07.04.2009

"Das hemmungslose Eindringen der SRG in alle Bereiche muss gestoppt werden"

Die Schweizer Werbefenster geraten immer wieder unter politischen Druck. Für den Werbevermarkter IP Multimedia, welcher unter anderem Werbezeit für die Sender RTL, ProSieben, Vox oder Viva verkauft, sind sie aber lebensnotwendig. Managing Director Michi Frank erklärt im Gespräch mit "persönlich rot" ihren Nutzen für die Schweizer Volkswirtschaft. Gleichzeitig meint er, dass die SRG im Jahr 100 Millionen Franken mehr einnehmen könnte, wenn ein privater Vermarkter die Werbung verkaufen würde. Das Interview:
"Das hemmungslose Eindringen der SRG in alle Bereiche muss gestoppt werden"

Herr Frank, der politische Druck auf die Werbefenster nimmt plötzlich zu. Welches sind die Gründe?

Wir stellen fest, dass immer wieder falsche Informationen über die Schweizer Werbefenster verbreitet werden. Richtig ist, dass diese Werbefenster dazu beigetragen haben, den Schweizer Fernsehwerbemarkt erst richtig zu entwickeln. Davon hat auch die SRG stark profitiert. Zudem ermöglichen die Schweizer Werbefenster allein bei IP Multimedia 75 qualifizierte Arbeitsplätze. Die Werbefenster sind also ein wichtiger Faktor in der Werbelandschaft Schweiz, von dem viele profitieren. Dank der Schweizer Werbefenster können die Auftraggeber im Inland ihre Werbung zielgruppenspezifisch planen. Bloss mit den SRG-Programmen alleine ginge das nicht. Würden die Schweizer Werbefenster wegfallen, ginge auch dieses Geld verloren, beziehungsweise es würde womöglich in grosse internationale Internetsites verlagert. Es ist ein Trugschluss anzunehmen, die SRG oder die privaten regionalen Veranstalter bekämen diese Werbegelder, denn sie erreichen das Zielpublikum nicht in der ganzen Bandbreite, wie es die Werbewirtschaft fordert. Politischer Druck auf die Werbefenster ist also eine Gefahr für alle, die TV-Werbung anbieten, die SRG genauso wie die Schweizer Werbefenster selbst.

Wie setzen Sie sich politisch für die Werbefenster ein?

Es geht uns vor allem darum, Fakten zu kommunizieren: Erst die Schweizer Werbefenster machen den TV-Markt Schweiz vielfältig und interessant. Wir hatten Gelegenheit, diese Informationen während der vergangenen Session auch den eidgenössischen Parlamentarierinnen und Parlamentariern darzulegen. Wir wollen den Politikerinnen und Politikern, die sich mit der Mediengesetzgebung beschäftigen, klarmachen, dass die Schweizer Werbefenster ein wichtiger Faktor sind und hohe Wertschöpfung generieren. Die Schweizer Politik tut gut daran, nicht alle klassischen elektronischen Medien irgendwie über Gebühren zu finanzieren. Das macht abhängig und schwächt den Wettbewerb. Es ist auch nicht einzusehen, wieso wir als Gebührenzahler für Programme bezahlen sollen, die im Ausland offensichtlich am Markt refinanziert werden können. Das könnte auch in der Schweiz so sein, ist es jetzt aber nicht.

Wie viel Geld wird mit den Werbefenstern in der Schweiz insgesamt umgesetzt?

Betrachtet man die Fernsehgewohnheiten der Schweizer Bevölkerung, fällt auf, dass diese nur rund ein Drittel ihrer TV-Nutzungszeit einheimischen Sendern widmet. Während der restlichen Zeit werden ausländische Sender konsumiert – und dabei natürlich auch die Programme mit Werbefenstern. Aufgrund dieser hohen Nutzung durch die Schweizer Bevölkerung ermöglichen Werbefenster über 700 Schweizer Firmen die Ansprache von Zuschauern, die kaum oder wenig SRG schauen. Von den insgesamt 637 Millionen Schweizer Franken, die in der Schweiz netto in Fernsehwerbung investiert werden, gehen mit über 400 Millionen gut zwei Drittel zur SRG. Etwas über 50 Millionen werden in die Schweizer Privatsender und 175 Millionen in alle Werbefenster investiert.

