Frau Kim, was ist genau Ihr Job?
Ich vertrete Schweiz Tourismus in Südkorea. Ich leite unser Büro in Seoul. Von dort aus versuchen wir den Koreanern die Schweiz als Reiseziel schmackhaft zu machen.
Wie gross ist Ihr Team?
Wir sind nur zu dritt. Ein kleines Team. Aber wir geben Gas. Ich bin die Leiterin, eine Mitarbeiterin kümmert sich um PR und Medien, eine ist für allgemeines Marketing und Sales zuständig.
Wie lange arbeiten Sie schon für Schweiz Tourismus?
Oh, schon eine ganze Weile. Ich glaube mittlerweile etwa 12 Jahre.
Wie hat sich die Arbeit von Schweiz Tourismus in Korea entwickelt?
Wir haben uns nicht verändert. Der Markt hat sich verändert. Die Reisebranche in Korea hat kurz nach Olympia 1988 in Seoul ihre Tätigkeit aufgenommen. 1990 sind dann die ersten Touristen aus Korea in die Welt aufgebrochen. Am Anfang war unsere Arbeit sehr simpel. Alles hat sich auf Reisegruppen konzentriert. Zum einen, weil die Leute die Destination nicht kannten, zum anderen weil sie die Sprache nicht sprechen konnten.
Heutzutage sind so viele Informationen auf einfachstem Weg abrufbar. Die Leute informieren sich selbst. Deswegen findet seit einigen Jahren vermehrt ein Wechsel von den Gruppen- zu den Individualreisen statt. Früher haben wir einfach die Reiseunternehmen unterstützt, damit sie gute Schweizer Produkte anbieten können. Jetzt ist jeder potentielle Tourist direkt unser Ansprechpartner und wir bespielen praktisch alle Kanäle. Da unsere Mittel beschränkt sind, stützen wir uns vor allem stark auf Social-Media-Plattformen ab.
Wie sahen diese Gruppenreisen aus? Haben Sie Europa jeweils in einer Woche bereist?
Noch extremer: Acht Länder in zehn Tagen. Das war das Angebot, das am besten lief. Das hat sich aber mittlerweile geändert: Die beliebteste Gruppenreise umfasst jetzt drei Länder in acht Tagen.
Wie viele Tage verbringen die koreanischen Touristen im Schnitt in der Schweiz?
Sie bleiben für eine oder zwei Nächte. Die Reise fängt in Paris oder in Rom an. Wenn sie in Paris anfangen, fahren sie mit dem TGV nach Genf oder Lausanne. Dann geht’s weiter nach Interlaken. Dort übernachten mehr als die Hälfte aller koreanischen Touristen.
Ich war noch nie in Interlaken.
Das Berner Oberland hat gutes Marketing betrieben. Die machen schon seit über zehn Jahren Werbung in Korea. Die haben eine sehr gute Position im Markt mit dem Jungfraujoch. Aber auch andere Destinationen haben zugelegt. Der Wettbewerb spielt.
Zwischen wem?
Der stärkste Konkurrent ist die Region Luzern mit ihrer Bergwelt sowie Zermatt. Die Koreaner kommen in die Schweiz, um die Natur zu geniessen. In Frankreich interessiert sie vor allem das Shopping und die Mode. In der Schweiz vor allem die Landschaft.
Erklären Sie uns das Konzept der "Swiss Friends"!
Die Schweiz ist für die Koreaner ein Traumgebäude, etwas sehr Abstraktes. Und dieses Bild konnte sich auch nie richtig konkretisieren, weil die meisten eben immer nur für eine Nacht geblieben sind. Mit den "Swiss Friends" wollten wir ihnen die Schweiz näherbringen. Die Botschaft: Es ist nicht kompliziert in die Schweiz zu reisen. Und das Angebot ist extrem vielfältig. Dafür haben wir in den letzten zehn Jahren grosse koreanische Film- und Musik-Stars eingespannt, die alles ausprobieren und den Koreanern davon berichten.
Wie suchen Sie diese Celebrities aus?
