Herr Metzelder, im Juni dieses Jahres haben Sie Ihre Karriere als Profifussballer beendet. Seither sind Sie in verschiedenen Bereichen tätig – unter anderem als Kommentator beim Bezahlsender Sky und im Sportmarketing bei Jung von Matt/sports. Wie sieht Ihr neuer Alltag genau aus?
Ich bin sehr viel unterwegs. Mehr als je zuvor, denn ich muss schauen, dass jedem Bereich, den ich betreue, die gebührende Beachtung zukommt. Ich nehme das aber nicht als Belastung wahr, weil es einfach grossen Spass macht. Und grundsätzlich bin ich natürlich froh, dass mir der Übergang vom aktiven Sportlerleben ins "normale" Berufsleben so gut geglückt ist. Das ging alles sehr schnell: Ich hatte meinen letzten Tag bei Schalke, bin anschliessend zehn Tage in den Urlaub gefahren und dann ging es direkt weiter.
Ist Ihr Job bei Jung von Matt/sports derzeit Ihre Hauptbeschäftigung?
Ja, es hat sich so dazu entwickelt. Als Sky-Experte bei den Spielen der Bundesliga und der Champions League wende ich etwa einen Tag pro Woche auf. Das ist vom Pensum her relativ überschaubar. Für die Agentur bin ich in Hamburg oder bei Kundenterminen in Deutschland unterwegs.
Gleichzeitig spielen Sie auch noch Fussball. Bei Ihrem Stammverein, dem Landesligisten TuS Haltern. Wie oft erscheinen Sie tatsächlich beim Training?
Der Fussball leidet momentan am Meisten. Wobei es auch so geplant war, dass meine Spielertätigkeit völlig abhängig davon ist, wie viel Zeit mir meine beruflichen Aktivitäten noch lassen. Deswegen habe ich die Mannschaft in den letzten Wochen nur noch gemeinsam mit dem Trainerteam von der Seitenlinie unterstützen können.
Ich hatte gar nicht richtig mitgekriegt, dass Sie Ihre Laufbahn beendet haben. Wie lange im Voraus hatten Sie Ihren Absprung geplant?
Ich habe versucht, den richtigen Zeitpunkt zu finden und ihn vor allen Dingen selber festzulegen. Ich wollte mich immer auf einem möglichst vernünftigen Niveau verabschieden, so dass man mich in guter Erinnerung behält.
Was hat schlussendlich den Ausschlag gegeben dies schon in diesem Jahr zu tun?
Ich musste mir Anfang des Jahres eingestehen, dass ich sowohl körperlich als auch sportlich nicht mehr auf dem hohen Niveau hätte weiterspielen können. Ich hätte nicht mehr mit grossen Vereinen international oder um Titel spielen können. Und das war immer mein Antrieb!
War für Sie schon immer klar: 2013 sitze ich mit Anzug im Büro?
Nein, das nicht. Ich sitze auch nicht ständig mit Anzug im Büro. Aber ich habe schon neben meiner aktiven Karriere eine Stiftung geführt und mich um die Zukunft meines Heimatvereins TuS Haltern gekümmert. Das waren erste Schritte in ein anderes Berufsleben. Jeder Sportler, egal in welcher Sportart, muss sich bewusst sein, dass diese schöne Zeit irgendwann zu ende geht und ein anderer Abschnitt beginnt. Einer, der nicht in kurzen Hosen bestritten wird.
Sie haben den Absprung geschafft. Bei uns in der Schweiz handeln viele die Frage der richtigen der Karriereplanung im Zusammenhang mit Roger Federer ab. Verfolgen Sie seinen Werdegang?
Ja, natürlich verfolge ich den. Roger Federer ist wahrscheinlich der grösste Tennisspieler aller Zeiten. Natürlich wünscht man so jemandem, dass er würdig abtritt. Aber ich kann auch verstehen, wenn ein Sportler auch mit über dreissig noch den Ehrgeiz hat zu spielen und Turniere zu gewinnen. Da für sich selber das richtige Mass finden, ist auch extrem schwierig.
Für mich war Oliver Bierhoff da das Vorbild. Er hat damals ganz klar gesagt: Das wird mein letztes Jahr und dann ist Schluss. Und daran hat er sich gehalten.
Wie gross sind die Entzugserscheinungen?
Bislang hab ich damit gar keine Probleme. Natürlich waren die Spiele am Wochenende grosse Highlights. Die werden mir auch immer in schöner Erinnerung bleiben. Aber davor steht viel Verzicht und Quälerei im Trainingsalltag. Und das fehlt mir nicht.
Also bedeutet das Spielen auf höchstem Niveau nicht Adrenalin pur?