Einer der Vorwürfe lautet, dass durch die Werbefenster keine Arbeitsplätze geschaffen würden und alles Geld ins Ausland abfliesse?

Das ist einfach falsch. Bereits 2003 kam eine Studie der Prognos AG zum Schluss, dass mehr als zwei Drittel aller Einnahmen der Werbefenster der Schweizer Volkswirtschaft zugute kommen. Daran hat sich in den letzten Jahren nichts geändert. Mit den Einnahmen werden zahlreiche Arbeitsplätze finanziert – nicht bloss die erwähnten bei IP Multimedia, sondern auch bei anderen Vermarktern, in Agenturen, bei Produzenten, in Studios usw. Der Rest fliesst zu den Sendern und wird dort für die Finanzierung von Programmen verwendet, die auch wieder vom Schweizer Publikum konsumiert werden. Sie sehen also, der grösste Teil der Wertschöpfung, den die Werbefenster generieren, nützt der Schweizer Wirtschaft und dem Schweizer Publikum.

Wer wird durch die Werbefenster am meisten konkurrenziert?

Die Programme, in denen wir die Werbefenster ausstrahlen, richten sich generell an ein jüngeres Publikum. Dieses wird von der SRG nicht oder in weit geringerem Umfang erreicht. Von daher ist die Werbewirtschaft auf die Schweizer Werbefenster angewiesen, wenn sie Zuschauerinnen und Zuschauer breit erreichen will. Die Konkurrenz spielt sich eher crossmedial ab. Wir stellen fest, dass Kunden immer mehr Kampagnen wollen, die sie über verschiedene elektronische Medien hinweg platzieren können. In diese Richtung sind unsere Beratungsteams stark, und wir können professionelle Lösungen anbieten, in denen weitere Produkte von Unternehmungen der Goldbach-Media-Gruppe mit einfliessen. Das gibt echte, medienübergreifende Werbebotschaften, die bis in die Bereiche Online und Mobile gehen – alles aus einer Hand.

Tamedia klagte bei der Übernahme von Edipresse, dass die Schweizer Verleger zunehmend unter Druck kämen, “weil ausländische Fernsehfenster hohe Gewinne ohne publizistische Leistung einfahren”. Sehen Sie dies auch so?

Wie gesagt: Die Schweizer Werbefenster schaffen Wertschöpfung in der Schweiz. Sie stellen deshalb keine Bedrohung dar, sondern sind ein wichtiger Faktor. Wir sind der Meinung, dass die Medienkonzentration, die durch solche Übernahmen rasch voranschreitet, die Medienvielfalt gefährdet. In den Medien wurde diese Übernahme ja auch so kommentiert. Wir sind gespannt, wie sich die Wettbewerbskommission dazu äussert und ob man dort die Problematik erkennt. Übrigens wird oft vergessen, dass RTL schon 1993 ein Schweizer Programm machen wollte. Der damalige Chef von RTL, Helmut Thoma, ging sogar so weit, der Schweiz anzubieten, alle Einnahmen aus den Schweizer Werbefenstern 25 Jahre lang vollumfänglich in der Schweiz zu lassen. Ein entsprechendes Gesuch lehnte der Bundesrat aber ab – weil die SRG und einzelne Verleger dagegen opponierten. Schade, denn damit sind der einheimischen Fernseh- und Filmindustrie 500 Millionen Franken entzogen worden.

