23.06.2015

Werber-Krimi

"Jeder will in gutem Licht erscheinen"

Raphael Zehnders Roman "Müller und der Mann mit Schnauz" spielt in der Zürcher Agentur-Welt.

Herr Zehnder, der Werber Jörg-Olaf Bischoff liegt tot in seinem Büro - mit dem Gesicht voran in einem Gugelhopf. Was ist passiert?
Er wurde erstochen, wenige Minuten vor einem Motivationshappening für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und weil es sich um eine grosse Kommunikationsagentur mit viel Personal handelt, werden die Ermittlungen für Müller Benedikt und seine Leute aufwändig und kompliziert. Und vielleicht war’s ja doch ein Aussenstehender?

In Ihrem neuesten Buch „Müller und der Mann mit Schnauz“ tauchen Sie in die Zürcher Werbebranche ein. Was interessiert Sie als Journalist an der Branche?
In allen Bürowelten gibt es Eitelkeiten und Rivalitäten, menschliche Stärken und Schwächen und mehr oder weniger sinnvolle Projekte. Ich hatte die Idee der 'Explorative Rhizomatic Method', die ich für diese Geschichte erfunden habe und genial finde. Diese Methode soll es den Werbern ermöglichen, potentielle Kunden abzuholen, bevor diese sich ihrer Wünsche überhaupt bewusst sind. Klingt absurd, ist es auch, aber nicht gar weit von der Realität entfernt.

"König, Herzog, Papst und Bischoff“ heisst die Agentur, in der der ermordete Werber arbeitete. Wieso der Name?
Alles Adel und Würdenträger. Die vier Kompagnons King, Sharky, Pope und Olli tragen ihre Leadership schon in ihren Familiennamen. Kein leichtes Los.

Was haben Sie bei der Entstehung des Buches über die Werbebranche gelernt?
Vorneweg: Die Geschichte ist ja frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig. Aber was die Werbebranche interessant macht: Jeder will in gutem Licht erscheinen, die Ideen schiessen ins Kraut und in einer Agentur kommen viele unterschiedliche Menschen zusammen. Geeignetes Personal für einen Krimi also.

Wegen Ihres Schreibstils werden Sie oft in einem Atemzug mit dem österreichischen Autor Wolf Haas erwähnt. Was halten Sie von solchen Vergleichen?
Wenig, weil zu simpel. Sicher besteht eine gewisse Verwandtschaft: Ich gehe mit der Sprache ebenfalls recht frei um, mag die 'unfertige, fehlerhafte' mündliche Sprache, habe einen Blick fürs Absurde, liebe Humor und hinkende Bilder. Aber es gibt doch etliche Autoren mehr, auf die das zutrifft.

Sie sind Redaktor bei SRF, haben Familie und nun bereits ihr viertes Werk veröffentlicht. Wie bringen Sie alles unter einen Hut?
Nichts geht ohne das andere, um ausgeglichen zu sein. Ich lebe im Dreiklang: Familie, Arbeit fürs Radio, 'Müller' und bin nur so halbwegs und meistens glücklich.

Wann und wo schreiben Sie Ihre Bücher?
Notizen entstehen überall: im Tram, im Zug, im Home Office, wenn ich meinen Jungs beim Handballtraining zuschaue. Ausarbeiten tue ich das zuhause am Computer, zwei Abende pro Woche.

Sie leben in Basel – Ihre Bücher handeln jedoch alle in Zürich. Weshalb?
Der Müller würde sagen: 'Zürich ist in mein Herz fest eintätowiert.' Ich habe 26 Jahre in der Stadt Zürich gelebt, den Stadtplan im Kopf, den Stadtzürcher Geist im Gefühl und ich spreche diesen Dialekt. Die Verbindung zu Zürich bleibt, nicht zuletzt durch die 'Zürcher Kriminalnacht' im Theater Rigiblick, die ich mit Daniel Rohr jeweils im Frühling veranstalte. 100 Kilometer sind keine Distanz.

Ein Blick in die Zukunft: Wird Müller noch einen fünften Fall aufdecken?
Ja. Ich arbeite daran. Aber ich sage erst ein Wort: Altstetten. Eine ganz andere Ecke als das Seefeld.


Zur Person

Raphael Zehnder ist Radiojournalist und arbeitet bei "SRF 2 Kultur". Mit "Müller und der Mann mit Schnauz" ist sein vierter Roman der Krimiserie um den Polizisten Benedikt Müller. Der 52-Jährige lebt mit seiner Familie in Basel. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Lesen, Rugby, Stadtwanderungen, Fussball und Philosophie.

Interview: Michèle Widmer
Bild: Annette Walz



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