12.05.2012

"Swisscom, hört zu, ich finde das schlecht!“

"Swiss Made" lautete das Motto am diesjährigen "Tag der Werbung", der am vergangenen Freitag in Bern stattfand. persoenlich.com war vor Ort und fühlte den Branchenpuls: Was hält man von typischen Schweizer Unternehmen, welche auf Kreativität aus dem Ausland setzen und auf "Swiss Made" verzichten? Ist Heimat Pflicht? Ein Stimmungsbarometer:
"Swisscom, hört zu, ich finde das schlecht!“

Filippo Lombardi, Präsident SW Schweizer Werbung

Ich finde es schade, wenn Schweizer Unternehmen, ihre Budgets ins Ausland geben. Wir leben natürlich in einer freien Marktwirtschaft, wir können das nicht verhindern, auch gesetzlich kann man das nicht verhindern. Es gibt auch Schweizer Agenturen, die im Ausland – zum Glück – Aufträge erhalten. Eine Besonderheit stellt in diesem Zusammenhang aber eine Firma dar, die mehrheitlich dem Bund gehört und insbesondere ihre Marge und Umsätze dank der Schweiz macht, dank der Besonderheiten des Schweizer Marktes, in dem sie eine historische, quasi monopolhafte Stellung hatte und teilweise noch heute von dieser Stellung profitiert. Da würde ich mir schon die Frage stellen, ob es wirklich angebracht ist, solche Aufträge ins Ausland zu gehen.

Rolf Hiltl

Rolf Hiltl

Ich habe kein Problem damit, wenn Schweizer Unternehmen Aufträge ins Ausland vergeben. Die Frage ist, wieso sie das machen. Wenn sie es machen, um Kosten zu sparen, finde ich es doch eher merkwürdig. Wenn sie es machen, weil die ausländische Agentur einfach besser ist als eine Schweizer Agentur, finde ich das kein Problem. Wir sind in einer freien Welt.

Michael Kamm, Agence Trio, Lausanne

Klar, jetzt reden wir natürlich von "Heimat". Ich verstehe es nicht wirklich, dass ein Unternehmen wie die Swisscom mit einer deutschen Agentur zusammenarbeitet. In der Schweiz gibt es sehr gute Ideen und Agenturen, die den Schweizer Markt gut kennen. Ich als Romand kann mir nicht vorstellen, dass eine deutsche Agentur mit Werbung in der Westschweiz ankommt, wenn schon Deutschschweizer Agenturen Probleme in unserem Landesteil haben. Kurz, ich bin total dagegen, ich finde das nicht fair gegenüber dem Schweizer Markt. Swisscom, hört zu, ich finde das schlecht!

Peter Felser, Präsident bsw

Peter Felser, Präsident bsw

Das gibt es immer wieder, dass Schweizer Unternehmen Aufträge ins Ausland vergeben. Es ist sicher keine schöne Geschichte und macht markentechnisch auch eher wenig Sinn. Als Skandal kann man es jedoch nicht bezeichnen.

Hervé Devanthéry, synthese stratégie et communication d’entreprise sa, Lausanne

Ich bezahle jeden Monat meine Swisscom-Rechnung. Da will ich nicht sehen, dass mein Geld nach Deutschland fliesst. Das kann man einfach nicht machen. Es ist eine Schande, wirklich eine Schande. Wenn ein Unternehmen, das mehrheitlich der Schweiz gehört, Aufträge ins Ausland gibt, ist das falsch und unfair. Wir haben alle notwendigen Fähigkeiten im Lande, um eine hervorragende Kampagne zu machen. Es ist ja schon schwierig, dies den Schweizer Werbern zu erklären, aber wie will man das vor dem Schweizer Volk rechtfertigen?

Frank Bodin, Euro RSCG

Frank Bodin, Euro RSCG

Freie Marktwirtschaft kann falsch verstanden werden. Natürlich ist ein Unternehmen frei, eine Agentur von wo auch immer zu wählen. Dasjenige Unternehmen, das sie wohl ansprechen, ist aber doch stark protektioniert und steht als ehemaliger Staatsbetrieb stärker in der Öffentlichkeit. In diesem Zusammenhang stehe ich zu einem gesunden Protektionismus. Ein ähnlicher Fall in Frankreich oder allen anderen Nachbarländern hätte eine Staatsaffäre ausgelöst und hätte die Absetzung des gesamten Vorstandes zur Folge. Es hat mit Anstand zu tun, zuerst vor der eigenen Haustüre nach Möglichkeiten zu suchen. Klar, wenn man hier die Services nicht finden würde, gibt es das Ausland. Wir leben in einer globalen Welt, es gilt der internationale Markt.

Urs Schneider, Werber des Jahres 2012, Media Schneider

Solche Aufträge finde ich ok, wenn ausländische Agenturen besser als die Schweizer Konkurrenten sind.

Alexander Tschäppet, Stadtpräsident Bern

Alexander Tschäppet, Stadtpräsident Bern

Ich halte nicht viel davon. Ich denke mir, die Kreativität und das grafische Knowhow von Schweizer Werbe- und Marketingagenturen sind in diesem Land so gross, dass es fast keinen Grund gibt, Aufträge ins Ausland zu vergeben, abgesehen vom Preis. Klar, es gibt Dinge, die muss man ins Ausland vergeben, aber wenn man von Schweizer Rohstoffen sprechen kann, dann von diesen beiden: Hirn und Wasser. Alles andere kann man von mir aus ans Ausland delegieren, aber diese zwei Dinge nicht.

Nadine Borter, Werberin des Jahres 2011, Contexta, Bern.

Schlussendlich ist es einfach schade, dass eine solch typische Schweizer Marke ihre Kreation in Deutschland einkauft. Aber so spielt der Wettbewerb. Es gibt sehr gute Agenturen in der Schweiz und vielleicht kommt das Budget ja auch wieder einmal zurück.

Umfrage: Corinne Bauer und Benedict Neff.


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen