02.12.2022

Serviceplan Suisse

«Wir müssen HIV weltweit entkriminalisieren»

«Change the name, end the stigma»: Die Nichtregierungsorganisation Youth Against Aids will HIV umbennen. Serviceplan Suisse hat dazu mit «Update HIV» eine weltweite Kampagne orchestriert. Kreativchef Raul Serrat über Aids, Angst und Ausgrenzung.
Serviceplan Suisse: «Wir müssen HIV weltweit entkriminalisieren»
«Dies ist der Startpunkt einer umfassenden Kampagne», so Raul Serrat, Creative Chief Officer bei Serviceplan Suisse. (Bild: zVg)
von Christian Beck

Herr Serrat, was verbinden Sie mit dem Begriff HIV?
In den 80ern, als HIV ins öffentliche Bewusstsein rückte, war ich Teenager. Ich glaube, dass das Klima der Angst meinen Umgang mit Sex als junger Erwachsener stark beeinflusst hat. Zudem war zu etwa der gleichen Zeit die offene Drogenszene ein grosses Thema hier in Zürich, und auch da waren HIV und Aids als Gefahren allgegenwärtig. Das Stigma von HIV war stark ausgeprägt. Man hatte Berührungsängste mit den Betroffenen, hat sie diskriminiert und fürchtete sich vor Ansteckungen. HIV galt damals als Todesurteil. Heute ist HIV behandelbar, und eine Infizierung lässt sich einfach vermeiden. Mit dem medizinischen Fortschritt hat sich zum Glück auch unser Umgang mit HIV verbessert – aber die Stigmatisierung ist hartnäckig und haftet den drei Buchstaben auch heute noch an.

Am Donnerstag war Welt-Aids-Tag. Aus diesem Anlass fordert die Organisation Youth Against Aids die Umbenennung von HIV (persoenlich.com berichtete). Was soll das bringen?
Was uns bei der Bekämpfung der HIV-Epidemie zurückhält, ist nicht die Medizin, sondern soziale, kulturelle und politische Faktoren. HIV-Stigmata werden bereits seit Jahren als grosses gesellschaftliches Problem identifiziert, doch bis heute ohne nennenswerte Fortschritte. Es geht uns also nicht darum, ein Wort zu ändern. Wir möchten die hinter dem Wort stehende Problematik aufbrechen und aufzeigen, wie enorm der Einfluss von Stigma und Diskriminierung auf den Zugang zum Gesundheitssystem sind. Namen haben schon immer eine entschiedene Rolle gespielt, wenn es um Ausgrenzung ging.

Und weshalb kommt diese Forderung genau jetzt?
Ein aktueller Report von Unaids zeigt ganz deutlich, dass wir es nicht schaffen werden, die HIV-Epidemie bis 2030 zu beenden, wenn wir so weitermachen. In vielen Köpfen hat sich nach fast 40 Jahren nichts bewegt. Unser Bild von HIV ist stehen geblieben. Wir müssen radikal umdenken und neue Wege gehen. Ansonsten verlieren wir diesen Kampf – und das ist keine Option.

«Eine Namensänderung fördert die Auseinandersetzung mit der Stigmatisierung von HIV und führt zu einem Umdenken»

«Change the name, end the stigma» heisst die Kernbotschaft der globalen Kampagne. Reicht es wirklich, einfach nur den Namen auszutauschen?
Es reicht natürlich nicht, nur den Namen zu verändern und dann zu glauben, HIV sei besiegt. Wir müssen HIV weltweit entkriminalisieren, den Zugang zu Medikamenten verbessern und Versorgungslücken abbauen. Aber wir müssen vor allem eben auch das Stigma abbauen. Eine Namensänderung fördert die Auseinandersetzung mit der Stigmatisierung von HIV und führt zu einem Umdenken. Das wird dringend benötigt.

Der Namenswechsel des HI-Virus wird in einem offenen Brief an die Weltgesundheitsorganisation gefordert, der unter anderem in der NZZ abgedruckt wurde. Aber auch die Öffentlichkeit wird zum Mitmachen animiert. Wie genau?
Wir alle sind aufgefordert, uns zu informieren, HIV neu zu betrachten und aktiv zu werden. In einem ersten Schritt möchten wir die Stigmatisierung beenden. Wir sind überzeugt, dass ein neuer Name für HIV dabei helfen wird, anders über das Virus zu sprechen und zu denken. Nur mit einer neuen, zeitgemässen Sichtweise auf HIV können wir die Epidemie effektiv bekämpfen.

Und was passiert schliesslich mit den eingereichten Vorschlägen? Gibt es eine Jury, die einen Namen auswählen wird?
Die Vorschläge werden von uns gesammelt und dann in einem gemeinschaftlichen Prozess ausgewertet. Es ist unser Ziel, den Prozess so offen wie möglich zu halten. Am Ende werden wir eine Shortlist mit geeigneten Namen zusammenstellen und diese der WHO zur Auswahl übergeben.

