22.06.2004

"Die Erfüllung unseres zweipoligen Auftrags ist eine Gratwanderung"

Wie sich die Post neu positioniert: Post-Chef Ulrich Gygi (Bild) ist in einer Sandwichposition zwischen Marktöffnung und Service public. Einerseits schrumpft der Briefmarkt, und die Konkurrenz von anderen Postgesellschaften nimmt zu, anderseits wollen linke Kräfte durch eine Initiative den Status quo bewahren. Gygi sagt im neusten “persönlich blau”, wie er sich auf diesem schmalen Grat ausbalanciert. "persoenlich.com" bringt einen Ausschnitt aus dem Interview:
"Die Erfüllung unseres zweipoligen Auftrags ist eine Gratwanderung"

Herr Gygi, die Post steht unter massivem Konkurrenzdruck. Wo steht Ihre Firma in zehn Jahren?

Ich denke, die einzelnen, nationalen Postgesellschaften werden verstärkt grenzüberschreitende Dienstleistungen im Brief-, Express- und Paketbereich anbieten. Diese werden voraussichtlich neben den bereits jetzt bekannten Anbietern UPS und Fedex die deutsche, französische, englische und niederländische Post sein. Die deutsche und französische Post sind beispielsweise bereits heute im liberalisierten Paketmarkt Schweiz erfolgreich tätig. Einige der nationalen Postgesellschaften dürften aufgrund des massiven Drucks ihre Unabhängigkeit verlieren. So suchen die österreichische, dänische, belgische und irische Post bereits heute nach starken Partnern.

Warum nimmt der Druck auf die nationalen Player zu?

Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens, der traditionelle Postmarkt -- insbesondere bei den Briefen -- schrumpft. Dies ist eine Auswirkung des E-Mail-Verkehrs. Die Öffnung der Märkte forciert zweitens zusätzlich den internationalen Wettbewerb.

Schauen Sie sich auf dem internationalen Markt nach möglichen Kaufobjekten um?

Wir überlegen uns, in das Briefnetz gewisser Länder zu investieren. In Deutschland pflegen wir beispielsweise über die Firma PrimeMail GmbH einen Joint Venture mit Hermes, einem deutschlandweiten Verteilnetz für Kleinwaren und Pakete. In Italien sind wir an Porta a Porta S.p.A. beteiligt, die erfolgreich im Versand und Inkasso ist.

Ein wichtiges Geschäft für die Post ist die Verteilung der Zeitungen und Zeitschriften, die durch den Bund aufgrund des Presseförderungsgesetzes subventioniert wird. 2007 läuft die Subvention von heute 80 Millionen Franken aus. Der Verband der Schweizer Presse fordert an dessen Stelle deshalb direkte Subventionen von 150 Millionen Franken, die an eine Stiftung gehen sollen, die dann das Geld verteilt. Was halten Sie davon?

Die heutige indirekte Subventionierung ist ein Bundesbeschluss, den man problemlos verlängern kann. Dies wird wohl in zwei Jahren auch geschehen, wenn man keine sachlich befriedigende Lösung gefunden hat. Wir waren allerdings stets gegen Kosmetik am geltenden, von den Beteiligten, Bund, Post und Verleger, fein austarierten System der indirekten Presseförderung. Ein Systemwechsel zur direkten Presseförderung aus der Bundeskasse müsste der Post auch erlauben, den Zeitungsverlegern für ihre Leistungen kostenbasierte Marktpreise zu verrechnen.

Die Post hat ja zu den Verlagen nicht immer ein entspanntes Verhältnis. Wie ist die Zusammenarbeit heute?

Einige Verlage befürchten, dass sie durch die grosse Post -- für gewisse Dienstleistungen alleinige Anbieterin -- erdrosselt werden. Das ist aber nicht unsere Absicht. Dass wir auch gut zusammenarbeiten können, zeigt die jüngste Zeit. Nachdem der Bund uns zunächst 20 Millionen Franken Subventionen gestrichen hat, sind wir mit den Verlegern zusammengesessen und haben nach Lösungen gesucht. Wir starten im August mit der gemeinsam erarbeiteten Kosten sparenden Transportlogistik.

Sie stehen in einer Sandwichposition zwischen Service public und Marktöffnung. Wie gehen Sie damit um?

Die Erfüllung unseres zweipoligen Auftrags ist eine Gratwanderung. So müssen wir -- ohne staatliche Unterstützung -- einen hoch stehenden, flächendeckenden Universaldienst anbieten, der für alle Kunden gleich viel kostet. Andererseits verlangt man von uns unternehmerisches Handeln und damit kostengünstige Produktion, um die Bevölkerung und Wirtschaft mit fairen Postpreisen bedienen zu können. Obwohl sich diese beiden Ziele beissen, können wir sie mit den bestehenden Gesetzen erfüllen, wenn wir genügend Handlungsspielraum bewahren können.


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