Je nach dem jeweiligen Marketingschwerpunkt. Einmal lautete der "Familie", deshalb luden wir ein Schauspielerehepaar mit ihren beiden Kindern in die Schweiz ein. Auch ein Geschwisterpaar hatten wir schon. Dieses Mal haben wir Ji Min gewinnen können. Wir haben nach einer koreanischen Version von Heidi gesucht. Das Thema der Sommerkampagne von Schweiz Tourismus lautet dieses Jahr weltweit "Living Traditions" (lebendige Traditionen).
Worum geht es genau? Was müssen/dürfen diese "Swiss Friends" machen?
Sie bereisen während einer Woche die Schweiz. Genf, Zermatt, Gruyères, Bern, Interlaken, Jungfrau, Luzern und so weiter. Anschliessend leihen sie uns während zwei Jahren ihr Gesicht. Manchmal werden sie schon während der Reise von koreanischen Journalisten begleitet. Während der Reise nutzen wir auch die Möglichkeit, Bilder für unsere Werbematerialen zu schiessen. So bildet Ji Min Hans Reise den roten Faden unserer nächsten Broschüre.
Ji Min als Heidi – wie sie auch auf dem Cover der aktuellen Ausgabe von "persönlich" zu sehen war.
Ja, genau. Dieses Bild in Zermatt wollten wir unbedingt haben. Es wird bei unseren Marketingmassnahmen eine zentrale Rolle spielen. Ihr selbst hat es nicht besonders gefallen. Sie fand den Aufzug etwas zu kitschig (lacht). Aber sie hat’s akzeptiert.
Wie haben Sie Ji Min überzeugt Werbung für die Schweiz zu machen?
Dem gehen jeweils lange Verhandlungen voraus. Mit Ji Min war ich über vier Monate hinweg immer wieder in Kontakt. Schlussendlich ist es eine win-win-Situation: Durch die enorme Visibilität, die sie durch den Auftritt hat, steigert sich ihr Marktwert.
Wie viel Geld kostet das Schweiz Tourismus?
Nichts – abgesehen von den Spesen und den Kosten für die klassischen Werbemassnahmen.
Wieso braucht die Schweiz alle zwei Jahren ein neues Gesicht in Korea?
Das entspricht einfach der koreanischen Mentalität. Korea ist sehr trendorientiert. Überhaupt wandelt sich in Asien alles sehr viel schneller.
Was unternehmen die anderen Länder in punkto Marketing in Korea?
Dieses Freunde-System ist wirklich unsere Strategie. Die anderen Länder machen nichts in dieser Art. Aber sie fragen uns immer mal wieder, wie wir das überhaupt hinkriegen. Einen Exklusiv-Vertrag über zwei Jahre abzuschliessen, ist nicht so einfach.
Das "Swiss Friends"-System gibt es seit rund zehn Jahren. Schlägt sich das bei den Besuchern nieder? Wie viele Koreanerinnen und Koreaner besuchen die Schweiz pro Jahr?
Die Übernachtungszahlen von Koreanern sind in den letzten zehn Jahren um rund 70 Prozent gestiegen. Im 2012 sind etwa 90'000 Koreaner in die Schweiz gereist.
Gibt es auch schon konkrete Rückmeldungen auf die Abenteuer vin Ji Min?
Ja, wir stellen jeden Abend Neuigkeiten von Ji Min Hans Schweiz-Reise ins Netz. Mittlerweile sind schon über 50 Medienartikel erschienen, in denen ihre Reise erwähnt wird. Und heute ist erst der fünfte Tag ! Ausserdem war sie in den letzten Tagen auf den koreanischen Suchmaschinen mehrfach unter den Top Ten der Keywords.
Was ist das Ziel?
Das Ziel ist ganz einfach: Durch das Storytelling mit Ji Min Han versuchen wir die Zahl der koreanischen Übernachtungen in der Schweiz zu erhöhen. Wir wollen in den nächsten drei Jahren nochmals um 15 Prozent zulegen. Aber natürlich – wie in allen anderen Ländern – beeinflusst auch die wirtschaftliche und politische Situation die Reiselust der Einheimischen.
Interview: Adrian Schräder/Das Gespräch wurde Anfang Juni Bern geführt - während Ji Mins Reise durch die Schweiz

