60 Jahre alt ist das Festival of Creativity in Cannes. Die Jubiläumsausgabe liess sich persoenlich.com nicht entgehen. Seit Mittwoch ist das Team vor Ort und berichtet direkt von der Croisette über das international grösste und bedeutendste Werbefestival. Weil am Donnerstag keine Awards verteilt wurden und das am Morgen bewölkte, teilweise regnerische Wetter nicht zum Verweilen in einer der zahlreichen Strandbars lockte, bot sich ein Streifzug durchs Festival geradezu an. Einige Fragen liessen uns keine Ruhe:
Erstens: Wie erkennt man Werber auf der Croisette?
Auch ohne Event-Badge um den Hals und abseits des "Palais de Festival" sind die Kreativen aus aller Welt unschwer zu erkennen. Die wichtigsten Style-Merkmale:
- Trend des Festivals: umgekrempelte Hosenbeine


- Must-Have der Jubiläumssaison: Sonnenbrille. Entweder die klassische Rayban oder farbige Brillengestelle kommen besonders gut an


- Hauptsache Bart. Mindestens ein Dreitagebart muss es sein, lieber präsentieren sich die Werberbärte jedoch möglichst voll

- Bedruckte T-Shirts outen die Werber auf den ersten Blick

- Accessoires: iPhone, iPhone, iPhone und möglichst viele Partybändel

Zweitens: Wie kommt man zu einer ganz persönlichen Coca-Cola Dose?
Einfacher, als man denkt. Hier in Cannes könnte man problemlos zwei ganze Tage damit verbringen, die unterschiedlichen Kundenbindungsstrategien zu erforschen. Bei unserem Besuch im Havas-Café liessen wir uns den Entstehungsprozess einer “ganz persönlichen Coca-Cola-Dose” demonstrieren. Leider war die App, in der man seinen Namen eintippen musste, nicht auf Namen mit einem Kleinbuchstaben am Anfang ausgerichtet. Als zweites Ärgernis bestand die App darauf, partout nach jedem Punkt einen Grossbuchstaben anzuzeigen. So prangte auf unserer Dose schliesslich der Schriftzug “Persoenlichcom”. Coca-Cola bemüht sich in ihrer aktuellen Werbeoffensive deutlich spürbar um Individualisierung, doch bei den Tücken, die die korrekte Schreibweise von “persoenlich.com” mit sich bringt, musste der globale Getränke-Multi kapitulieren.


Der personalisierte Schriftzug wird ausgedruckt und dann auf die Dose geklebt.

Drittens: Warum werden eigentlich silberne und goldene Löwen verteilt? Die Award-Trophäen könnten doch genauso gut Muscheln, Giaccometti-Skulpturen oder Palmwedel sein.
Dass in Cannes Löwen überreicht werden, ist kein Zufall. Die Idee für den Löwen kommt jedoch nicht aus Südfrankreich, sondern aus Italien. Genauer aus Venedig, wo im September 1954 das allererste “International Advertising Film Festival” stattfand. Als Inspiration für die goldene Löwen-Trophy diente der Löwe auf der Piazza San Marco, heisst es in der historischen Chronik des Cannes-Lions-Festival, welche zum 60-Jahr-Jubiläum veröffentlicht wurde. Zur Anfangszeit hatte die Jury erst 187 Werbefilm-Eingaben zu beurteilen (2013 sind es 35765), die aus 14 verschiedenen Ländern stammten. Nach der ersten Ausgabe in Venedig zügelte das Festival nach Monte Carlo. Im Jahr darauf, 1965, wurde es erstmals in Cannes ausgetragen. In den kommenden Jahren wechselten sich Cannes und Venedig als Gastgeber-Städte miteinander ab. Der Cannes-Lions entstammt also dem venezianischen Löwen.
Viertens: Sind Werber tatsächlich oberflächlich und leben in einer Scheinwelt?
Nein, es handelt sich nur um ein Cliché. Auch direkt vor dem Festivalgebäude gibt es Platz für politische Statements. Die mit Löwen gesegneten Brasilianer schliessen sich hier an der Côte ihren Kollegen zu Hause an und machen mit einer Demonstration vor dem Palais auf die Probleme in ihrem Land aufmerksam.


Fünftens: Was trinken die Werber in Cannes?
Bei dieser Frage zeigte sich uns eine überraschende Antwort. Statt einen Whisky wie damals zu den glamourösen Mad-Man-Zeiten, trinkt der moderne (kolumbianische) Werber lieber einen Rum.

Text und Bilder: Corinne Bauer und Edith Hollenstein.

