10.01.2021

Vaterschaftsurlaub

Werber dürfen länger Windeln wechseln

Seit dem 1. Januar 2021 haben frisch gebackene Papis Anspruch auf zwei Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub. Eine persoenlich.com-Umfrage zeigt: Werbe- und Digitalagenturen sind bei der Umsetzung grosszügig. Die familienfreundlichste Agentur gewährt zehn Wochen.
Vaterschaftsurlaub: Werber dürfen länger Windeln wechseln
Im Schnitt grosszügiger als die Medienhäuser sind die Schweizer Digital- und Werbeagenturen beim Vaterschaftsurlaub: Die Bandbreite reicht von zwei bis zehn Wochen. (Bild: Christian Beck, Logos: zVg)
von Christian Beck

Seit dem 1. Januar 2021 gilt der neue Vaterschaftsurlaub von zwei Wochen – so wollte es das Schweizer Stimmvolk. Eine persoenlich.com-Umfrage unter Medienhäusern zeigte, dass einige Firmen nur den gesetzlich vorgeschriebenen Vaterschaftsurlaub gewähren – dies, obwohl sie bereits vor 2021 ihren Mitarbeitern freiwillig bezahlte Papizeit angeboten hatten. Nur SRG, Ringier und Ringier Axel Springer Schweiz erhöhen auf vier Wochen, Nau.ch gibt neu drei Wochen (persoenlich.com berichtete).

Sind Werbeagenturen im Schnitt grosszügiger als Medienhäuser? Um die Antwort bereits vorwegzunehmen: Ja, definitiv.

Auf drei Wochen erhöht

Rod Kommunikation, jene Agentur, die seit Monaten im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) die Corona-Kampagne kreiert, bot bis Ende letzten Jahres zwei Wochen Vaterschaftsurlaub – und damit bereits deutlich mehr, als es das Gesetz verlangte (einen Tag). «Seit 1. Januar 2021 gibt es bei Rod drei Wochen», sagt Geschäftsleitungsmitglied Marco Meroni auf Anfrage.

Ähnlich sieht es bei Webrepublic aus. Bis Ende 2020 gewährte die Digitalmarketingagentur elf freie Arbeitstage (zehn Tage Vaterschaftsurlaub, plus einen Tag für die Geburt). Neu sind es 16 Arbeitstage. «Webrepublic hat sich zum Ziel gesetzt, eine Unternehmenskultur zu fördern, welche die Einzigartigkeit aller Mitarbeitenden respektiert. Dazu gehört für uns, den Bedürfnissen junger Familien gerecht zu werden und ihnen die passende Unterstützung zu bieten», so Gründer und CEO Tom Hanan. Ein zweiwöchiger Vaterschaftsurlaub sei deshalb schon vorher Standard gewesen, um frischgebackenen Eltern zu ermöglichen, in Ruhe in die neue Situation hineinzuwachsen. «Wir sind überzeugt, dass Arbeitnehmer sowie Arbeitgeber davon profitieren können. Mit einer Verlängerung des Vaterschaftsurlaubs möchten wir nun einen weiteren wichtigen Schritt in die richtige Richtung gehen», so Hanan.

Von wenigen Tagen auf vier Wochen

Nur gerade drei Tage Papizeit gewährte Jung von Matt Limmat bisher. Umso grosszügiger ist die Agentur jetzt. «Bei Jung von Matt Limmat haben wir den Mutterschaftsurlaub immer um zwei Wochen auf vier Monate verlängert. Darum handhaben wir das auch beim Vaterschaftsurlaub so und verlängern ihn auf vier Wochen», sagt Agentursprecherin Nina Bieli gegenüber persoenlich.com. Über das weitere Warum müsse wohl nicht diskutiert werden: «Eine grössere Flexibilität in der Gestaltung der Elternzeit orientiert sich an der Realität junger Familien und war damit ein längst überfälliger Schritt», so Bieli.

Mit sogar nur einem einzigen Tag mussten frischgebackene Väter bis Ende 2020 bei Wirz Communications auskommen. Ab 2021 gibt es nebst den gesetzlich vorgeschriebenen zwei Wochen nochmals zwei Wochen obendrauf – Väter haben demzufolge neu vier Wochen zur Verfügung. «Die Wirz war und ist eine Agentur, die für ein ausgeglichenes Privat- und Berufsleben steht. So arbeitet ein grosser Teil unserer Mitarbeitenden in einem Teilzeitpensum», erläutert Livio Dainese, Co-CEO bei Wirz. Petra Dreyfus, Co-CEO, ergänzt: «Mit den zusätzlichen Wochen Vaterschaftsurlaub wollen wir einen Beitrag an eine geteilte Elternzeit leisten. Wir sind der Überzeugung, dass eine tatsächlich gleichberechtigte Gesellschaft entstehen kann, wenn sich beide Elternteile auch um die Kinder kümmern. Wir halten die Schwellen zu Teilzeitstellen auch für Väter niedrig, da wir von einer Gesellschaft voller Vollzeit-Väter und Teilzeit-Mütter wegkommen möchten.» Kurz: Diese neue Regelung bezüglich Vaterschaftsurlaub sieht Wirz als einen Beitrag an die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

«Wir haben bisher unseren Neu-Vätern eine Woche Vaterschaftsurlaub gegeben, was immer sehr geschätzt wurde», sagt Pam Hügli, CEO und Partnerin von Serviceplan Suisse im Haus der Kommunikation. Statt der gesetzlich vorgeschriebenen zwei Wochen gewährt die Agentur neu vier Wochen, «weil wir ein klares Zeichen bezüglich Gleichstellung setzen möchten». Hügli: «Obwohl wir leider vom Prinzip ‹Elternzeit› noch weit entfernt sind, unterstützen wir als Arbeitgeber unsere Väter darin, das klassische Modell proaktiv aufzubrechen.» Dies gelte nicht nur beim Vaterschaftsurlaub: Bei Serviceplan Suisse sei es selbstverständlich, dass auch Väter (in Führungspositionen) Teilzeit arbeiten.

Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub gab es bislang bei der Digitalagentur Hinderling Volkart. «Wir haben ihn nun auf vier Wochen erhöht, weil auch zwei Wochen eigentlich zu kurz sind, und wir ihn gerne mit dem gleichen Investment wie vorher noch verlängern», so Mitgründer Michael Volkart. «Das kommt der ganzen Familie zugute und letztendlich indirekt sicher auch dem Arbeitgeber.» Auch die Schwesteragentur Dept Digital Marketing in Zürich-Oerlikon hat von zwei auf vier Wochen erhöht.

Die Bandbreite: zwei bis zehn Wochen

Die Publicis-Gruppe orientiert sich an der neuen gesetzlichen Regelung. Demnach gibt es neu zehn freie Arbeitstage. Bislang erhielten frischgebackene Papis fünf freie Arbeitstage für den Vaterschaftsurlaub. «Wir sehen vorerst von einer Verlängerung des Vaterschaftsurlaubes ab», so Céline Fontana, Head of HR, gegenüber persoenlich.com. «Unsere Mitarbeitenden verfügen über diverse Benefits. Es ist uns wichtig, dass unsere Mitarbeitenden genug Freizeit haben und sich diese auch gut einteilen können.» So ermögliche die Publicis-Gruppe nebst dem jährlichen Ferienkontingent einige zusätzliche «Agentur-Ferientage», welche zur Erholung und Zeit mit der Familie dienen sollen. Zudem unterstütze die Agentur die Work Life Balance «auf Anfrage» – unter anderem auch mit flexiblen Pensenanpassungen sowie unbezahltem Urlaub.

«Frischgebackene Väter erhalten bei uns neu auch zwei Wochen Vaterschaftsurlaub bei vollem Lohn», sagt Swen Morath, Kreativchef bei Wunderman Thompson. Bisher seien es fünf Tage gewesen. «Um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern, gibt es bei uns noch viele weitere Angebote. So bieten wir unseren Mitarbeitenden unter anderem die Möglichkeit, ihr Arbeitspensum flexibel zu reduzieren, was sehr viele Mütter und Väter in Anspruch nehmen.» Zudem gebe es auch eine Kooperation mit Tadah Coworking, das «parallel zu tollen Arbeitsplätzen auch eine professionelle Kinderbetreuung anbietet», so Morath. Diese können die Mitarbeitenden kostenlos in Anspruch nehmen, wenn es bei der eigenen Betreuung mal zu Engpässen kommt (persoenlich.com berichtete).

Der eigentliche Überflieger in Bezug auf Papizeit ist jedoch die Digitalagentur Ginetta. Sie legt sehr viel Wert auf die Vereinbarkeit von Karriere und Familie. «Jedes Teammitglied – egal ob Mutter oder Vater und unabhängig von der sexuellen Orientierung oder Art und Weise, auf welche die Elternschaft zustande gekommen ist, also auch im Fall einer Adoption – erhält zusätzlich zum gesetzlich festgelegten Zeitraum acht Wochen Elternzeit», sagt Katrin Wey, Communications Manager bei Ginetta, auf Anfrage. Diese Regelung bestehe bereits seit vier Jahren und sei schon von einigen Mitarbeitern in Anspruch genommen worden. «Wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht.» Bei Ginetta erhalten Papis also seit 1. Januar 2021 stolze zehn Wochen Vaterschaftsurlaub. Das Durchschnittsalter der 60 Mitarbeitenden liegt übrigens bei 33 Jahren.



Wie grosszügig Schweizer Medienhäuser mit dem Vaterschaftsurlaub sind, lesen Sie hier.



Newsletter wird abonniert...

Newsletter abonnieren

Wollen Sie Artikel wie diesen in Ihrer Mailbox? Erhalten Sie frühmorgens die relevantesten Branchennews in kompakter Form.

Kommentar wird gesendet...

Kommentare

  • Rudolf Bolli, 11.01.2021 12:19 Uhr
    Woher könnte es kommen, dass die Schweizer Digital- und Werbeagenturen in Bezug auf Elternurlaub im Durchschnitt grosszügiger sind als die Medienhäuser? Hat das einfach mit der grösseren Familienfreundlichkeit zu tun oder vielleicht auch mit der wirtschaftlichen Lage? Grosszügigkeit muss man sich jedenfalls leisten können.
Kommentarfunktion wurde geschlossen

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Zum Seitenanfang20210410

Die Branchennews täglich erhalten!

Jetzt Newsletter abonnieren.