23.07.2013

SIX

"Der Bankenplatz wird innerhalb der Schweiz viel kritischer beurteilt als im Ausland."

Christian Katz ist seit vier Jahren CEO der Schweizer Börse. Wie erlebt er den Sturm, der momentan über unseren Finanzplatz hinwegzieht? Und warum sind Börsenkurse immer noch der zuverlässigste Indikator über das Wirtschaftsgeschehen? Im Interview mit "persönlich" spricht der Finanzprofi über das Image des gesamten Bankenplatzes und den Ruf der Schweizer Börse.
SIX: "Der Bankenplatz wird innerhalb der Schweiz viel kritischer beurteilt als im Ausland."

Herr Katz, welche langfristigen Auswirkungen hat der aktuelle Streit mit den amerikanischen Finanzbehörden auf den Schweizer Börsenplatz?
Die Schweizer Börse ist ein Teil der SIX, die mit ihren Dienstleistungen das Rückgrat des Schweizer Finanzplatzes bildet. Damit sind wir natürlich zumindest mittelbar auch von der Verfassung unserer Kunden, und das sind vor allem Banken, abhängig. Über- geordnet ist es aber für die Schweiz als Ganzes und den Finanzplatz im Speziellen sehr wichtig, wenn der Streit so rasch als möglich geschlichtet wird. Dann kann der Blick wie- der nach vorne gerichtet werden. Der Finanzplatz hat zweifellos grosse Stärken und ein enormes Potenzial.

Sie waren lange bei JP Morgan in London. Warum haben Sie vor vier Jahren zur Börse gewechselt?

Ich war mein ganzes Berufsleben lang bei Banken respektive Finanzinstituten in Zürich, London und Hongkong tätig. 2009 habe ich zur Börse gewechselt, weil ich mehr Verantwortung für den gesamten Finanzplatz übernehmen wollte. Die Börse hat innerhalb unserer Wirtschaft einen eminent wichtigen Stellenwert: Sie ist der zentrale, regulierte Markt einer freien Gesellschaft.

Wie beurteilen Sie das Imageproblem des schweizerischen Bankenplatzes? 

Hier muss man zwischen der nationalen und internationalen Perspektive unterscheiden. Ich glaube, der eigene Bankenplatz wird innerhalb der Schweiz viel kritischer beurteilt als im Ausland. Man darf nicht vergessen, dass wir – und damit meine ich auch den Werkplatz Schweiz – die Finanzkrise praktisch unbeschadet überstanden haben. Gleichzeitig konnten wir unsere starke Position trotz der Rezession, die momentan in der EU herrscht, sehr gut verteidigen und befinden uns seit Jahren auf einem wirtschaftlichen Höhenflug. Dies über- sieht man hierzulande gerne.

Trotzdem ist unbestritten, dass der Schweizer Bankenplatz momentan unter massivem Druck steht. Wer sind die Bösen?

Es handelt sich nicht um eine Frage von Gut und Böse. Entscheidend ist vielmehr, welches Geschäftsparadigma und welche politischen Kräfte sich in Zukunft durchsetzen können. Aus der Innensicht ist die Infrastruktur unseres Finanzplatzes technologisch führend, konstant und solid. Die Abwicklung, die Börse, die Zahlungssysteme funktionieren problemlos. Dies kann man längst nicht mehr von allen europäischen Ländern behaupten.

Dies weckt auch Begehrlichkeit oder Neid ...
Selbstverständlich erweckt dies Neid. Dies ist auch der Ursprung von politischen Forderungen, welche die Selbstbestimmung der Schweiz aufzuweichen versuchen. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Ausländer, deren Regierungen sich gegenüber unserem Finanzplatz kritisch äussern, nicht nur mit Worten, sondern auch mit den Füssen abstimmen und sehr gerne zu uns in die Schweiz umsiedeln. Das ist der beste Beweis, dass die Schweiz immer noch einen hochattraktiven Wirtschaftsplatz darstellt.

