"Welchen Einfluss hat Design in der Unternehmens- und Wohnwelt auf den Menschen?" Die Frage gewinnt eine mehr als beiläufige Bedeutung, wenn man davon ausgeht, dass das Verhalten eines Individuums nicht ein für alle Mal festgelegt ist -- sozusagen als Charakter -- sondern durch die physische Umwelt verändert werden kann. Die Behauptung, es gäbe verbrechensfördernde Umweltsignale, die etwa von heruntergekommenen Häusern in Slums oder einer verschmutzten und mit Graffiti versehenen Untergrundbahn ausgehen, scheint weit hergeholt. In seinem Buch "The Tipping Point" stellt Malcolm Gladwell als "Power of Context" diese Behauptungen auf, und er belegt sie mit überraschenden und überzeugenden Beispielen.
Auf den weniger dramatischen Alltag der meisten von uns übertragen, würde die Frage lauten: Wie wirken bestimmte Bürointerieurs auf die Mitarbeiter, wie wirkt die Einrichtung eines Hauses auf seine Bewohner? So viel ist sicher: Jeder Raum und jede Einrichtung ist ein Sender, und die Anwesenden sind seinen Signalen pausenlos ausgesetzt. Es scheint nahe liegend, dass Räume mit autoritärer Ausstrahlung der Eigeninitiative nicht förderlich sind, dass Büroeinrichtungen, die den Einzelnen isolieren, die Zusammenarbeit erschweren, oder dass ungepflegte, monotone und lieblose Einrichtungen die Arbeitsmoral senken. Auf der anderen Seite strahlen gute Architektur und gutes Design auf die Nutzer ab. Jeder hat schon erlebt, wie stimulierend bestimmte Räume und Einrichtungen wirken.

Das Verhalten eines Individuums wird durch die Umwelt beeinflusst.
"persönlich blau" befragte diverse Kommunikationsfachleute zur Bedeutung von Design in der Unternehmens- und Wohnswelt, "persoenlich.com" zeigt die Antwort von Zweien.
Philipp Bitzer, Chefredaktor Wohnrevue
"Das hängt ganz davon ab, was man überhaupt unter Design versteht. Ich selbst verstehe darunter eine bewusste Überführung von funktionalen und ergonomischen Erkenntnissen in eine gestaltete Form, die der Funktionalität nicht schadet und dem Auge nicht weh tut. Wenn das gelingt, ist das Design im Dienste des Menschen und damit Ausdruck von Respekt, ohne den kein Mensch in Würde leben kann. Versteht man unter 'Design' aber die Gestaltung um der Form willen, dann denke ich, dass dieses 'Design' dem Menschen schadet. Konkrete Beispiele?
Nun, in meiner privaten Wohnwelt lege ich viel Wert auf ein für mich stimmiges Ambiente und überzeugende Formen. Ich habe mir also ein sehr tiefes und sehr breites Ledersofa gekauft, weil mich dessen Materialität und Form angesprochen haben. Zum Sitzen ist mein Sofa allerdings alles andere als bequem, und für ältere Besucher schlicht eine Katastrophe, weil sie kaum mehr daraus hochkommen.
Beim Arbeiten hingegen scheinen meine Ansprüche anders geartet zu sein: In meiner Laufbahn habe ich schon in muffigen, kleinen Löchern, in offenen und lärmigen Grossraumbüros und auch in durchgestylten Einzelbüros gearbeitet. Ob ich meine Sache gut gemacht habe, hing dabei nie von der Einrichtung ab, sondern nur davon, ob ich meinen Job gerne machte -- und dass das zur Verfügung gestellte oder ausgesuchte Werkzeug funktionierte."
David Bosshart, CEO Gottlieb Duttweiler Institut
"In unserer Welt fliessen Informationen in immer grösserem Umfang immer schneller und einfacher. Sie werden sozusagen in Echtzeit durch uns hindurchgefiltert, und deshalb überwiegen emotionale Muster des Umgangs mit Menschen und Dingen. Am Morgen stehen wir auf und stellen unsere fixen und mobilen Geräte ein, um unmittelbar zu erfahren, was alles Neues passiert ist. Wir fragen als Erstes nicht mehr: 'Was soll ich tun?', sondern 'Was soll ich fühlen?' Soll ich mich ärgern, gut gelaunt sein, zerknirscht oder optimistisch?
In einer solchen Welt brauchen wir Mechanismen, die unseren Gefühlshaushalt sortieren. Genau da setzt Design ein: Es ist ein Sortiermechanismus für unsere labile Gefühlswelt. Je mehr wir uns täglich überraschen lassen müssen von immer neuen Informationen, desto mehr brauchen wir in unserem Umfeld Stabilisatoren. Das Handy soll weich und angenehm in meiner Hand liegen, um mich haptisch zu verwöhnen, nachdem visuell alle gleich öd ausschauen und die Klingeltöne nur noch der akustischen Umweltverschmutzung dienen. Das Wohnzimmer soll meine Behaglichkeit fördern und Stimmungen ganzheitlich reflektieren. Meeting Rooms werden von Facility Managern auf Feng-Shui-Tauglichkeit überprüft. Dank Technologie wird vieles einfacher, aber auch dynamischer: Mood Design ist das Stichwort. Meine vier Wände gehören zu meinen wichtigsten Partnern im Alltag."

