöge, würde er in seinen Bemühungen um Akzeptanz in der Clique um Jahre zurückgeworfen. Andrerseits ist Susi Schläflis Position auch nicht so gefestigt, dass sie sich einen öffentlichen Auftritt in diesen Kreisen erlauben könnte. Niemand im Steel würde das unbeschadet überstehen. Geri könnte sich - zum ersten Mal im Leben - auf Susi Schläflis Diskretion verlassen.

Er sagt also zu und beginnt sich in der gleichen Sekunde uncool auf den Anlass zu freuen. Vielleicht spielt ein Live-Orchester. Vielleicht sieht man Ex-Missen. Vielleicht gibt es einen Showblock. Vielleicht eine Tombola mit tollen Preisen. Aber in die Vorfreude mischt sich auch sogleich die Sorge um die Garderobe. Steht etwas auf der Einladung? Herrscht Smokingzwang? Black Tie? Mit Susi Schläfli kann er die Garderobesorgen nicht besprechen. Sie würde glauben, der Anlass bedeute ihm mehr als nur einen kleinen Freundschaftsdienst. Aber aus der Werbebranche verkehrt niemand im SOFORT! oder im Steel. Werber rangieren in der Gesellschaftshierarchie seiner Szene noch hinter den Bankern. Schliesslich ist es der Lehrling der Werbeabteilung (der, mit dem er damals die nie veröffentlichte Umzugsanzeige erarbeitet hatte), der ihm weiterhilft. «Die haben manchmal Mottos», sagt er, als Geri in der Cafeteria das Thema anschneidet. «Der Chef musste einmal als Mafioso gehen. Leiter von Werbeabteilungen werden von Werbeagenturen mit ADC-Festeintritten bestochen.» «Als Mafioso!», stösst Geri aus. Er sieht sich schon in Nadelstreifen, schwarzem Hemd, weisser Krawatte und Borsalino. Der Lehrling beruhigt ihn. «So phantasielos, gleich zweimal dasselbe Motto zu wählen, sind selbst die nicht.»

In der Nacht hat Geri einen Albtraum: Er ist am ADC-Fest, trägt eine runde Brille, eine blitzförmige Narbe auf der Stirn, einen Besen in der Hand und eine Eule auf der Schulter. Er hat geglaubt, das Motto laute Harry Potter. Es lautet aber Harry Belafonte. Die Gäste tragen karibische Hemden und tanzen im Kreis Calypso um ihn herum. Schweissgebadet erwacht er und nimmt sich vor, trotz allem Susi Schläfli zu konsultieren. Er arrangiert eine zufällige Begegnung mit ihr vor dem Steel und bemerkt beiläufig: «Die haben Mottos.» «Wer?», fragt Susi. «Der Art Directors Club. Mafia, Harry Belafonte und so weiter.» Sie schwört, dass der Anlass nicht unter einem Motto stattfinde und auch kein Smokingzwang herrsche. «Man zieht sich an, wie man sich wohl fühlt.» Geri Weibel fühlt sich am wohlsten, wenn er angezogen ist wie die andern. Deshalb war ihm die Vorstellung, es gebe ein Motto oder es herrsche Smokingzwang, überhaupt nicht unangenehm gewesen.


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