13.07.2014

Amir Kassaei

"Magie entsteht an der Kreuzung zwischen Humanität, Kreativität und Technologie"

Er ist bekannt für grosse Töne. Aber er kann sie sich leisten: Der 46-jährige Amir Kassaei ist einer der meistausgezeichneten Werber der Welt. Dieses Jahr stand der internationale Kreativchef des DDB-Netzwerks der Filmjury der Cannes Lions vor. Um über die WM und die deutsche Mannschaft zu twittern, reichte die Zeit aber trotzdem noch.
Amir Kassaei: "Magie entsteht an der Kreuzung zwischen Humanität, Kreativität und Technologie"

Herr Kassaei, ganz einfach gefragt:
 Wie war Cannes? Wie erleben Sie jeweils diesen Branchen-Overkill?

Cannes war spannend, inspirierend und sehr, sehr anstrengend. Weil ich dieses Jahr Präsident der Filmjury war und sehr, sehr wenig vom Rest mitbekommen habe. Es war am Ende aber ein grossartiges Jahr sowohl in der Filmjury als auch, was das Abschneiden des DDB-Netzwerks anbelangt.

Welches war für Sie die bereicherndste Begegnung an der Côte d’Azur?

Die Diskussionen und Kommentare meiner Filmjuroren, die immer wieder bewiesen haben, dass man jenseits aller politischen Spielchen mit Respekt die besten Ideen der Welt auszeichnen und würdigen kann.

Wie lautet Ihr Gesamturteil? War 2013 ein guter Jahrgang?

Es war ein sehr guter Jahrgang. Wir haben jede Menge grossartige Ideen gesehen, die beweisen, dass wir – wenn wir uns auf die eigentliche Aufgabe unserer Branche, nämlich das Lösen von Marketingproblemen, konzentrieren und Technologie als Instrument ansehen und nicht als Ersatz für Ideen – noch eine sehr erfolgreiche Zukunft vor uns haben.

DDB hat in Cannes ausserordentlich gut abgeschnitten. Adam & Eve DDB ist zur besten Agentur der Welt gewählt worden, DDB EMEA zum Regional Network of the Year. Dennoch die Frage: Wo orten Sie derzeit die Schwachstellen im DDB-Netzwerk?

Von Schwäche kann man bei unserem Network nicht sprechen. Aber Sie kennen mich ja: Ich bin nie ganz zufrieden. Ich glaube, wir können in Nordamerika und Asien noch besser abschneiden, was unser Potenzial und Talent anbelangt, und daran werden wir arbeiten.

Wie weit ist Ihr Programm Lemon 2020 fortgeschritten?

Weit. Als ich vor vier Jahren angefangen habe, war mein Ziel, alle bei DDB daran zu erinnern, dass wir die mit Abstand kreativste und profilierteste Agenturmarke der Welt sind und dass wir als Begründer der kreativen Revolution eine besondere Verantwortung haben. Wir wollten auch jedes DDB-Office für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts wappnen. Da sind wir schon sehr, sehr weit gekommen, aber noch nicht am Ziel.

Was macht Adam & Eve DDB zur besten Agentur der Welt?


Das Verständnis und der Glaube, dass Kreativität nicht bedeutet, mit funkigen Werbeideen um die Ecke zu kommen, sondern mit innovativen Lösungen für die wahren Probleme der Auftraggeber. Und dass Magie nur dann entsteht, wenn man an der Kreuzung zwischen Humanität, Kreativität und Technologie agiert.

Im Moment scheint Sie vor allem die Weltmeisterschaft in Brasilien zu beschäftigen, wie man auf Twitter mitverfolgen kann. Sie schrieben, Löw müsse mehr Risiken eingehen. Welcher Art?
Na ja, diejenigen, die mich ein wenig kennen, wissen, dass ich ein glühender Anhänger der deutschen Nationalmannschaft bin. Bei den letzten beiden Weltmeisterschaften habe ich die nicht nur nach Meinung von Fachleuten besten WM-Blogs geschrieben. Und ich habe immer wieder gemahnt, dass die deutsche Nationalmannschaft aufgrund ihrer Qualität das Spiel dominieren und eher offensiv ausgerichtet spielen muss. Vor allem muss sie aber mit der richtigen Einstellung in die entscheidenden Spiele gehen. Wenn Löw das beherzigt, kann Deutschland Weltmeister werden. Und das sage ich als österreichischer Iraner ...

In Cannes habe ich die Spiele auf TF 1 verfolgt. In der Halbzeit zeigen die Franzosen keine Expertenrunde, sondern nur Werbung, Werbung, Werbung – und zwar extrem schlechte. Irgendwelche World-Cup-Spots, die Ihnen gefallen haben?
Ja, DDB Chicago hat ein grossartiges Stück Branded Content für McDonald’s entwickelt als Teil einer integrierten Kampagne mit einer mobilen App und der dazugehörigen Retail-Experience und dem Verpackungsdesign. Das ist mutig und anders.


Amir Kassaei, 46, orchestriert von New York aus den kreativen Output des DDB-Netzwerks. Zuvor durchlief der im Iran geborene, in Österreich aufgewachsene und in Frankreich ausgebildete Vollblutwerber so ziemlich alle Stationen, welche die Branche zu bieten hat. Polarisiert hat er schon immer: Als Texter bei Springer & Jacoby nahm er einst einen Privatkredit, um seine abgeschossene Mercedes-Kampagne doch noch zu realisieren,
 und wartete schliesslich so lange vor dem Büro des Marketingchefs, bis er vorgelassen wurde. Die Kampagne wurde schliesslich bewilligt. Neben dem Posten als Chief Creative Officer von DDB amtet Kassaei auch als Präsident des ADC Europe. In seinem letzten grossen Interview mit "persönlich" unterbreitete er 2010 seine "Strategie des angstfreien Klimas" und plädierte dafür, mehr Wahnsinn zuzulassen.

Interview: Adrian Schräder // Bild: DDB

Dieses Interview erschien erstmals in der aktuellen "persönlich"-Printausgabe. 


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