Na ja, das Ganze hat auf dem Niveau immer auch eine negative Seite. Da ist extrem viel Anspannung und Druck im Spiel, auch der persönliche Kampf gegen Fehler und Versagen. Ein Spitzensportler muss das aushalten können. Deswegen habe ich das auch nicht immer so geniessen können.
Jetzt arbeiten Sie im Sportmarketing. Wie war das als Spieler: Wie haben Sie Werbung, wie haben Sie Marken, wie haben Sie die Zusammenarbeit mit solchen Unternehmen wahrgenommen?
Ich hab das relativ früh schon bewusst miterlebt. Bereits 2002 kamen erste Unternehmen auf mich zu. Damals ging es eher um klassische Ausrüsterverträge mit Sportartikelherstellern wie z.B. Nike. Im Anschluss habe ich dann hautnah miterlebt, wie die Vereine immer mehr zu Marken wurden. Neue Geschäftsmodelle entstehen neben den klassischen Einnahmefeldern des Fußballs, es ist eine spannende Zeit. Ausserdem habe ich als Konsument immer schon gerne gute Werbung gesehen - auf allen Kanälen.
Was ist Ihnen denn in punkto Sportmarketing aufgefallen?
Gerade im Fussball fällt auf, dass viele Sponsoringentscheidungen immer noch auf Mäzenatentum beruhen. Rechte werden teuer erkauft, für die sinnvolle Aktivierung wird dann nichts mehr getan. Und beim Heimspiel wird dann auf den letzten Seiten des Stadionmagazins das Firmenlogo unter Hunderten gesucht. Die reine Präsenz als Partner reicht heute nicht mehr aus.
Also sollte man auf Marketing in dieser Form verzichten?
Nein, es kommt einfach darauf an, welchen Zweck man verfolgt. Bei Eon und Evonik ging es darum, mit dem Hauptsponsoring bei Borussia Dortmund neu geschaffene Markennamen einzuführen und die Bekanntheit zu steigern. Das ist in beiden Fällen gelungen. Möchte ich Fans auch als Kunden für mein Unternehmen gewinnen, muss ich mich langfristig und ehrlich zu einem Verein bekennen. Die Fans in Deutschland reagieren sehr sensibel auf die Kommerzialisierung des Sports und ständig wechselnde Sponsoren.
Was wären da positive Beispiele aus Ihrer Sicht?
Wir haben den FC St. Pauli, der unabhängig vom sportlichen Erfolg der Mannschaft eine Marke geworden ist. "Non-established", unangepasst, anders. Mit dieser Botschaft können sich viele Fans auch ausserhalb von St. Pauli identifizieren. Borussia Dortmund schafft es mit "Echte Liebe" das besondere Lebensgefühl des Ruhrgebiets und die bedingungslose Verbindung zum eigenen Verein zu kommunizieren. Rund um das Champions League-Endspiel in London haben sie mit witzigen Aktionen viele neutrale Fussballfans begeistern können, die nun zu Sympathisanten des BVB geworden sind. Und der FC Bayern steht wie kein anderer Verein für Erfolg und Exzellenz. Nun greifen sie mit Pep Guardiola und einem eigenen Vorstandsposten für Internationalisierung die grossen Märkte in Asien und Nordamerika an. Inzwischen beschäftigen sich viele Vereine mit dem Thema Markenführung und Leitbild. Sich aber über die Kernbotschaften Leidenschaft und Tradition hinaus von anderen abzugrenzen ist eine echte Herausforderung.
Wie gehen Sie bei Ihrem Job als Sportmarketing-Verantwortlicher vor? Wer sind Ihre Ansprechpartner?
Wir wollen im Grunde kreative Konzepte für alle Beteiligten im Profisport anbieten. Für Verbände, Vereine, Athleten und für Unternehmen, die im Sponsoring aktiv sind. Gerade das Thema "Vereine als Marke" finde ich persönlich sehr, sehr spannend – auch weil viele in diesem Prozess erst am Anfang stehen.
Also ist da mehr rauszuholen?
Die grosse Herausforderung ist ja die Fans mitzunehmen. Zu wissen, dass die Treue zu einem Verein fast unzerstörbar ist, ist Chance und Verantwortung zugleich. Der deutsche Fussballfan ist loyal und dennoch sehr kritisch. In solchen Prozessen muss man das Ohr an der Fanbasis haben, oder noch besser sie in die Entscheidung mit einbeziehen.
Jung von Matt/sports ist ein junger Unternehmenszweig. Welche Kunden haben Sie seit Mitte Jahr gewinnen können?
Wir dürfen für den DFB eine Amateurkampagne verantworten, die mit dem Claim "Unsere Amateure. Echte Profis" eine Liebeserklärung an Millionen AmateurspielerInnen, Trainer, Betreuer und Ehrenamtliche ist. Ausserdem zählen wir Karstadt sports und die Tischtennis Bundesliga zu den ersten Kunden.
