11.09.2016

«Industry Talk»

Vom Klinken putzen und Glauben an die eigene Story

Vier Experten diskutieren, wie man den Produktionsstandort Schweiz verändern soll, damit lokale Animation eine Zukunft hat. Werber sollen Jungtalente beobachten und regelmässig Pitches durchführen, während Animatoren verstehen müssen, was Kunden wirklich brauchen.
«Industry Talk»: Vom Klinken putzen und Glauben an die eigene Story
Glauben an Schweizer Talente: (v.l.) Tobias Fueter, Oliver Brunschwiler, Jürg Brauchli und Sascha Weisshaupt, Moderator Timo Wäschle. (Bild: Claudia Maag)

Die letzte Session des ersten «Industry Days» am Fantoche steht bevor. Nach der populären Präsentation des Specialguests Simon Otto (Dreamworks, «How To Train Your Dragon») leert sich der zuvor proppenvolle Druckereisaal im Keller der Druckerei Baden langsam. Dennoch sind die schwarzen Stühle im Saal und oben auf der Galerie zu rund zwei Dritteln mit gespannten Teilnehmern besetzt, als das nächste Gespräch beginnt. Und es lohnt sich, sitzen zu bleiben.

Am Freitag fand in der Druckerei Baden der zweite «Industry Talk» des 14. Internationalen Animationsfilm-Festivals statt (persoenlich.com berichtete). Was braucht der Kreativ- und Produktionsstandort Schweiz, damit mehr Animation lokal umgesetzt werden kann? Darüber diskutierten die Gäste Tobias Fueter (Owner und Director von Stories), Oliver Brunschwiler (Head of Brand Freitag) und von der Swisscom: Jürg Brauchli (Creative Director Kommunikation) und Sascha Weisshaupt (Head of Brand). Timo Wäschle (Gründer von Corpmedia) moderierte das Gespräch.

Man muss sich auch mal «reinbeissen»

Einige Zeit ging es eher um die Grundproblematik im Lande, beispielsweise der Schweizer Mentalität: «Etwas, das in Deutschland funktioniert, funktioniert hier nicht», sagte Jürg Brauchli von Swisscom. Er sprach die Realitäten an: «Die Zeit der grossen Pitches ist vorbei.» Die Swisscom macht viel mehr inhouse. Das heisse nicht, dass sie alles selber machen würden. «Wir können mehr kleinere Aufträge viel direkter an diese Animatoren vergeben.»

«Wir müssen uns der limitierten Reichweite in der Schweiz bewusst sein», ergänzt Oliver Brunschwiler (Freitag). Dennoch, wie er selbst zweimal an diesem Abend sagt, sieht er die Situation positiver als die anderen Talkgäste. 

Kritik am Schweizer Work Attitude wurde geäussert. Fueter, der mit seiner Firma Stories kürzlich einen Pitch für Triumph gewann und den Spot als Animationsfilm umsetzte, wollte ursprünglich den Auftrag im Inland vergeben. Doch das gestaltete sich nicht so einfach, wie er dachte. Es habe geheissen: «Sorry, über Weihnachten ist das ein Bisschen schwierig.» Das hatte Konsequenzen: «Jetzt auch mal sorry; aber dann gingen wir halt nach Paris», erzählt Fueter. Man müsse sich auch mal «reinbeissen», wenn man die Gelegenheit erhalte.

Jungtalente sind nicht auf dem Radar

Substanzieller und spannender wurde es gegen Ende, als es darum ging, wie man die Animatoren und die Werber zusammenbringen könnte. Für Fueter (Regisseur) ist die Antwort darauf simpel: «Es braucht als Bindeglied einen Regisseur, der versteht, was der Kunde will und der dann mit dem Animationsschaffenden spricht.»

Für ihn ist es wichtig, dass Werber ein Team langfristig aufbauen. Das heisst, nach einer erfolgreichen Zusammenarbeit nicht ein komplett anderes Animationsstudio auswählen. «Wenn das Team dann zum dritten oder vierten Mal etwas macht, ist es richtig cool», findet Fueter.

Als ebenso wichtig erachtet es die Runde, regelmässig Pitches durchzuführen und sich laufend nach neuen Talenten umzuschauen. Moderator Timo Wäschle brachte es auf den Punkt: «Die Unbekannteren sind vielleicht fast so gut wie die Ausgewählten – oder sogar viel besser. Aber sie sind nicht auf dem Radar.» Seine Aussage wird mit genervtem Seufzen aus dem Publikum quittiert.

«Glaubt an eure Story» 

Worauf sollen die Kreativen achten? Bei etwas sind sich alle Talkgäste einig: Die Story ist das Wichtigste. Oliver Brunschwiler (Freitag) betonte, man solle an seine Geschichte glauben. Erfolgreich sind jene mit universellen Themen und einer Pointe. Fueter ergänzt, man wolle nichts über beispielsweise das Produkt Flasche wissen. Sondern eine gute Geschichte müsse packen und darin komme dann die Flasche vor. Die Handlung soll Erinnerungen und Gefühle beim Empfänger auslösen.

Gar nicht gefragt sind unkreative, repetitive Motive. Brauchli (Swisscom) erzählt, bei Briefings würden sie stets das gleiche Ross zurückerhalten – einfach anders koloriert. Der Aufruf des Creative Directors Kommunikation: «Zusammenarbeiten heisst, nicht nur das abzuliefern, was der Kunde fordert - sondern zu verstehen, was er braucht.» Und das wisse dieser selbst meist überhaupt nicht.

Kenne Virtual Reality in- und auswendig

Fueter blickt in die Zukunft. Jeder, der Videos drehe wisse, die sähen schlecht aus. Jeder, der Animation gesehen hat, wisse: Virtual Reality werde «richtig abgehen». «Ihr müsst euch dort reinknien und alles darüber wissen und das Thema beherrschen», rät der Stories-Besitzer.

Ebenfalls als wichtig erachtet die Runde das traditionelle Klinken putzen. Jungtalente sollen sich persönlich vorstellen. Und sonst? Sascha Weisshaupt (Swisscom) bringt es auf den Punkt: «Talent, Talent, Talent.»



Die 14. Ausgabe des Internationalen Festivals für Animationsfilm ist seit Sonntag, 11. September 2016, vorbei. Das grösste Animationsfestival der Schweiz konnte knapp 24'000 Eintritte verzeichnen und wurde in den sechs Festivaltagen von Animationsfilmfans aus dem In- und Ausland besucht. In sechs Kinosälen mit total 1'307 Plätzen liefen insgesamt 14 Premieren-Langfilme und 321 Kurzfilme aus 23 Ländern.


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