Aus einer HIV-Infektion kann sich die Krankheit Aids entwickeln. Für viele sind aber «HIV» und «Aids» Synonyme. Müsste man nicht besser hier ansetzen und Aufklärung betreiben?
Unser Partner, die Ohhh! Foundation, setzt sich seit 2009 umfassend für das Thema ein. Sie bieten Aufklärungsprogramme für Schulen an, erstellen Kampagnen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit und sind Initiator eines gross angelegten Kondomverteilungsprogramms. Das Team wird von globalen Marken, Institutionen und Regierungen unterstützt und arbeitet eng mit ihnen zusammen, um Lösungen für die sexuelle Gesundheit junger Menschen zu finden.

«Das ist erst der Start der Kampagne»

Die ursprüngliche Kampagnenidee zu «Update HIV» stammt von Serviceplan Spanien. Das Konzept und die kreative Umsetzung kommen aber von Serviceplan Suisse. Wie das?
Serviceplan ist eine inhabergeführte internationale Agenturgruppe. Die Agenturen aus den einzelnen Ländern tauschen regelmässig auf verschiedenen Ebenen Ideen aus. Vor über einem Jahr haben wir zum ersten Mal über das Vorhaben gesprochen, HIV umzubenennen. Seit zwölf Monaten arbeiten wir bei uns in Zürich an dem Konzept und tragen es in Workshops, Kreativ- und Kundenmeetings weiter. Das ist erst der Start der Kampagne. UpdateHIV.com ist ein Projekt, welches erst abgeschlossen ist, wenn die HIV-Epidemie beendet ist.

Die NGO Youth Against Aids hat den Sitz in Hamburg. Die Serviceplan-Gruppe hat in Deutschland mehrere Standorte. Weshalb also kommt die globale Kampagne aus der Schweiz? Was können wir besser?
Wir können nichts besser. Aber wir arbeiten stoisch und mit aller Konsequenz an der Realisierung dieser Idee. Zudem hat die WHO ihren Hauptsitz in Genf, da sind wir als Schweizer Agentur näher dran. Es ist uns wirklich ein grosses Anliegen, ein Teil der Lösung dieser Herausforderung zu sein.

Der Startschuss zur Kampagne war am Donnerstag. Wo überall wird man «Update HIV» sehen, lesen oder hören können – ausser in der NZZ?
Im Moment sieht man die Kampagne an ausgewählten Standorten rund um den Globus. In Südafrika, Namibia, Deutschland, Frankreich, Österreich, Holland, Italien, Spanien, England und in den USA. Die Hoffnung ist, dass die Kampagne wächst und an Aufmerksamkeit gewinnt. Erst wenn viele Leute die Kampagne unterstützen und die Initiative unterschreiben, wird sich etwas bewegen.

«Bei einer solchen Kampagne ist man auf Überzeugungsarbeit und Wohlwollen angewiesen»

Zwölf Monate dauerten die Vorbereitungsarbeiten. Am Schluss gab es ordentlich Stress. Was war passiert?
Bei einer solchen Kampagne ist man auf Überzeugungsarbeit und Wohlwollen angewiesen. Wir brauchen Unterstützer, die in diesem Bereich glaubhaft und kompetent sind. Noch bis am Mittwoch mussten wir an Details schrauben und zum Beispiel neu dazugekommene Unterstützer involvieren. Bei einem globalen Vorhaben verschwinden auf einmal die «normalen» Arbeitszeiten und Druckunterlagen-Schlüsse.

Und wie geht es weiter nach dem Welt-Aids-Tag?
Dies ist der Startpunkt einer umfassenden Kampagne. Das Ziel ist es, dass an der World Aids Conference 2023 in Brisbane einen neuen Namen ausgerufen wird. Kein einfaches Vorhaben, aber wir glauben fest daran. «Update HIV» ist übrigens eine Open-Source-Kampagne. Wir freuen uns über alle, die unsere Botschaft unterstützen und mithelfen, die Vision voranzutreiben.

Zurück zur Namensänderung von HIV. Hätten Sie unseren Leserinnen und Lesern einen möglichen Vorschlag, wie HIV künftig bezeichnet werden könnte?
Nein, das möchte ich an dieser Stelle bewusst nicht tun, weil ich die Namensgebung nicht in eine bestimmte Richtung lenken möchte. Doch inspirieren kann ich. Der neue Name muss nicht abstrakt oder ein Kürzel sein. Es kann ein neues Wort sein, das wir noch nicht kennen. Hauptsache ist, dass er nicht despektierlich ist, ausgrenzt oder beleidigt. Ich bin gespannt auf eure Ideen.



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