Ihr Herz schlägt für den TuS Haltern, einen Siebtligisten. Kann man da mit Sportmarketing auch schon etwas bewegen?
Ja. Allerdings nur, wenn man die Zugpferde hat und sie einspannt. Im Fall des TuS Haltern sind das vier Fussballprofis, die in den letzten 10 Jahren den Sprung in die Bundesliga und teilweise sogar in die Nationalelf geschafft haben: Benedikt Höwedes, Sergio Pinto, mein Bruder Malte und ich. Wir haben 2010 mit unserer Kampagne "Tu’s Haltern!“ und verschiedenen Social-Media-Massnahmen dafür gesorgt, dass der Verein deutschlandweit bekannt ist. Aber auf den sportlichen Erfolg hat das natürlich keine Auswirkungen. Wir sind zwar zwei Mal auf-, aber in der letzten Saison auch wieder abgestiegen.
Ich bin, ehrlich gesagt, auch noch nicht so weit, dass ich mir jetzt ein Trikot bestellen würde. Vor allem wenn ich höre, dass Sie kaum je spielen!
(lacht) Ehrlich gesagt, sind die Trikotverkäufe auch keine originären Erlösquellen für uns.
Sie sind bei mir immer noch als Spieler von Borussia Dortmund abgespeichert. Zuletzt haben Sie aber beim Erzrivalen Schalke O4 gespielt. Solche Wechsel sind ja extrem verpönt. Wieso macht man sowas?
Das hatte sehr viel mit der Person Felix Magath zu tun, der mich vorher schon zu Wolfsburg holen wollte. Er hat mir im Vorfeld in intensiven Gesprächen vermittelt, dass ich eine wichtige Rolle in seinen sportlichen Planungen spielen würde. Somit hat er mir die Rückkehr ins Ruhrgebiet ermöglicht.
Also gab es zu jenem Zeitpunkt kein Angebot von Borussia Dortmund?
Nein. Es gab nach meinem Wechsel zu Madrid auch keinerlei Kontakt mehr. Durch Jürgen Klopp ging die Philosophie de Vereins auch schnell in Richtung junger Spieler mit grossem Entwicklungspotential. Da gab’s überhaupt keine Berührungspunkte mehr. Aber ich gebe auch zu, dass ich die romantische Vorstellung hatte, dass man mich als Kind des Ruhrgebiets irgendwann in beiden Verein akzeptieren würde.
Welchem Klub stehen Sie heute näher?
Ich bin wahrscheinlich irgendwo zwischendrin. Bei Schalke habe ich zuletzt gespielt, bei Dortmund hat meine Karriere richtig angefangen. Durch die spezielle Konstellation konnte ich aber wohl nie ganz "Schalker" werden. Und "Dortmunder" bin ich wahrscheinlich auch nicht mehr.
Sie haben in mehreren Interviews gesagt, dass Sie sich vorstellen könnten später mal ins Vereinsmanagement oder gar in die Politik zu wechseln. Ist das Sportmarketing für Sie nur eine Zwischenstation?
Das mit der Politik war sicherlich etwas flapsig gemeint. Ich bin ein sehr politischer Mensch und habe in den meisten Bereichen eine dezidierte Meinung. Mit meiner Stiftung engagiere ich mich unter anderem auch bildungspolitisch. Aber ich habe nicht vor in den nächsten Jahren in Deutschland als Berufspolitiker aufzutauchen. Ich glaube eher, dass ich irgendwann eine Funktion im Vereinsfussball übernehmen werde.
Sie haben nun mehrfach Ihre Stiftung angesprochen. Erklären Sie doch noch kurz, welchen Zweck diese genau verfolgt, wie sich diese finanziert und wie sie aufgebaut ist!
Die Stiftung begleitet Kinder und Jugendliche aus sozial schwachem Umfeld auf ihrem schulischen und beruflichen Weg. Die Bekämpfung von Kinderarmut und ihren Auswirkungen, die Verbesserung von Bildungs- und Ausbildungschancen und die Integration von Kindern mit Zuwanderungshintergrund sind die grossen Ziele, die wir momentan in 15 Projekten in ganz Deutschland verfolgen
Zuletzt noch kurz eine Einschätzung vom TV-Fussballexperten: Wie hätten Sie den Fussballer Christoph Metzelder charakterisiert?
Ich glaube, dass ich immer jemand war, der sich extrem gut auf den Punkt konzentrieren konnte – gerade wenn es um grosse Spiele und Turniere mit der Nationalmannschaft ging. Da konnte ich absolut am Limit spielen. Über die gesamte Karriere betrachtet, habe ich auch im Hinblick auf meine schweren Verletzungen alles aus meinen Möglichkeiten herausgeholt.
Interview: Adrian Schräder/Bild: ©Carsten Sander