Die Schweizer Börse hat einen guten Ruf. Was machen Sie besser als Ihre Konkurrenten oder Mitbewerber?

Der Qualitätssinn und die Arbeitseinstellung unserer Mitarbeiter sind aussergewöhnlich hoch. Die SIX beschäftigt insgesamt rund 3’500 Angestellte, wobei etwas mehr als 250 Vollbeschäftigte bei der Börse arbeiten. Viele unserer Mitarbeiter sind schon sehr lange bei uns. Bezeichnend ist, dass sie die gleiche Leidenschaft für die Börse empfinden wie ich. Von einer Börse erwartet man nicht nur, dass sie reibungsfrei funktioniert, sondern dass sie auch einen fairen und transparenten Handel organisieren kann. Dazu gehört, dass sie irreguläre Transaktionen verfolgen oder verhindern kann. Momentan befinden wir uns technisch auf dem höchsten Stand, der weltweit überhaupt möglich ist. In den letzten Jahren konnten wir unsere operative Profitabilität sogar verdoppeln.

Was ist eine unsaubere Transaktion, und wie stellt man diese überhaupt fest?
Es gibt verschiedene Arten, um irreguläre Transaktionen zu tätigen, ich denke beispielsweise an Insidergeschäfte. Verboten sind auch Scheingeschäfte, bei denen man ein falsches Preissignal setzen will, um die Kurse zu manipulieren. Mittlerweile gibt es Softwarelösungen, die verdächtiges Verhalten sofort erkennen. Als einzige europäische Börse verfügen wir zudem über eine aktive Marktsteuerung. Dabei überwacht ein Team live alle Handelsteilnehmer und alle Wertschriften und kann auch ohne Managementerlaubnis sofort intervenieren. Konkret kann es jedes Wertpapier und jeden Handelsteilnehmer jederzeit vom Handel suspendieren. Unser Inhouse-Regulator beschäftigt zudem rund vierzig Personen, um ausserdem auch das Verhalten der kotierten Firmen genau zu überwachen.

Die Börse steigt momentan immer noch an, die Wirtschaft aber ist auf langsamem Sinkflug. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?
Es war bis jetzt kein Widerspruch. Die Börse befindet sich tatsächlich seit längerer Zeit in einer starken Phase. Die globale Realwirtschaft stagniert überhaupt nicht. Dies zeigt auch das positive Wirtschaftswachstum. Die Börse ist immer noch der beste Gradmesser, um Rückschlüsse auf die Realwirtschaft zu ziehen. Die Firmen, die bei uns kotiert sind, stehen im globalen Wettbewerb hervorragend da. Ein paar derjenigen Firmen, die über die grösste Marktkapitalisierung Europas verfügen, wie Nestlé, Novartis und Roche, sind in der Schweiz kotiert. Alle drei sind höher kapitalisiert als die grösste kotierte Firma in Deutschland. Diese Unternehmen sind sehr global und kompetitiv aufgestellt und haben ihre Wachstumsmärkte während Jahren und Jahrzehnten erschlossen. Dies, wie auch die erfolgreiche Geldmarktpolitik der Nationalbank, widerspiegelt sich im Börsenkurs. Nach meiner Erfahrung ist die Börse immer noch der zuverlässigste Indikator für zu- künftige wirtschaftliche Entwicklungen.

Sie widersprechen also der Aussage, wonach die Börsenkurse und die Wirtschaft derzeit nicht korrelieren?

Ja, es gibt keine bessere Analyse als diejenige, die alle Marktteilnehmer an der Börse gemeinsam treffen. Dies übertrifft je- den Stammtisch und auch jedes Expertengespräch. An der Börse geht es schlussendlich um reelles Geld. Analysiert man den Investitionsgrad in Aktien in den hoch entwickelten Regionen wie den USA oder Westeuropa, so ist dieser immer noch sehr tief. Man kann mutmassen, dass es immer noch einen Nachholbedarf gibt.

Das vollständige Interview von Matthias Ackeret lesen Sie in der aktuellen "persönlich"-Printausgabe.

 

 

 


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