Die SRG beklagt, dass sie gegenüber den Werbefenstern rechtlich benachteiligt sei. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Nein. Das Gegenteil stimmt doch. Kein anderes Land in Europa hat eine Gesetzgebung, die den öffentlich-rechtlichen Veranstalter so schützt wie die Schweiz. Das neue Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) ist ein eigentliches SRG-Schutzgesetz. Dank ihrer Lobbyarbeit ist es der SRG gelungen, eine Mehrheit des Parlaments davon zu überzeugen, dass sie besonders vorteilhafte Bedingungen haben soll. So erhält sie sowohl Gebühreneinnahmen wie auch Werbegelder. Das ursprünglich geforderte duale System – Gebühren der SRG, Werbeeinnahmen den Privaten – ist im Gesetz völlig verwässert worden, und zwar zu Gunsten der SRG. Darunter leiden auch die privaten Radios und Fernsehen in der Schweiz. Wir sind der Meinung, dass das hemmungslose und politisch unkontrollierte Eindringen der SRG in alle Bereiche dringend gestoppt werden muss. Wenn wir den Markt beobachten, kommen wir zum Schluss, dass die SRG ihr Werbepotenzial lange nicht ausschöpft. Da würde noch viel mehr Geld drinliegen, wohl gegen 100 Millionen Franken im Jahr. Dass dies nicht genutzt wird, liegt möglicherweise daran, dass die Werbung für die SRG von einer eigenen Tochtergesellschaft und nicht von einem privaten Vermarkter verkauft wird. Dieser könnte sich das nicht leisten. Bei der Debatte um die Gebührenerhöhung, die ja schon angekündigt ist, wird dieses Thema bestimmt aufgenommen.

Wie haben sich die Werbefenster in den letzten Jahren entwickelt?

Wir sind zufrieden. Unsere Schweizer Werbefenster haben sich in den letzten Jahren positiv entwickelt. Von 9 Millionen Franken beim Start im 1993 ist der Netto-Werbeertrag bis ins Jahr 2000 auf 76 Millionen Franken gestiegen; letztes Jahr betrug unser TV-Umsatz 142 Millionen Franken, im Vorjahr (2007) 136 Millionen Franken. Wir können also über die ganze Zeit hinweg einen kontinuierlichen Anstieg verzeichnen. Dafür verantwortlich ist die Akzeptanz der Programme bei den Zuschauern in der Schweiz; das ist Voraussetzung. Zudem haben wir eine leistungsstarke Organisation, die es uns erlaubt, nahe beim Kunden zu sein und seine Bedürfnisse optimal zu erfüllen. Da sind unsere Mitarbeiter stark und die Buchungs- und Abwicklungstools auf die Bedürfnisse des Kunden ausgerichtet. Die IP Multimedia (Schweiz) AG wurde dafür sogar mit dem MT Award ausgezeichnet, einer Auszeichnung, die letztlich von Kunden und Agenturen verliehen wird.

Planen Sie einen Ausbau der Werbefenster?

So wie wir die Situation einschätzen, sind die meisten Themen vorerst gesetzt. Fernsehen ist und bleibt aber ein starkes Medium, das beim Publikum insgesamt gut ankommt. Somit steckt in der TV-Werbung und im Schweizer TV-Werbemarkt noch Potenzial. Denken Sie daran: Die Schweizer Werbefenster sind ein Produkt, das der Markt will, das bei Werbekunden und Agenturen auf Akzeptanz stösst. In Deutschland kämpft die Fernsehwerbung momentan mit sehr grossen Problemen.

Wie sieht dies für den Schweizer Werbemarkt aus?

Ich bin froh, sagen zu können, dass wir gut ins neue Jahr gestartet sind. Natürlich spüren auch wir ein Zögern bei den Kunden. Aber Fernsehwerbung ist ein starkes Produkt. Zudem besteht in der Schweiz diesbezüglich noch Potenzial, allein wenn man die Marktanteile anschaut, die die Fernsehwerbung bei uns und im Ausland aufweist.

Welche Projekte plant die IP Multimedia für die nähere Zukunft?

Unser nächstes grosses Projekt sind die Public Screens, Bildschirme also, die an Orten platziert werden, wo die Bereitschaft der Konsumenten für die Aufnahme von Werbebotschaften besonders gross ist. Weiter wollen wir unsere Angebote im Bereich des Sponsorings und der sogenannten “Below the line”-Angebote noch profilieren und verstärken: Da wünscht der Markt neue Ideen und umsetzbare Konzepte für Radio und Fernsehen. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben das diesbezügliche Know-how; Jacqueline Sasse beispielsweise hat diesen Bereich bereits für Eurosport aufgebaut und erfolgreich gemacht.

(Interview: Matthias Ackeret)

--> Das Interview ist auch in der April Ausgabe von "persönlich rot" zu finden.


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