Nice - so wurde die Flugdestination bereits am Zürcher Gate A63 betitelt. Klar, very nice sogar, wenn man auf Agenturkosten an die Côte d'Azur reisen darf, um sich dort die Weltmeisterschaft anzusehen. Die Weltmeisterschaft der Werbung, versteht sich.
Entgegen der allgemeinen Annahme sichtet man hier in Cannes aber nicht nur die Perlen der Werbeindustrie, sondern auch deren Abgründe. Und dabei ist nicht das hedonistische Treiben an der Croisette gemeint. Es reicht schon, sich in ein Auditorium zu setzen und Filmeingaben zu visionieren. Denn die Diskrepanz zwischen gut gemacht und gut gemeint ist noch grösser als die Jachten an der Riviera. Man lernt hier also nicht nur, was man besser machen könnte, man lernt auch, was man besser nicht machen sollte.
Tatort Audi K: Soeben läuft die Kategorie Commercial Public Services. Über den Screen flimmern diverse asiatische Einreichungen, die so wirr sind, dass man sich nicht mal merken kann, wofür eigentlich geworben wird. Kein Wunder fehlen mir dazu die Beispiele. Oder aber man fühlt sich in der werberischen Dramatisierung um Jahre zurückversetzt wie im Spot "Etisalat EasyFlex II". Kann ja mal passieren, aber wieso gleich einreichen?
Dagegen ist es fast schon clever, wenn man wie im Spot "More crap from the web", den Trash des Internets direkt als Aufhänger benutzt, um für ein Abo mit hoher Downloadrate zu werben. Ist mir vielleicht auch deshalb aufgefallen, weil das Produkt für einmal nicht die Verbesserung der Welt anstrebt.
Selbstverständlich bietet ein derartiger Kinonachmittag auch Highlights. Dafür sorgt unter anderem der Case-Film über den Fiat, der so schnell ist, dass man ihm nicht mal auf Twitter folgen kann.
Abarth 500 #ZeroFollowers – The World's first Twitter Account you can't follow from ZeroFollowers on Vimeo.
Oder um noch ein schönes Beispiel aus der vorherigen Kategorie zu wählen: die Spot-Reihe von "Du Telecommunications", die mit ihren Titeln einen Grossteil der Einreichungen zusammenfasst: too scary, too complicated, too boring, too depressing.
Apropos too depressing, hier noch ein wichtiger Tipp für alle, die sich im nächsten Jahr in einen der unterkühlten Kinosäle wagen: Unbedingt darauf achten, dass man nicht die Kategorie Public Health & Safety erwischt. Spätestens nach dem dritten Krebsspot ist die gute Laune nämlich weg. Und diese dann abends mit ein paar Drinks wieder auf Vordermann zu bringen, kann einen teuer zu stehen kommen. Dafür ist genügend Eis drin. Auf Wunsch auch crushed ice. Das scheint hier so oder so populär zu sein. Man entkommt ihm nicht einmal auf dem Pissoir des legendären Hotel Martinez.
Christian Stüdi ist Texter bei KSP.


